Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Rektor Ahlwardt feiner bet* beiden Parteiorganisationen 1 angehört." Am Ende erfahren wir auf Tivoli, daß Böckel und Me- ' Hermann auch schon „verjudet" oder „Judenknechte" sind. * Magdeburg, 30. November. In einer von etwa 3000 Personen besuchten Versammlung sprach Lic. Gräbner über den Antisemitismus, die Schmach des neunzehnten Jahrhunderts. Die Antisemiten waren in großer Zahl anwesend. bilbetcn aber doch nur einen kleineren Bruchtheil der Versammlung. In Folge der trefflichen Anordnungen des Vorstandes des freisinnigen Wahlvereines konnte Gräbner seinen zweistündigen Vortrag ohne bedeutendere Störung zu Ende führen. Als Vertreter der Antisemiten antwortete ein Herr Müller aus Berlin. Da die Antisemiten nach der Rede ihres Parteigenossen das bekannte Manöver übten, die darauf folgenden Ausführungen ihres Gegners durch großer: Lärm zu stören, fo wurde die Versammlung bald geschlossen. Die Ausführungen Gräbners haben sicher auf alle nicht von blindem Judenhaß erfüllten Zuhörer eine große Wirkung ausgeübt. # Breslau, 28. November. Die letzte Woche war am hiesigen jüdisch-theologischen Seminar der Trauer und der Freude geweiht Am 15. November veranstaltete die Lehrer einen Trauergottesdienst für den seligen Prof. Graetz. Zur Zeit als Prof. Graetz gestorben, waren die Hörer des Seminars zum großen Theile abwesend, und obschon > am Versöhnungstage der Festprediger des seligen Dahingeschiedenen ausführlich gedachte, es machte sich dennoch das Bedürfnis; geltend, in einem besonderen Gottesdienste die Gefühle der damals Abwesenden zum Ausdrucke zu bringen. Um 11 Uhr Vormittags versammelten sich in der Seminarspnagoge sämmtliche Hörer, das Lehrerkollegium, die Curatoren der Fränkel'schen Stiftung, die Gemeinderabbiner, viele hervorragende Mitglieder der hiesigen Gemeinde und Mitglieder der Familie Graetz. Nachdem die Feier durch Gebet eigeleitet worden war, sang der Gesangverein jüdischer Theologen den Psalm 16. Hierauf bestieg Herr cand. phil. S. Silberstein die Kanzel und entwarf in längerer, schwungvoller Rede ein Bild des Verstorbenen. Nachdem er Graetz als Forscher geschildert und die hohen Verdienste hervorgehoben, die er sich auf dem Gebiete der Geschichtsschreibung erworben und das erhabene Ziel beleuchtet, das Graetz sich in der Bibelforschung gesteckt hatte, ging er dazu über, Graetz als Lehrer und Jugendbildner zu würdigen. Gesang, der auf die Rede folgte, schloß die würdige Feier. — Die Woche gab den Hörern des Seminars auch Veranlassung, ihre Liebe und Verehrung einem anderen Lehrer und Meister der Wissenschaft bei freudiger Veranlassung zu zeigen. Herr vr. David Rosin, der berühmte Forscher auf dem Gebiete der jüdischen Exegese und ausgezeichnete Grammatiker, feierte das 25jährige Jubiläum seiner Berufung an das hiesige Seminar und das war Veranlassung für seine Schüler, ihm ihre Huldigung darzubringen. Am Festtage, Mittwoch der: 18. November wurde dem Jubilar von dem Gesangvereine jüdischer Theologen ein Ständchen dargebracht. Zur Gratulation erschien dann das Komitee der ehemaligen und jetzigen Hörer, die dem Jubilar eine prächtige Adresse, geschmückt mit den Photographien seiner sämmtlichen Hörer, übereichte. Ihnen folgte das Lehrerkollegium, das seinem Kollegen nebst mündlichen Glückwünschen noch eine prachtvoll ausgestattete Adresse übergab. Das Euratorinm der Fränkel'schen Stiftung fügte feiner Adresse noch ein werthvolles Geschenk für den Jubilar hinzu. Aus der großen Zahl der Gratulirenden, unter denen sich viele ehemalige Hörer, die von ihren Amtssitzen hierher aus weiter Ferne herbeigeeilt waren, um ihren geliebten Lehrer an feinem Freudentage persönlich zu beglückwünschen, sich befanden, wollen wir noch hervorheben das hiesige Rabbinat, das Euratorinm der israelitischen Industrieschule, dem auch der Jubilar angehört re. rc. Von den in großer Anzahl eingelausenen Adressen, Glückwunschschreiben und Telegrammen feien hier nur erwähnt die Adressen der hiesigen und Erfurter Gemeinde. — An: Abend veranstalteten die Hörer des jüdisch-theolgifchen Seminars einen Festkommers an welchem viele Freunde und Verehrer des Jubilars theilnahmen. Herr Dr. Rosin nahm, bei der Erwiederung auf einen Toast Gelegenheit, einen Rückblick auf sein Leben zu werfen. Er schilderte, wie er in früher Jugend in Prag mit Sachs und Rappaport bekannt worden ist und welchen Einfluß Ersterer auf ihn ausgeübt, sowohl damals als auch später in Berlin, wo er nach Beendigung seiner Studien dem Lehrer-Collegium der jüdischen Volksschule angehörte, und. die Religionsschule der jüdischen Gemeinde begründete. Nach Bernays Berufung