Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- Seite 586 (sequence 10)
- Language
- German
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genommen; die große Kaiserin hatte den Knaben an ihr Herz gezogen und geküßt und wie bekannt, ärgerte sich Wolfgang, als er vettvöhntvonden Liebesbezeigungen des Wiener Hofes, in Paris durchaus die Marquise von Pompadour auf die geschminkten Wangen küssen wollte. „Hat inich doch die Kaiserin geküßt," rief, er zornig aus, „und diese da tvill mir keinen Kuß geben!" Es war ein Glück, daß die allmächtige Maitresse diese Worte nicht verstand, sonst wäre es dem Wunderknaben wohl schlecht ergangen am Hofe zu Paris; indeß aber wurde er verwöhnt und verhätschelt, und auch in London überhäuften ihn die Majestäten mit Aufmerksamkeiten; König Georg III., der die Musik sehr liebte, ließ keine Gelegenheit Vorbeigehen, ahne die österreichische Musikerfamilie auszuzeichnen, und die Königin ließ sich von dem kleinen Wunderknaben zu ihrer Lieblingsarie (ein Lied von Händel) begleiten. — Da wurde der Pater plötzlich krank und die Mozartische Familie war in nicht geringer Angst um sein Leben. Nach wochenlangem Krankenlager erholte sich der Kranke endlich und die Familie konnte an die Heimreise denken; war ja der Aufenthalt in Englands Hauptstadt trotz der kostbaren Geschenke, die sie erhielten, immer noch zu kostspielig für ihre geringen Mittel. Während seiner Krankheit aber hatte der alte Mozart gelobt, falls er gesunden sollte, zehn Dankmeffen in der Kirche lesen zu lassen, und ein Judenkind, das im gleichen Alter mit seinem Wolfgang stehe, zum Christenthum zu bekehren. Dieses Kind fand sich in dem achtjährigen Sohne des Violincellisten Sipruntini, der zur selben Zeit aus Holland kam, um in Englands Hauptstadt durch sein Spiel viel Geld zu verdienen. Eifrig ging denn auch der alte Mozart an die Bekehrungsversuche, von denen aber selbstverständlich unser Wolfgang nicht die mindeste Ahnung hatte; und schwerlich würde ihn: diese Art der Dankbarkeit recht zugesagt haben. Auch später, in seinen Mannesjahren und in den Tagen seines höchsten Ruhmes hatte Mozart Beziehungen zu Juden. In dem Hause eines reichen Juden, des sonst nicht bekannten Barons v. Wetzlar, verlebte Mozart auch die erste Zeit seiner jungen Ehe; daß er sich in dem Hause sehr wohl fühlte und zu seinen Hausleuten in vertrautesten Beziehungen stand, davon giebt ein Schreiben Wolfgangs an seinen Vater beredtes Zeugniß. Der junge Mozart berichtet von einem Hausballe, den er in seiner Wohnung gegeben, und bei dem auch der Baron Wetzlar sammt Frau zugegen war. Der reiche jüdische Baron zeigte sich auch dein Künstler gegenüber stets von der bereitwilligsten Liebenswürdigkeit; so steht auch der Name des Herrn v. Wetzlar unter Mozarts Gönnern auf der Subskriptionsliste zu den Fastenkonzerten, welche Mozart an den drei letzten Mittwochen in den Fasten im Saale des Buchhändlers Trattner am Graben gab. Baron Wetzlar, ein großer Musikliebhaber, hatte sogar die Bekanntschast Mozarts mit dem italienischen Dichter Lorenzo da Ponte, der später den Text zuni „Don Juan" schrieb, vermittelt und erwies sich auch bei dieser Gelegenheit als großmüthiger Gönner. Da Mozart die Besorgniß äußerte, eine von ihm komponirte Oper werde nicht zugelassen werde, erbot sich Wetzlar, für den Text dem Dichter ein angemessenes