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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-04 · Heft 49 (4.12.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 49 (4.12.1891)
Date
1891-12-04
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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55. Jahrgang. Nr. 49. . ®cr*m’ Dezember 189/ HSeikage zur „Akkgerneinen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 1. Dezember. Der Lokal-Verband des Esra-Vereine, zur Unterstützung ackerbautreibender Inden in Palästina und Syrien veranstaltete am'24. November im Grand Hotel Alexanderplatz eine Versannnlung, die zahlreich von Mitgliedern und Gästen besucht war. Herr Dr. Herzberg, Waisenhausdirektor in Jerusalem sprach über das interessante Thema: „Die Fortschritte Palästinas in den letzten zehn Jahren". Derselbe schilderte eingehend die Schwierigkeiten, mit denen die jüdischen Kolonisten, welche Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre nach mehr als einem Jahrtausend zuerst wieder den Versuch wagten, auf dem Boden ihrer Väter als ^CcferOaucr zu leben, zu kämpfen hatten. War doch schon die*Wahl des Terrains für die erste Kolonie — Pethach Tikwah —- eine so unglückliche, das; die Ansiedler sehr bald durch Krankheit und die im Anschluß hieran ausbrechende Noth gezwungen waren, ihr Land zu verlassen! 'Ausgedehnte Sümpfe in nächster Nähe der Ansiedelung machten dieselbe nämlich zu einem ständigen Herde voll Malariafiebern, und dies um so mehr, als von den Kolonisten selbst die einfachsten Regeln der Hygiene außer Acht gelassen wurden. Aber bald trat die Kolonisation in ein günstigeres Stadium. Neue Ansiedelungen entstanden in ziemlicher Menge und sogar die Jahre lang brach gelegenen Ländereien der ersten Kolonien wurden von einem Theile der ursprünglichen Besitzer und einer größeren Anzahl inzwischen eingewanderter russisch-jüdischer Flüchtlinge von Neuem — und diesmal mit besserem Erfolge — beackert. Hatten doch die ersten trüben Erfahrungen die Ansiedler in sehr vielen Punkten gewitzigt. Welche Begeisterung übrigens die Idee hervorgerufen hatte, läßt sich, wie Redner ausführte, besonders daran ermessen, daß selbst Studenten, denen zum Bauern eigentlich Alles fehlte, bei Regenrmd Sonnenschein, trotz Hunger und Durst, Pflugschaar und Egge mit einer Ausdauer und einem Arbeitseifer handhabten, welche wahrhafte Bewunderung erwecken mußten. Heute liege:: die Verhältnisse schon um Vieles günstiger. Ein kräftiger, äußerst arbeitsamer jüdischer Bauernstand ist tut Entstehen begriffen, und versteht es, sich dem Eingeborenen gegenüber in Respekt zu setzen. Der Getreide- und vornehmlich der in letzter Zeit stark betriebene Weinbau bringen von Jahr zu Jahr wachsende Erträgnisse, so daß im Großen und Ganzen der Kolonisationsversuch als gelungen bezeichnet werden darf. Daß die klimatischen Schwierigkeiten vielfach überschätzt werden, beweist wohl am besten die Ansiedelung der württembergischen Templer, deutsche Bauern, die sich schon seit langer Zeit im heiligen Lande befinden und sammt ihren Ansiedelungen ein Bild freudigsten Gedeihens liefern. Ein günstiger Umstand erleichtert übrigens den Juden die Kolonisirung wesentlich, was augenblicklich besonders für die russisch-jüdischen Flüchtlinge in Betracht ommen dürfte — im Gegensatz zu anderen Ländern — das ist die Achtung, in die sich der Jude bei der Bevölkerung des Landes leicht zu setzen vermag. Der Fellache hat nämlich, obgleich nominell Mohammedaner von Religion, nur recht mangelhafte Begriffe, so daß er heute noch eher als Heide wie als Moslem zu bezeichnen ist, schätzt jedoch religiöses Benehmen bei anderen und speziell bei den gesehestreuen Juden sehr hoch. Da zudem selbst der wenig kultivirte russische Jude sehr den Fellach an Bildung und auch an Fleiß unendlich überragt, so ist die geachtete Stellung der jüdischen Bevölkerung in Palästina leicht erklärlich. Dem Vortrage folgte Beifall. * Berlin, 31. November. Die erste „israelitische Volksspeise- Anstalt wurde Montag Vormittag im Hause Klosterstraße 99 eröffnet. In den weiten, einfach aber sauber und freundlich eingerichteten Räumen hatte sich eine größere geladene Gesellschaft eingefunden, indeß bereits die Köchinnen an ihren ungeheueren Kesseln ihres Amtes walteten und die den Kreisen der