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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-04 · Heft 49 (4.12.1891) · p. Seite 581

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 49 (4.12.1891)
Date
1891-12-04
Page
Seite 581 (sequence 5)
Language
German
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581 mit dcr Befestigung des Weltfriedens abmühcn, die Kriege werden noch die ärgsten Verwüstungen und die bittersten Kümmernisse über die Menschheit bringen, endlich aber erfüllt sich doch das Prophetenwort, verwirklicht sich das mit den Friedensfeinden ringende Streben der edeldenkenden Friedcnskongressisten zu Rom, die eine weibliche Seherin in ihrer Mitte sitzen haben, von der wir mit dem alten hebräischen Sprnchdichter ausrufen dürfen: Viele Frauen haben Großes geschaffen, dn aber übertriffst sie Alle! U Mein Judenthum. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden. Mein J«dei,1hi»mr Von diesen Worten betone ichvor Allem das letzte, das erste aber nicht sowohl und nicht-zunächst in dem Sinne eines Selbstbekenntniffes, als vielmehr in dem der Werthschätzung, der Verehrung, so wie: „Mein Weib", „mein Kind" Gefühlsausdrücke sind, nicht sowohl für den äußerlichen Besitz, nicht sowohl für die Angehörigkeit, als vielmehr für die innige Zusammengehörigkeit, für die innerliche Einheit. Mein Judenthum! Nicht in prahlerischem Zurschautragen, nicht im protzigen Frömmigkeitsdünkcl, nicht im selbstzufriedenen Herabschauen auf Fremde, nicht in verächtlicher Geringschätzung anders Denkender bewährt sich, wer erfüllt ist von der Ueberzeugung, der Befriedigung, dem Sicherheits- und Wonnegefühl, ausgedrückt in den Worten: mein Jndenthum. Mein Judenthum! Und, Hand auf's Herz, wie viele von den Millionen, die dem Namen, dem Geburtsschein, der Stammrolle nach Inden sind, stimmen heutzutage freudig, sicher, überzeugt in den Ruf und das Bekenntniß ein: mein Judenthum? Es dürfte darum kein vergebliches Beginnen sein, vom Standpunkte des Nichttheologen aus, außerhalb des engeren Bereichs der Synagoge, und ohne das dem Fachmann, dem Religionslehrer geläufige und zu überlassende mühsame Geisteswerk systematischer Unterweisung, in kurzen Zügen, mit wenigen Worten über das Judenthum zu sprechen, ungefähr so, wie Schleiermacher seine Reden über die Religion bezeichnet — für die Gebildeten unter ihren Verächtern — aber freilich, wie einerseits ohne die Beredtsamkeit eines Schleiermacher, so andererseits ohne — Schleiermacherei. Was versteht man unter Judenthum? Die Frage ist keineswegs überflüssig, denn sie wird nicht von Allen gleichmäßig beanttworte werden. Nicht blos von den Antisemiten. Die wissen erst recht nicht, was Judenthum ist. Von denen ist es dem Einen gleich Betrug, dem Andern gleich Aberglauben; Allen das, was dem Truthahn die rothe Farbe ist. Aber auch die Juden sind über ihr Judenthum sehr verschiedener Auffassung, dem Einen erscheint es, wie z. B. dem Dichter Heinrich Heine, als eine Krankheit, dem Andern als eine Fessel, hier Dem in Gestalt einer veralteten Kokette, die noch Anbeter anlockt, dort Jenem in dcr einer altersschwachen Ahnfrau, der man mitleidige Theilnahme schenkt, einem Andern als greise Großmutter, der man zwar Verehrung, aber mit dem Beigeschmack der Ueberlegenheit in ziemlich nachlässiger Weise entgegenbringt, wieder Anderen als eine lästige alte Tante, der man aus Rücksichten der Etiquette, der Lebensart von Zeit zu Zeit seinen Besuch abstattet, noch Anderen als Köchin und Wirthschafterin, bei der es sich behaglich leben läßt, die aber hübsch daheim bleibt, und mit der man sich weder auf der Straße, noch in Gesellschaft zeigt. Nur verhältnißmäßig Wenigen gilt ihr Judenthum wie eine Jugendgeliebte, die ihnen den Geist beseelt lind das Herz erfüllt, mit der sie in jungen Tagen den Bund für's Leben geschloffen und die sie geleitet durch» Leben in fortdauernder, bewußter, liebevoller Gemeinschaft. Was ist Judenthum? Ist