Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- Seite 588 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227927--48436-3270957- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
588 Ci'iimmf tu»» »um für sein Bci'brcchen z>l einem guten Thcst ^ie Strönuinp des Zeiüzeistes vermitwortlich machen, und sei» Treiben wäre nicht möglich gewesen, wenn es nicht so viele Dummlöpfe gäbe, die an ihn glaubten, und dann läuft die Todesstrafe, namentlich in Gestalt des I-e»ertodcs, zu sehr de» gegemvärtig sich Bahn brechenden humanen Anschauungen zuwider. Außerdem ist Frank, obivohl er das Christenthum angenommen hat, von Geburt Jude. Dieses Jndcnthum bleibt ihm auhasten trotz der Taufe, die er empfangen, und eine künftige, von den Juden milder denkende Zeit wird in dem verbrannte» Betrüger Frank immer »och den Juden sehen. Wollen Ihre Majestät, daß man einst sagt: „Unter Stanislaus Anglist wurde ein Jude verbrannt?" Stanislaus August sann eine Weile nach und wandte sich dann zu Turski: „Bischof, was denken Sie von der Sache?" „Majestät," sprach Turski, „so sehr ich die Bekenntnißtreue des Rabbi achte, so muß ich ihm doch in diesem Punkt lvidersprechcn. Das Recht der Gnade ist der köstlichste und Prächtigste Edelstein in der Krone des Monarchen, aber dieser Edelstein wird seines Glanzes beraubt, wenn die Gnade verhärteten, im Grund des Herzens verdorbenen Berbrechern gespendet wird. Majestät, ich inöchtc die Zeit nicht erleben, wo die Könige, von einer falschen Hunianität geleitet, verruchte Mörder begnadigen, die nach dem Gesetze des Todes schuldig sind. Man lvird dann das Leben des ehrlichen braven Alaune» durch dieses System voll der Gnade der Herren Mörder abhängig machen. „Aug' unr Auge, Zahn um Zahn, wer Blut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden", so heißt's im Gesetz. Was null aber Frank angeht, so hat er sich allerdings keines Verbrechens wider das Leben einer Person schuldig gemacht, allein er hat Gott gelästert, er hat mit dem Höchsten, was dem Menschen heilig sein kann, einen schändlichen Betrug verübt. Es ist ein abscheulicher verstockter Verbrecher, der seinem ganzen Wesen nach zu Llig und Betrug tauglich ist. Wer bürgt uns dafür, ob unsere Gefängnisse fest genug sind, die Welt vor diesem durchtriebenen Gauner z» schützen? Ihn gilt es, ein für allemal unschädlich zu »lachen, damit er nicht anderwärts seinen Betrug voll Neuem beginnt. Durch die Begnadigung Franks lvürden Eilre Majestät eine schivere Verantwortlichkeit auf sich laden, deren Folge» sich jeder Berechnung entziehen. " König Ltanislaus August sann lange nach, dann sprach er: „Nun, so sei es, ich nehme die Verantwortung auf mich. Frank ist mein Taufpathe! Unbekümmert um die Folgen soll er von mir sein Leben diesmal als Pathengeschenk erhalten." „Majestät," sprach Turski, „bevor der König gehandelt, ist die Rede frei. Nachdem er entschieden hat, beugt sich der treue Unterthan in Ehrfurcht der königlichen Entschließung." Der Bischof und der Rabbiner neigten sich tief. Beide wurden von dem Könige ans, das Freundlichste entlassen. Stanislaus August Unterzeichnete dann ein bereits vorbereitetes Dekret, welches die Begnadigung Franks zu lebenslänglichem Kerker verfügte. Wenige Tage später wurden alle Verurtheilten nach der Festung Czenstochau gebracht, um dort ihre Strafen zu verbüßen. U Fitterarische MittheUungru. M. K. C. F. Gellert über die Juden. Unsere Gegner und besonders die waschechten deutsch-sozialen Antisemiten, beurtheiten jeden großen Mann nach seiner Stellung zur Judenfrage. So lange man G. Freytags Meinung über die Juden nur aus seinem „Soll und Haben" erkennen konnte, wurde er auf den Schild gehoben; als er aber dem Verein z. Abw. d. Antisemitismus beitrat, war er „alt geworden". Dabei scheut man vor den