Gesellschaft angehörenden Ehrendamen an den Anrichte- und Büffet-Tafeln, ihres Dienstes gewärtig, standen. Nachdem die Räume, deren Wände mit deutschen und hebräischen Sprüchen geschmückt sind, die Abtheilungen für Damen wie für Gäste, die sich den Blicken einer größeren Oeffentlichkeit entziehen wollen, nachdem die zweckmäßigen Einrichtungen alle in Augenschein genommen waren, hielt der Begründer der „israelitischen Volksspeise-Anstalt" Herr Hermann Abraham eine kurze Ansprache. Er hob hervor, wie es längst ein Bedürfnis; gewesen, den Arnren und Aermsten jüdischen Glaubens, die an ererbten Religionsvorschriften und Bräuchen festhalten, die Möglichkeit zu gewähren, in einer öffentlichen Speiseanstalt ohne ein Gewissens- und Gemüthsopfer Sättigung zu finden. Die Anstalt stünde aber selbstverständlich ohne Unterschied des Glaubens jedem offen, und wer sie hungrig betrete, soll sie gesättigt verlassen. Nachdem der Begründer die Anstalt für eröffnet erklärt, brachte ihm Herr Rabb. Dr. Landsberger ein lebhaft aufgenommenes Hoch aus. Die Gäste, zu denen u. A. die Vorsteherinnen bei* älteren fünfzehn allgemeinen Volksküchen gehörten, nach deren Muster und Erfahrungen die neue Anstalt eingerichtet wurde, nachdem die Eingeladenen und Neugierigen die Anstalt verlassen, strömten in dichten Schaaren diejenigen herein, für welche das Institut begründet wurde. Am Eröffnungstag waren über dreihundert Marken für ganze Mittagsportionen gratis ausgetheilt worden. Ueber 800 Personen wurden gespeist. In dem Maße, in welchem die Fonds es irgend gestatten, sollen auch künftig starken, aber nicht in der Anstalt selbst, sondern im Verbandsbureau frei ausgetheilt werden. * Berlin, 1. Dezember. Der Vorstoß gegen die Judenemanzipation, welche einige übereifrige Anhänger der Kreuzzeitungspartei — wie in voriger Nummer berichtet — auf dem schlesischen Provinzialtage der konservativen Partei vorgenommen haben, hat mit einem Fiasko geendet. Der prächtige Antrag, den Talmud auf Staatskosten Libersetzen zu lassen, kam gar nicht zur Debatte, und das ganze Ergebnis; war der Beschluß, die Parteileitung zu ersuchen, „zn der brennenden Judenfrage Stellung zu nehmen." Das war Alles. Aber auch diese Forderung, welche merkwürdigerweise mit einer gleichartigen der „Kreuz-Zeitung" zusammentraf, hat von unzweifelhaft konservativer Seite niehrfach unbedingte Ablehnung erfahren. Sogar der Hrn. Stöcker einst nahe stehende „Reichsbote" erklärt sich mit dem Treiben der schlesischen Herren nicht einverstanden. Und gar in Chemnitz hat der Vorstand des konservativen Vereins einige zwanzig seiner antisemitischen Mitglieder, die bei den Stadtverordnetenwahlen unter heftigen Angriffen auf die Vereinsleitnng für die Wahl der deutschsozialen Kandidaten eingetreten waren, aus dem Verein ausgeschlossen. — Dagegen hat im Reichstag das Mitglied der „Reichspartei" Hr. von Fr ege sich im Judenhetzen geübt, wenn auch dieser Herr nicht den Muth der schlesischen Feudalen besitzt. Jene wollen offen die Juden und die Gleichberechtigung bekämpfen, Hr. v. Frege bemäntelt seine Meinung durch die Umschreibung, der „jüdische Geist" müsse bekämpft werden. Kennt Hr. v. Frege ihn denn, den jüdischen Geist? Es ist der Geist, der aus der Bibel wie aus den Evangelien in gleicher Weise hervorleuchtet, und auf den sich die moderne Kultur gründet. Wenn Hr. v. Frege diesen Geist bekämpfen will, so möchte der Kampf ungleich scheinen. Denn Geist kann nur durch Geist bekämpft werden. * Berlin, 1. Dezember. Die Anschlagsäulen verkünden, daß der neue Liebling der Antifemitenpartei, Hr. Ahlwardt, in Tivoli „neue Enthüllungen" dem lauschenden Volke mittheilen werde. Wir wissen zwar vorher, daß an diesen „Enthüllungen" wenig Wahrheit sein wird, sind aber eigentlich ein wenig neugierig, gegen wen ihre Spitzen sich denn diesmal richten werden. Denn die bösen Juden haben aufgehört, die alleinigen Gegner des würdigen Rektors a. D. zu sein, auch die, so noch kürzlich ihm nahe standen, die Herren Antisemitenführer, sind schnöde von ihm abgefallen. Böckel sowohl, als auch Liebermann von Sonnenberg erklären gemeinsam „auf vielfache Anfragen": „daß sie für das Verhalten und öffentliche Auftreten des Herrn Rektor Ahlwardt keine Verantwortung übernehmen und dap

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