Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- Seite 583 (sequence 7)
- Language
- German
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583 Gestatten Sie mir, da uns dieser Erlaß noch oft vorgehalten werden dürfte — namentlich die begeisterten -Zionsfreunde treiben trotz ihres Monotheismus einen wahren Götzendienst mit diesem Erlaß — Ihnen einige Details darüber mitzutheilen. Die deutschen Ansiedler, die in den ersten Jahrzehnten (von 1823 ab) hinüber kamen, sind im Durchschnitt zu gutem Wohlstand gelängt; auch von den seither Zugewanderten ist der Mehrzahl die Erringung einer guten Existenz geglückt. Die folgenden Zahlen mögen dies beweisen; sie wurden uns von unbedingt vertrauenswürdiger Seite mitgetheilt. Ist Rio Grande do Sul, dem südlichsten der „Vereinigten Staaten von Brasilien", zu denen sich nun das frühere Kaiserreich friedlich umgestaltet hat, sind insgesammt etwa 35,000 Deutsche eingewandert, sie haben sich auf etwa 100,000 Köpfe vermehrt. Handel und Gewerbe sind großentheils in ihren Händen; die Zahl der Brasilianer ist siebenfach größer als die der Deutschen; ihr Grundbesitz, was Umfang und Werth betrifft, nur dreifach größer; auf der Provinzialausstellung waren rnehr als die Hälfte der Aussteller Deutsche. Auch die Ziffern, welche uns aus den Landestheilen Brasiliens über die deutschen Einwanderer vorliegen, ergeben — mutatis inutanäm — kein anderes Resultat. Deshalb hatte das v. d. Heydt'sche Reskript dennoch seine gute Veranlassung. Sie wissen, daß in Brasilien früher die Sklaverei gesetzlich geduldet war. Sie wurde allmählich schrittweise eingeengt, gelindert, endlich ganz aufgehoben. In dem Maße, als dies geschah, wuchs das Bedürfnih nach freien Arbeitern. Die „Fazendeiros", die Großgrundbesitzer, thaten sich zusammen und schickten Agenten nach Europa, um Emigranten zu gewinnen, die Regierung gewährte freie Passage. Die Verträge, auf Grund deren die Leute hinübergeschafft wurden, waren im Grunde nicht so schlecht; es waren dies die Perceria (Halbpacht)-Verträge; die Möglichkeit, allmähliche wirthschaftliche Selbstständigkeit zu gewinnen, war gegeben: die Ernte sollte dem Arbeiter und dem Besitzer zu gleichen Theilen gehören. Aber die Ausführung! Die Agenten waren großentheils gewissenlose Menschen; die Emigranten wurden auf der Reise elend verpflegt; auch die Beförderung vom Hafen ins Innere geschah zuweilen in geradezu empörender Weise. Waren mm die Leute an Ort und Stelle, so ging es ihnen in sehr vielen Fällen materiell gar nicht übel, wohl aber moralisch. Die Fazendeiros waren ja an den Verkehr mit Sklaven gewöhnt und behandelten die Anköuunlinge fast ebenso. Dazu die Neuheit aller Verhältnisse, das fremde Klima — die Arbeiter wollten fort. Da nahmen es sich nun die Besitzer heraus, sie mit Gewalt auf der Scholle festzuhalten. Nun flüchteten Viele und nahmen, in die Hafenstädte gelangt, die Hilfe der deutschen Konsulate für die Rückkehr in Anspruch. Aehnlich erging es den Leuten, die sich hatten verleiten lassen, schon in Europa Land zu kaufen: man hatte ihnen unfruchtbare Einöden aufgeschwatzt! Da griff die preußische Regierung ein und suchte die Auswanderung unmöglich zu machen. Der Erlaß besteht noch heute; daß er nicht streng'mehr gehandhabt wird, beweisen Ihnen die Tausende und Abertausende, die jährlich über Bremen aus Deutschland nach Brasilien gehen. Es ist unseren deutschen Verwaltungs-Behörden daraus kein Vorwurf zu machen. Vielleicht gestatten Sie mir. Ihnen zum Beweise dafür zu citiren, was uns einer der Sachverständigen, die wir zu unseren Kommissionssitzungen eingeladen, darüber gesagt hat: Er sei, als er die Verhältnisse der Deutschen in Brasilien von 1888 ab zu studiren begann, angenehm überrascht gewesen; er hätte sie nicht so gut gedacht. Für jene Kolonisten, die sich nach dem Parceria-System angestedelt, habe sich dies gut gelohnt; die anderen Kolonisten, die gleich selbständig begannen, hättet: oft theures Lehrgeld zahlen müssen; namentlich auf der Regierungs-Kolonie seien Manche schlimm gefahren, aber Alles in Allem seien die Verhältnisse recht gut. So spricht Dr. Kerger, dem die National-Oekonomie ein grundlegendes Buch über die Wirthschafts-Verhältnisse Brasiliens verdankt. Sehen wir nun speziell von den Deutschen ab und fassen wir die Ergebnisse der Kolonisation in Brasilien überhaupt ins Auge, so ist das Gesammtbild noch um Vieles günstiger; die italienischen Kolonisten z. B. kommen noch besser fort. Kurz, alle Berichte, .alle Informationell lassen sich in Bezug auf das ganze Land dahin zusammenfassen: Für den Hilf- und Mittellosen mag noch eine gewisse Gefahr bestehen, daß er