wunderbarsten Widersprüchen nicht zurück. Virchow, der „Judenschützer", wird angegriffen, weil er sich über Koch's Entdeckung des Tuberkulin nicht günstig ausspricht, und Nothnagel, der ebenfalls die große Sünde begangen hat, für die Juden einzutreten, wird in den Organen der Deutsch-Sozialen mit den: grimmigsten Hohn überschüttet, weil er dieselbe Entdeckung die größte That des Jahrhunderts genannt hat. Besonders aber muß sich Jeder, der den Juden nicht direkt feindlich gegenübertritt, ben Vorwurf gefallen lassen, daß er ein schlechter Christ sei. Auf die Gefahr hin, daß auch CH. F. Gellerts Christenthum in Zweifel gezogen wird, sei hier seine Meinung über die Juden, sogar über die polnischen Inden, wiedergegeben. Die betreffenden Stellen befinden sich in seinem Roman „Leben der Schwedischen Gräfin von G." (1746—47), und sind citirt nach einer Separatausgabe von 1783, Leipzig, C. Fritsch. Der Gemahl der schwedischen Gräfin ist in russische Gefangenschaft gerathen und sendet aus Sibirien durch einen polnischen Juden einen Brief au feine Gemahlin. S. 80: „Ein polnischer Jude, der nach Tobolskoy handelt, und im Begriffe steht, wieder nach Pohlen abzureisen, ist mein Freund und großer Wohlthäter geworden, und vielleicht wird er gar mein Befreier aus der Gefangenschaft. Ich habe ihm vor einem Jahre...... das Leben erhalten . . . Dieser Mann ist auf die edelste Art dankbar gewesen, und hat mir bewiesen, daß es auch unter dem Volke gute Herzen giebt, das sie am wenigsten zu haben scheint." Durch einen glücklichen Zufall wird der Graf frei und kommt eher zurück, als der Jude den Aufenthalt der Gräfin hat ausfindig machen können. Als dieser aber endlich eintrifft, wird er freundschaftlich aufgenonunen. „Sein Herz war wirklich seiner ehrlichen und einfältigen Miene gleich, und seine Sitten gefielen durch sein H?rz" (S. 115). Bei seiner Abreise sagt die Gräfin (S. 116—17): „Der rechtschaffene Mann! Vielleicht würden viele von diesem Volke bessere Herzen haben, wenn wir sie nicht durch Verachtung und listige Gewaltthätigkeiten noch mehr niederträchtig und betrügerisch in ihren Handlungen machten, und sie nicht oft durch unsere Aufführung nöthigten, unsere Religion zu hassen." * Gesammelte Schriften von Ludwig Philippson. Herausgegeben von Dr. M. Philip pson. Lieferung 9—12. Breslau, Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlagsanstalt, vorm. S. Schottlaender. Die vorliegenden Lieferungen enthalten die Fortsetzung des im vierten Jahrhundert spielenden Romans „Sepphoris und R om", der den Leser durch die Wärme und Treue des historischen Kolorits, durch eine reich bewegte Handlung, durch die ergreifende, überzeugende Schilderung menschlicher Leidenschaften fesselt. Wir wollen nicht unterlassen, unsere Leser wiederholt auf dies Unternehmen, durch welches dem jüdischen Publikum einer seiner besten Erzähler näher gebracht wird, aufmerksam zu machen und ihnen dasselbe angelegentlich empfehlen. * In seinem neuesten trefflichen Werke „Ouellenschriften zur Geschichte des Unterrichts und der Erziehung bei den deutschen Juden" sagt Herr Dr. Güdemann, daß ihm eine Erklärung des in dem von ihm mitgetheilten „Maarecheth Abraham" vorkommenden jüdisch-deutschen Wortes „Greis" (Fehler) nicht bekannt sei. Ich bin in der Lage, zwei Erklärungen für dieses im Jargon häufiger vorkommende Wort bieten zu können. Entweder dürfte es mit dem talmudischen Worte Zusammenhängen oder es ist (mit der im jüdisch-deutschen Jargon nicht ungewöhnlichen Vertauschung des harten mit dem weichen Konsonanten) das deutsche Wort „Kreis", weil man falsch geschriebene Worte nicht anszustreichen, sondern durch Einschließen in einen Kreis als solche erkennbar zu machen pflegte. Wiesbaden. Dr. M. Silberstein. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.