Honorar zu zahlen und die Aufführung der Oper, wenn die Hindernisse in Wien unübersteigstch sein sollten, in London oder Paris zu erwirken. lieber all' diesen persönlichen Beziehungen steht aber der Geist der Liebe und Humanität, von dem Mozarts unsterbliche Tondichtungen durchglüht waren, jener Geist, der Bornrtheil und Haß zurückgedrängt und vernichtet und die Kinder Israels aus dem Banne des Ghetto's erlöst, der auch die Liebe zur Tonkunst und die Ausübung derselben in ihrer Mitte von Neuem geweckt hat, so daß auch sie heute mit der ganzen Menschheit das Andenken des großeil Tondichters feiern dürfen. O FEUILLETON *&- Aer heilige Herr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. (Fortsetzung.) Neuntes Kapitel. D e r f a ls ch e M e s s i a s. In den Räumen, lvelche die Inquisition im erzbischöflichen Palaste in Warschau inne hatte, herrschte eine ungewöhnliche Thätigkeit. Schon seit Langem schien die Wirksamkeit^des heiligen Offiziums erloschen zu sein, denn nur hier und da gab eine Beschwerde, welche gegen einen oder den andern Polen, wegen leichtfertiger Arußerungen oder kirchlicher Lässigkeit erhoben wurde, zu einer kleineil Strafe oder Rüge Beranlassung. Diesesmal lag der Inquisition mit Emeiniiial ein bedeutender, immer größere Dimensionen einnehmender, ungemein verwickelter Prozeß vor. Aller Orten in Polen wllrden ausgedehnte Berhöre vorgenoimuen, und die Verhörprotokolle wanderten nach Warschau, wo sie dem General-Offizial unterbreitet wurden. Es ergab sich, daß die Zahl von Franks Anhängern viele Tausende betrug, das; zahllose Wundergeschichten über ihn verbreitet waren, und daß er unter einem großen Theil als Messias galt. Die Untersuchung nahm Anfangs einen für Frank schlimmen Verlauf. Viele seiner Anhänger bekannten und belasteten ihn durch ihre Aussagen, und es stellte sich sogar Heralls, daß er in russischem Solde, daß er zu der russischen Regierung in geheimen Beziehungeil stand. Aus den bei ihm Vorgefundenen Briefen Katharinas II. und Potemkins ergab sich, daß er zu wiederholten Malen bedeutende Summen ans der russischen Staatskaffe empfangen und daß er dagegen Verpflichtungen übernommen hatte. Alles dieses wurde festgestellt, und nachdem das Beweismaterial vollständig gesammelt war, wurde Frank dem General-Osfizial vorgeführt. Frank war bereits seit Monaten in Haft gehalten worden und hatte während dieser Zeit Mliße gefuiiden, seine Lage reiflich zu überlegen. Er war zu dem Schluffe gekomme», daß es für ihn das Günstigste sei, das, was einmal nicht abzuleugnen war, nnumwunden einzngestchn. Der General-Offizial war überrascht von der Bereitwilligkeit, mit welcher er seine Betrügereien zugab. „Wie nennst Du Dich," fragte der General-Offizial. „Ich bin Jakob, Sohn des Laib," antwortete Frank. „Ist es wahr, daß Du in Gebetbüchern den Name» „Jesus" auslöschen und dafür Deinen Namen „Jakob" setzen ließest?" „Ja," erlviederte Frank nach einigem Zögern. „Ist es wahr, daß Du von Dir gesagt hast: Als einst Rabbi Mardochai zu mir sprach: „Jakob, zeige deine Kraft!" stieg ich ans eine Eichentreppe und jeder Tritt meines Pantoffels war im Holz ansgedrückt!" Frank schwieg. „Hast Du dieses von Dir gesagt?" fragte Turski noch einmal. „Ja," antwortete Frank. „Ist es wahr, daß Du gesagt hast, Dll seist der Messias?" Frank schtvieg abermals. „Antlvorte mir!" „Ja," flüsterte Frank.