dort für längere Zeit, vielleicht für immer wirthschaftlich abhängig bleiben wird, für eine vorsichtig geführte, mit den nöthigen Kapitalien ausgerüstete Kolonie liegt diese Gefahr nicht vor, und was speziell unser Unternehmen betrifft, so ist von keinem der Fachleute, die wir gehört, ein Bedenken dagegen geltend gemacht worden. Auf Grund dieser Informationen haben wir unser Projekt entworfen. Dasselbe ist jedoch selbstverständlich noch kein absolut unditt jedem Detail fertiges, so daß wir schon heute mit vollster Entschiedenheit sagen könnten: Gewähren Sie heute die Mittel für die Durchführung! Aber es ist ein wohlerwogenes, ausführbares, gefahrloses Projekt, das auf solider, rechnerischer Grundlage aufgebaut ist, und dessen Verwirklichung sich — soweit menschliche Voraussicht reicht — keine unüberwindlichen Hindernisse eutgegenstellen. Indem ich nun in die Details eingehe, soweit sie für die Zwecke unseres heutigen Berichtes nothwendig sind, habe ich zunächst mitzutheilen, warum wir nicht jene Gegend dieses Riesenreichs von über acht Millionen Quadrat-Kilometern zu unserem Arbeitsgebiet erwählt haben, welche sich für eine Kolonisation von Europa aus zunächst empfiehlt, den Süden Brasiliens, weil sich seine klimatischen Verhältnisse denen unseres Welttheils am meisten nähern. Es sind sehr triftige Gründe, die uns bewogen haben, von diesen südlichen Staaten — Rio Grande do Sul, Santa Catharina und Parana — abzusehen. Das landwirthschaftliche System, wie es dort in den Urwald-Kolonien betrieben wird, beruht inr Wesentlichen auf Raubbau: der Ansiedler fällt eine Strecke Urwaldes mit der Axt, brennt die Strecke und pflanzt da zunächst Mais, später schwarze Bohnen und Weizen. Jedes Jahr wrrd ein neues Stück urbar gemacht; da sich aber inzwischen der gerodete Boden erschöpft (oft sogar nach 5—6 Jahren), so vergrößert sich der brauchbare Ackerboden nicht allzurasch, die erschöpfte Fläche liegt 6 Jahre brach, bis sie wieder abgeholzt; gebrannt und — freilich auf eine kürzere Frist als das erste Mal — als Ackerboden nutzbar gemacht werden kann. Der Mais kommt auf diesem halb erschöpften Boden noch am besten fort, und die Kolonisten benutzen ihn zur Schweinemast, dem Hauptzweig der Viehzucht; anderes als Schweinefleisch ist kaum erschwingbar. Daraus ergeben sich bereits zwei Hauptbedenken für uns: das rituelle bezüglich der Nahrung — unsere Emigranten sind ja durchaus sehr fromm — und die Besorgniß, daß die Arbeit des Holzfällens und „Räumens" (der Rodung des Strauchwerks re.) ihre Kräfte übersteigen dürfte. Selbst der italienische Holzfäller, an härteste Arbeit gewöhnt, wird da oft muthlos. Hierzu kommt, daß im Süden das deutsche Element in Gesellschaft und Presse starken Einfluß hat. Und dies Element ist antisemitisch. Anders und für unsere Zwecke günstiger — ja nach dem übereinstimmenden Gutachten aller Fachleute durchweg günstig liegen die Verhältnisse in der Provinz Sa o Paulo, der südlichsten von Mittel- Brasilien. Diese Landschaft hält einer Prüfung unter den oben aufgestellten Gesichtspunkten genügend Stand. Eine ausgesprochene Stimmung gegen unsere Schützlinge haben wir hier nicht zu befürchten. Unter den bisherigen Emigranten dominiren die Italiener, welche notorisch duldsam sind. Von den Portugiesen sind die Frauen fromm, aber nicht fanatisch,' die Männer tolerant, sehr Viele in Glaubenssachen liberal. Hier treffen wir auch auf einen Faktor mit dem wir entschieden zu unseren Gunsten rechnen dürfen: Die Zahl unserer Glaubensgenossen, die größtentheils aus Deutschland eingewandert, ist nicht groß, aber die Meisten haben sich durch Fleiß und Tüchtigkeit eine gute. Einige eine glänzende und allgemein respektirte Stellung gemacht. Mit ihren christlichen Landsleuten aus Deutschland haben diese Männer bisher in gutem Einvernehmen gelebt. Die Presse hat — int Gegensatz zu Südbrasilien — keine antisemitischen Tendenzen vertreten. Hier ist auch eitte Bodenkultur möglich, welche mit den körperlichen Kräften einer bisher vorwiegend städtischen Bevölkerung zu leisten ist: Der Kaffeebau. Ist erst der Boden für die Plantage gerodet, — ich komme auf diesen Punkt noch zurück — so erfordert das Pflanzen des Baumes, das Beschneiden desselben, das Jäten, die Anlage der Pflanzenschule für die Setzlinge, die Lese, das Trocknen, endlich die Enthülsung des Kornes in der Walzmühle, sehr viel Fleiß und stetige Arbeit, aber keinen ungewöhnlichen Kraftaufwand. Wer den russischett Juden kennt, weiß, daß er sich für Gartenbau relativ besser eignet als für den eigentlichen Ackerbau, die Pflege des Kaffeebaumes dürfte seiner Eigenart entsprechen. Di^. Arbeit währt das *