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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-04 · Heft 49 (4.12.1891) · p. Seite 584

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 49 (4.12.1891)
Date
1891-12-04
Page
Seite 584 (sequence 8)
Language
German
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ganze Jahr fort, auch Weiber und Kinder können sich dabei beschäftigen. Daneben bleibt für Gemüse- und Obstkultur genügende Zeit. Auch ist die Kaffeeknltur zweifellos lukrativ; fie hat Sao Paulo zur reichsten Provinz Brasiliens gewacht. Die Gesundheitsverhältnisse können keine Besorgnisse einflößen. An der Küste, namentlich in Santos, tritt zuweilen das gelbe Fieber auf, auch in der Stadt Campinas; äußerst selten im Innern des Landes. Die offizielle Statistik beziffert die Sterblichkeit in den Städten auf 2,19 Prozent, die auf dem flachen Lande auf 1,7 Prozent, was ja überaus günstig wäre; ist dem vielleicht nicht ganz zu trauen, so doch dem einstimmigen Urtheil unserer Gewährsmänner, wonach die sanitären Verhältnisse befriedigende sind. Das Klima wird dem italienischen verglichen; die mittlere Temperatur der Provinz (19,50 ($,.) ist allerdings imt 4° höher als jenes Italiens, doch wurden wir darauf aufmerksam gemacht, baß die Temperatur im höher gelegenen Innern, wohin wir unsere Kolonie führen wollen, wesentlich niedriger ist als an der Küste, llebrigens sind die Juden einzelner südruffischer Gouvernements aus ihrer Heimath her an recht hohe Temperaturen gewöhnt. Die politischen Verhältnisse sind relativ befriedigender als in bttt anderen südamerikanischen Staaten. Die Wandlung zur Republik hat sich friedlich vollzogen, speziell in Sao Paulo sind Ordnung und Ruhe bisher nie gestört worden. Die Gesetze der Republik haben den Unterschied zwischen Eingeborenen und Fremden aufgehoben; der Kolonist wird nach einiger Zeit gleichberechtigter Bürger. Die Rechtspflege ist leidlich geordnet; sie ist unbedingt besser als in Argentinien, geschweige denn gar in der Türkei; die Verwaltungs- Autonomie , welche für die Kolonieen zu erreichen wäre, ist beträchtlich; wir legen darauf besonderen Werth, ebenso daß die öffentliche Sicherheit ziemlich groß ist, Diebstahl in den Kolonien ist fast unbekannt; der Mord aus Eifersucht unter den Eingeborenen allerdings häufig, aber davon wird der Kolonist nicht berührt. Ueberfälle der Indianer kommen nicht mehr vor; was nach dieser Hinsicht noch heute erzählt wird, wird uns von unfern Gewährsmännern als Erfindung bezeichnet. Auch die Gefahr, die durch schädliche Thiere drohe, werde iibertrieben; daß es giftige Schlangen gebe, sei ja richtig, doch ereignete sich selten ein Unglücksfall. Von Tigern hat einer der Herren während dreizehnjährigen Aufenthaltes im Lande nur einen gesehen; der brasilianische Silberlöwe aber falle nie den Menschen an. Daß Sao Paulo schon derzeit die wichtigste Provinz Brasiliens ist, habe ich bereits erwähnt; sie ist auch in rapider Entwickeümg begriffen; so haben sich z. B. die Zolleinnahmen von 1875—1885 verdoppelt, ebenso die Steuereinnahmen ohne Erhöhung der Sätze. Auch speziell der Kaffeeertrag ist in diesen 10 Jahren von 700,000 Säcken auf mehr als das Doppelte gestiegen. Das Eisenbahnnetz ist bereits heute sehr reich entwickelt; es wird unausgesetzt ausgebaut; auch die Industrie blüht; das Fabrikwesen dehnt sich immer mehr aus. Eine gute Zukunft wird diesem Theite Brasiliens übereinstimmend zugesprochen. Ein riesiges, sehr fruchtbares Hinterland harrt noch der Erschließung. Die Haltung der brasilianischen Regierung gegenüber unserem Projekt ist, soweit unsere bisherigen Informationen reichen, wohlwollend. Wir werden materiell von ihr nur verlangen, was sie Jedermann gewährt: freie Passage ganz oder zur Hälfte, freien Transport vom Hafen bis an den Ort der Bestimmung, Unterstützung beim Straßenbau — Alles nach dem Gesetz vom 28. Juni 1890 und dem Nachtrag vom 7. November 1890. Und ebenso sott moralisch keine besondere Begünstigung gefordert sein; wir beanspruchen nur ungehinderte Aktion für uns auf dem Boden des Gesetzes. In welchen Theilen des Staates Sao Paulo, der ja größer ist als Rumänien, Serbien, Griechenland, die Schweiz, Holland und Belgien zusammengenommen, — er hat 312,283 Quadratkilometer — wissen wir noch nicht genau, darüber, wie über alle sonstigen Details werden wir erst dann definitiven Beschluß fassen, sobald uns die Berichte unseres Delegirten und die Rathschläge der von ihm zu bildenden Lokal-Komitees in Brasilien vorliegen. Daß wir solche Komitees an Ort und Stelle gewinnen, die aus unbedingt zuverlässigen und sachverständigen Männern bestehen, Komitees, auf deren Eifer und unausgesetzte Sorgfalt wir sicher bauen können — dies ist eine conditio sine qua non des ganzen Projekts. Von hier aus, auf diese riesige Entfernung hin, ließe sich die Sache nicht rationell