Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- Seite 582 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Christenthum nahm alle die edlen Lehren des Judenthums, zugleich aber vermischt mit mancherlei dem Heidenthum entstammenden Anschauungen auf. So entstand das Christenthum — in seiner Sittenlehre (wenn man von gewissen, wie die Geschichte lehrt, nie ernstlich gemeinten Uebertreibungen der Freundesliebe statt der im alten Testament geforderten Freundeswohlthätigkeit absieht) vollständig auf jüdischem Boden, mit jüdischen Grundsätzen und Weltanschauungen, in allem Uebrigen aber als entschiedensterGegensatzzumJudenthum. Aus dem Einen Gott machte es einen Dreieinigen Gott, den altbiblischen Ruach hakodesch, den Geist Gottes, der über den Wassern schwebt, machte es ebenso zu einem selbstständigen Gott wie, ja vorzugsweise, den Religionsstifter Jesus, den es unter Benutzung des jüdischen Wortes und Gedankens: der Gesalbte, Messias, in seiner griechischen Uebersetzung Christus, 31t einem Gott erhob. Und wie die Gottheit Christi — ausgesprochen in dem Namen Christenthum —, so ist der Teufel, so ist die Erbsünde, so ist die Weltflucht Glaubenssatz des Christenthums, anerkannt in den, Theologen unb Religionslehrer bindenden kanonischen und symbolischen Büchern. Als jüngst ein Ehrenmann, ein Edelmann im besten Sinne des Wortes, den Muth hatte, von wirklicher Frömmigkeit und tiefer Wahrheitsliebe durchdrungen, seinen Glaubensgenossen klarzulegen, daß das Dogma von der Göttlichkeit Christi gegen den klaren Gottcsbegriff verstoße, daß Alles auf die Sittlichkeit ankomme: welch' eine Fluth von Angriffen strömte dieser Aussprache entgegen! Wie mühten sich Theologen fast aller Schattirungen, dem Laien seine Unwissenheit darzulegen, dem kühnen Neuerer zu beweisen, daß seine Behauptung nicht neu, nicht mit dem Farbenglanz der Wiffenschaftlichkeit vorgetragen sei; wie waren sie da eifrig bestrebt, ihren Gläubigen dieses Dogma in den für den schlichten Menschenverstand unfaßbarsten Verschleierungen, Symbolisirungen, Umschreibungen, zum guten Theil mit dem gelehrten Apparat philosophischer Dialektik, annehmbar zu machen. Und es liegt Methode in dieser Polemik, das Gefühl nämlich, daß das Christenthum auf dem lebendigen, dem für Gott gehaltenen, in jedem gläubigen Christen lebenden Christus beruht. Anders mein Judenthum! Wir haben ja auch im Judenthum Sagen und Wundermähren, Aberglauben und Unglauben die Hülle und Fülle gehabt. Es siebt noch heute eine große Anzahl jüdischer Glaubensgenoffen, die steif und fest daran glaubt, daß die Thora von Gott dem Moses diktirt, daß sie göttlich ist, daß jedes Wort darin göttliches Gebot, daß jeder dort erzählte Traum göttliche Eingebung, jedes dort berichtete Wunder Wahrheit ist, daß die Propheten die Gottesgabe hatten, ohne eigene Verstandesthätigkeit die Zukunft vorauszusehen, daß am Neujahrstage Gott zu Gericht sitzt und das Urtheil über jeden Einzelnen fällt, daß er es am Versöhnungstage besiegelt. In der That hat man erst kürzlich in einer öffentlichen Versammlung deutscher Glaubensgenoffen behauptet, es sei ein Dogma des Judenthums, daß Gott die Bibel, die zehn Gebote offenbart habe. Glücklicherweise haben wir Juden überhaupt kein Dogma, und der Maimonidische Versuch der dreizehn Glaubensartikel hat zwar das Gebetbuch um das schöne Lied Jigdal bereichert, ist aber nie zur dogmatischen Anerkennung gelangt. Unsere weisesten Gelehrten, von Maimonides an bis in die jüngste Zeit, bis auf Zunz, Geiger, Stein, Grätz u. A., haben die Bibel mehr oder minder mit den scharfen Waffen der Kritik als Menschenwerk bezeichnet und beurtheilt; und sie ebenso wie die