nach Bonn vom seligen > Direktor Frankl aufgefordert, nach Breslau ans- Seminar zu kommest,! leistete er, da mit Sachs Tode das hauptsächlichste Band, das ihn an j Berlin gefesselt hatte gelöst war, diesem Rufe Folge, erklärte jedoch dem seligen Direktor Frankl, der ihm Lehrfächer der klassischen Philologie zuweisen wollte, daß sein Herz und Sinn den jüdischen Forschen: gehöre. Frankl seinem Wunsche willfahrend, wies ihm exegetische Literatur und Homiletik zu nächst der klassischer: Philologie, so gestaltete es sich, daß mit der Zeit sein Herzenswunsch ganz in Erfüllung ging. Mit Dank an feine verehrten Collegen und lieben Schüler und einem Appell an letztere schloß die mit Begeisterung aufgenomwene Rede. In gemächlicher Stimmung blieben die Gäste bis spät in die Nacht hinein zusammen; allen den Anwesenden wird die Erinnerung an diesen Abend/wo dieecht jüdische Verehrung des Lehrers zum Ausdrucke gekommen und das liebevolle Verhältniß, das zwischen den Lehrern und Hörern des Seminars herrscht, sich gezeigt hat, im Angedenken bleiben. J. F. X Frankfurt, 29. November. Wenn ich auch weder von dem Verein für jüdische Geschichte und Litteratur an der Universität Berlin, dessen Bestrebungen ich nach Kräften zu fördern suche, noch von Herrn Dr. Heinemann besonders aufgefordert worden bin, zu seinem Vortrage „Saadia Gaon, eine tausendjährige Jubelfeier" zu erscheinen,! bin ich dennoch hingeeilt. Und ich freue mich, daß ich mir den geistigen i Genuß, welchen uns der Redner gewährt hat, nicht habe entgehen lassen. Doch besitze ich nicht die Unbescheidenheit, Kritik zu üben an der Leistung eines Mannes, der manche Zeit seines Lebens edler Sache hingegeben, manche Stunde der jüdischen Wissenschaft gewidmet hat. Nur so viel darf ich sagen und ich spreche es gern aus: Herr Dr. Heinemann hat es verstanden, uns in schöner, gewählter Sprache einzuführen in eine schwierige Periode der jüdischen Geschichte, mit Wärme und Ueberzeugungstrene die Gestalt Saadias vor die Seele zu führen. Wir brauchen Männer, welche die jüdische Wissenschaft vertreten, welche Kenner sind der Bibel und Israels religiöser Schriften, welche einzudringen verstehe:: in das zu vieler: Menschen leider räthselhaste, mit sieben Siegeln verschlossene Buch, den Talmud. Wir brauchen Männer, welche die Geschichte, die Vergangenheit und die Geisteserzeugnisse unserer jüdischen Väter schätzen und ehren, welche die großen Gestalten, die das Judenthum hervorgebracht, aufleben lassen und das wahre Judenthum im Innern und nach außer: hin vertreten und in Schutz nehmen gegen die Stürme, welche es bedrohen. Wenn nach dem schönen Ziele hin, welches sich der Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Frankfurt am Main gesteckt hat, in dieser Weise weiter gearbeitet wird, und die Kraft des Herr): Dr. Heinemann fernerhin mit der feiner Vereinsmitglieder vereint bleiben wird, wird sich der Verein um das Judenthum große Verdienste erwerben. Oesterreich - Anga rn. L Wien, 30. Nov . Zweimal nach einander in kurzer Zeit ist in dieses Blatte über die Bibliothek in der hiesigen Gemeinde gesprochen worden. Da es bei dieser Gelegenheit überhaupt zum ersten Male war, daß die Leser von der Existenz derselben etwas erfuhren, so hätte man wohl ein anerkennendes Wort dafür erwarten sollen, daß hier mit beträchtlichen Kosten eine Büchersammlung hergestellt wurde und fortgesetzt wird, me sie in gleichem Umfange sonst in keiner Gemeinde zr: finden ist, wenn überhaupt eine solche vorhanden ist. Statt dessen springt Ihr Berichterstatter gleich in medias res und hat nur scharfe und abschätzige Worte für die ganze Institution. Aber'wer durch mehr als ein Menschenalter in unserem engeren Kreise gelebt und gewirkt hat, für den haben derartige Erscheinungen nichts Ueberraschendes, und so will ich mich auch dabei nicht länger aufhalten, sondern nur auf die Berichtigung falscher Angaben beschränken. Eine solche ist es, wenn der Einsender die Bibliothek „fast unzugänglich" nennt. Daß sie in den Lesestunden allgemein zugänglich ist, ist selbstverständlich; aber weit ausgedehnter ist die Benützung derselben durch Entlehnung von Büchern, die der Vorstand in liberalster Weise bewilligt. Ich kann es getrost behaupten, ohne Widerspruch befürchten zu müssen, daß seit dem Bestehen der Bibliothek Niemand in Wien auf unserem speziellen Gebiete, litterarisch thätig war, der sie nicht in ausgiebigster Weise ausgenutzt hätte. Selbst von auswärtigen Gelehrten ist sie wiederholt in Anspruch genommen worden. Auch viele Gemeinde-Mitglieder, die, ohne gerade Fachgelehrte zu sein, doch ein Interesse an der jüdischen Wissenschaft haben, bekommen Bücher