beginnen,^ geschweige denn ausführen. Und rationell, unter streng geschäftlichen Gesichtspunkten muß sie gemacht sein, eine Kolonie kann der Humanität ihren Ursprung verdanken, aber sie kann nicht auf die Dauer von der Humanität erhalten werden, sondern muß sich aus eigener Kraft erhalten. Demgemäß haben wir unser vorläufiges Projekt auf durchaus nüchterner Basis entworfen. Hier die Grundzüge. Wir kaufen eine bereits im Betrieb befindliche Kaffee-Plantage und siedeln die ersten hundert Familien auf derselben an. Die Plantage bleibt unser Eigenthum, die Leute sind unsere Arbeiter. Dort erlernen sie die Kaffee-Kultur unter der Anleitung unserer Instruktoren. Dazu genügt ein Jahr reichlich. Schon in diesem erftcn Jahr dürfte der Ertrag du genügender sein, die Leute zu ernähren. Vom zweiten Jahre ab ergiebt sich bereits ein Ueberschuß über die Erhaltungskosten, wenn die Sache halbwegs rationell betrieben wird. Gleichzeitig kaufen wir ein Urwald-Terrain, daß für 100 Familien genügt, und lassen es durch Eingeborene (Cabaelos) ausroden, brennen, bepflanzen. Auf dieses Terrain werden die Leute aus unserer Plantage, die dort inzwischen die Kafse-Kultur gelernt, successtve übersiedelt — nicht mehr als Arbeiter, sondern als unsere Pächter, dann als unsere Erbpächter, endlich unter gewissen Bedingungen, die dem Nachschub aus Europa zu Gute kommen sollen, als Eigenthümer. Wie Sie sehen, berücksichtigt das Projekt die Hauptpunkte, die hierin Frage kommen können. Den Leuten wird keine Arbeit zugemnthet, die sie nicht leisten können. Auch dafür ist gesorgt, daß sie dabei bleiben: sie haben die Aussicht, zu materieller Selbstständigkeit, allmühlig zu Wohlstand zu gelangen. Etwaige Unzufriedene, arbeitsscheue, untaugliche oder unbotmäßige Leute werden noch als Arbeiter entfernt; den ihnen geschenkten Grundbesitz zu verschleudern, wie dies in Nordamerika vorgekommen, ist ihnen nicht möglich, weil sie zunächst keinen haben; wer nicht arbeiten will, mag in den Fabriken sein Heil versuchen. Auch materiell ist die Basis eine gesunde: es wird ein bestimmtes Kapital investirt, dann aber kann sich die Kolonie selbst erhalten und aus eigener Kraft emporwachsen. Nach ben Gutachten, die uns vorliegen, unterliegt es keinem Zweifel, daß die Ueberschüffe der Stammkolonie genügend sein werden, um die allmählige Anlage der neuen Zweigkolonien zu decken. Erforderlich ist also zunächst das Kapital für die Stammkolonie. Die Gesammtkosten für Grund und Boden (Kaffeeplantagen und Wohnhäuser), ferner Kosten der Jnstallirung für 100 Familien von durchschnittlich 0 Köpfen, zusammen 000 Personen, stellen sich nach unseren! Voranschlag auf circa 000,000 Mark, also 1000 Mark pro Kopf. Die Gesannntziffer setzt sich natürlich ans Addenden zusammen; ich habe den Entwurf hier mitgebracht; in einer so vielköpfigen Versammlung eine lange Reihe von Ziffern zu verlesen, deren jede einer besonderen Erläuterung bedürftig ist, schiene mir ein überflüssiges Attentat auf Ihre Geduld. Vielleicht begnügen Sie sich mit der Versicherung, daß wir sehr lange gerechnet haben. Hierzu kämen die Kosten für das Urwaldterrain. Für jede Familie sind 30 Hektar erforderlich. Der Hektar konunt auf 20 Mark zu stehen, also 5 Mark pro Morgen. Eine solche Ziffer habe ich vor Augen gehabt, als ich den Preis für gleichfalls uukultivirtes Terrain in Palästina als sehr theuer bezeichnete. Wie Sie sehen, stellen sich schon die Kosten beim zweiten Hundert Familien sehr viel billiger. Und nun zum Schluß! M. H., darüber scheint mir kein Zweifel: unser Plan ist unter allen Umständen ernsthaft zu nehmen, weil er an sich vernünftig ist und das Gutachten sehr ernsthafter und selbstloser Leute für ihn lautet. Aber andererseits scheint nlir angesichts der Gelddebatte, die heute hier stattgefunden hat, angesichts des Antrages Goldmann und der Abmachnng mit Amerika gewiß, daß die Durchführung dieses Projektes leider nicht unsere erste Sorge feilt kann. Ich habe aber auch nur — und das thue ich mit bestem Gewissen — den Antrag des Komitees zu vertreten- „das Central-Komitee widmet seine Fürsorge zunächst der Erforschung der Kolonisationsverhältnisse in Brasilien und eventuell" — d. h. wenn sich alle Nachrichten als günstig Herausstellen, wenn alte Bedenken, welche die äußerste Vorsicht stellen kann, erfüllt sind, und bis dahin werden wir noch 3 bis 4 internationale Konferenzen haben — „die Ansiedlung daselbst". Auf diesen letzteren Satz also legen wir praktisch keinen Werth. Die Hauptsache für jetzt ist, daß der Jnformationsapparat nicht stockt, daß wir ruhig weiter arbeiten und das Projekt nicht aufgegeben wird, weil sich jetzt die Sorge unt Nord-Amerika in den Vordergrund drängt. Die Situation gestattet nicht, einen Gaul im Stall zu haben. Der Gaul könnte uns abwerfen^und. dann lägen wir hilflos am Boden. Wir

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