Nichttheologen kamen darin überein, daß die Bibel in ihren Sittenlehren, in ihrer Poesie, in der unvergleichlichen Schönheit und Ursprünglichkeit ihrer Geschichtserzählung, in der Erhabenheit ihrer Naturschilderungen u,iy Ermahnungen, in der Weisheit ihrer Sittensprüche und Lebensregeln um so herrlicher und für das Judenthum ehrenvoller, wie bedeutungsreicher ist, je mehr sie als Menschenwerk erkannt und gewürdigt wird. An Stelle des Wunders tritt die Bewunderung. Aber selbst die Annahme eines göttlichen Ursprungs der Bibel enthält nicht entfernt eine Entstellung des Gottesbegriffs. Unsere Ahnen wußten, wofür sie in den Tod gingen, wenn sie den Scheiterhaufen bestiegen, mit dem Rufe adonaj echod, Gott ist einzig! Und dem Bekenntniß des einzigen Gottes folgt sofort, wie im täglichen Gebet — gleichviel, ob es täglich gebetet wird, es ist doch der Ausdruck dessen, was seit Jahrhunderten wie auf den Lippen, so in den Herzen der Juden schwebt oder doch schweben sollte — ba§ weohawto — und du sollst lieben. Nichts unrichtiger nichts auch unleidlicher, als das vom Janhagel wie von der Gelehrtenwelt fortlvährend Wiederholte: daß das Christenthum die Religion der Liebe, das Judenthum die des Hasses, der Rache sei. Gewiß finden sich im alten Testament gerade so wie im neuen genug Stellen, die auf Haß und Rache hinzielen. Und wie könnte das Wunder nehmen? Liest man doch heute noch in Zeitungen diesseits wie jenseits der Vogesen Aehnliches. Aber die Sittenlehre des Judenthums, selbst die seines im alten Testament begründeten Uranfangs, enthält nichts von Haß und von Rache. „Du sollst dich nicht rächen, du sollst nicht nachtragen. Zurechtweisen darfft du deinen Bruder, aber ihm nicht Uebel vergelten." Das sind goldne Lehren aus uralter Zeit, sie klingen weit schöner und beffer, als die süßen Redensarten von christlicher Liebe, die in mittelalterlichen Scheiterhaufen und neuzeitlichem Antisemitenthum ihre Berechtigung und Berichtigung fanden. Habe ich mit diesem Rück- und Seitenblick „mein Judenthum" geschildert als die Religion, die zum Christenthum steht: einig und verbunden in der Sittenlehre, aber ihm sich entgegenstellt in der Gottesanschauung, in der Verehrung des einen Gottes, als die einzige unter den bestehenden Religionen, welche Liebe zu dem einen Gott und zu der einen Menschheit streng fordert und fördert, so bedarf es noch der Beantwortung dreier Fragen: 1. Wie steht es mit den übrigen Lehren des Judenthums? 2. Woher kommt die offensichtliche Gleichgiltigkeit und Abwendung vieler Juden vom Judenthum? 3. Wie regelt sich im Leben das Verhältniß zwischen Judenthui» und Christenthum? Es ist ja nicht zu leugnen, unter dem Sammelbegriff Judenthum wird eine Anzahl von Bräuchen, Gewohnheiten, Satzungen und Meinungen, zum Theil seit Jahrtausenden, zum guten Theil aber auch erst seit Jahrhunderten, mit inbegriffen und gelehrt, hinsichtlich welcher die Wissenschaft verschieden urtheilt, das tägliche Leben aber nicht minder große Mannigfaltigkeit zeigt. (Schluß folgt.) U Nie Kotonijationsfrage. Von Karl Emil Franzos.^ Referat, vorgetr. in der Sitzung der Delegirten-Konferenz vom 21. Okt. (Schluß,) Dieser Erlaß will aus seinen historischen Voraussetzungen heraus, erfaßt und verstanden sein; als bleibende Wahrheit, als Abschreckung für heute darf er nicht mehr gelten. Wenn ich ausdrücklich beauftragt bin. Ihnen dies mit voller Bestimmtheit als die einhellige Ueberzeugung unserer Kommission mitzutheilen, so stützen wir uns dabei auf das ebenso einstimmige Urtheil aller Kolonialfachmänner, die wir darüber gehört haben. Auch alle Schriften, die uns bekannt geworden sind, kommen zu demselben Resultat.