es das, was in den fünf Büchern Mosis, in den andern alttestamentlichen Quellen steht? Ist es gleichbedeutend mit Mosaismns? Talmudismus? Rabbinenthum? — Die mosaischen, talmudische», rabbinischen Schriften sind werthvolle Quellen, wichtige Forschungsinittel für das Judenthum. Sie beweisen, was zrir Zeit ihrer Abfassung und Sammlung als Judenthum galt, aber sie beantworten allein weder ausschließlich, noch umfassend die Frage nach dem, was Judenthum ist. Hierzu dienen nicht blos die Schriftschätze, sondern auch die lebendigen Zeugenaussagen der Geschichte, der Lebenserfahrung. Aus den geschriebenen Satzungen und Lehren läßt sich wohl entnehmen, was in den verschiedenen Zeitaltern für Judenthum galt, es läßt aus ihnen wohl weiter sich feststellen, daß im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sich der Begriff und die Anschauung dessen, was Judenthumsei, fortdauernd änderte, klärte, vergeistigte; aber ein abgeschloffenes, für alle Zeiten feststehendes, zum Dogma verknöchertes System des Judenthums geben sie nicht. Vielleicht gelangt man am ehesten zum Verständniß dessen, was ich „mein Judenthum" nenne, wenn man es mit den anderen Religionen vergleicht, ihnen gegenüberstellt. Das uralte, dem Menschen tiefeingewurzelte Verlangen, ein Bedürfniß ebensowohl des Verstandes, der seine Abhängigkeit und Schwäche erkennt, als des Gefühls, das sich nach dein Idealen sehnt, hat die Religionen veranlaßt. Gott schuf den Mensch m in seinem Ebenbilde, heißt es in der Bibel, und der Mensch schuf Gott in seinem Ebenbilde — das beweisen die alten Mythologien, die sich bis auf unsere Tage- und nicht blos bei den heidnischen Völkern, fortgeerbt haben. Den großen einschneidenden Gegensatz zu allen heidnischen Götterlehren bildet, mindestens von dem Zeitpunkt an, zu welchem der Mosaismus den Satz aufsteüte: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist einzig" — das Judenthum. Es bleibe dahingestellt, ob dieser monotheistische Gedanke vorher schon den Gebildeten anderer Völker, den ägyptischen Priestern und Weisen u. d.m., vorgeschwebt; es ist ferner gleichgiltig und nebensächlich, ob die Masse dcr Israeliten von Haus aus diesem Gedanken volles Verständniß und ununterbrochene Zustimmung entgegenbrachte: jedenfalls kann darüber kein Zweifel sein, daß der Gedanke an den Einen und einzigen, ewigen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, den Lenker und Leiter der menschlichen Geschicke, den allliebenden Vater aller Menschen, den gerechten, erbarmungsvollen Befreier und Erlöser, von den ältesten Zeiten ab der unverrückbare Grundgedanke des Judenthums gewesen, daß er es geblieben, daß er durch dasselbe auf die ans ihm abgezweigten Religionen insoweit übergegangen ist, als diese nicht anderweite Zuthaten beimischten, und daß er somit der Grundgedanke ist, der vom Judenthum erdacht und ansgereift, durch das Judenthum zum Gemeingut der gebildeten Welt geworden ist. Und im engsten Zusammenhang mit dieser Gottesliebe und Liebe Gottes, des Einen und Einzigen, stand und steht im Jndenthuin von den ältesten Zeiten an: die Menschenliebe. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das steht im alten Testament wie im neuen, ist aber in dieses ans jenem ausgenommen. Und weil die Mehrzahl der Lebenden und die überwiegende Mehrzahl der christlichen Theologen wohl dieses neue, nicht aber jenes alte Testament genau kennt, darum hält mau die Nächstenliebe so vielfach fälschlicherweise für eine neue Erfindung des Christenthums. Aber das alte Judenthum schon folgerte daraus, daß alle Menschen Einen Vater haben, daß sie Alle ein Gott erschaffen, die allgemeine Menschenliebe,-aus der Liebe zu Gott die Liebe der Menschen zu einander, aus der Barmherzigkeit Gottes gegen die Menschen deren Pflicht der Barmherzigkeit unter einander. „Ma hu raclumi af ato rachuni, wie Er barmherzig, so sei du es auch."

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