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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-04 · Heft 49 (4.12.1891) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 49 (4.12.1891)
Date
1891-12-04
Page
Seite 580 (sequence 4)
Language
German
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Schöpfung dem weiblichen Geschlcchtc ein größeres Maß von Einsicht und Weisheit znthcillc als dem männlichen Stamme. Freilich jene Minnehöflichkcit nnd ritterliche Schlvärmcrei des Mittelalters war dein Jndeiithnm stets fremd; aber, war das Weib eine ivirklichc Ritteri» vom Geiste, so stellte sich ihm auch das Judenthum als hnldigeiider Ritter gegenüber, welches auch heute seine Ehrerbietung nicht versagt jener Frau, die ivahrlich mit Recht ihren Namen in der nrgermanischen Bedeutung „die Glänzende, die Berühmte", trägt. n. Was den Propheten ihren höheren Charakter und ihre cigcnthümliche Größe verlieh, was sie nnsterblich macht für alle Zeiten, >var nicht so sehr das Verkündigen ihrer gewaltigen Ideen, als vielmehr die Festhaltnng nnd Vcrtheidiguug derselben trotz allen Widerspruches ihrer Zeit niid obwohl die momentanen Verhältnisse sich dagegen anslehnten. Zn dem Eingangs citirten Prophetenworte machte der große kritische Autor des 12. Jahrhunderts, also fast 1200 Jahre, nachdem jener Friedensgedanke in die Welt hinaus gerufen wurde, macht Abraham Jbn Esra folgende Bemerkung: Bis heute ist noch kein Zeitalter vorübergegangen, in welchem kein Krieg stattgefnnden Hütte. Ruht er an einem Orte, bricht er an einem anderen aus, und doch sagt das Bibelwort: kein Volk erhebt das Schwert gegen ein anderes nnd nicht übt man mehr den Krieg. Dieser Ausspruch kann daher nur von den Propheten als Hoffnung in die Zukunft gemeint sein, die tief in ihrem Innern lag und aus demselben nicht schivand, obwohl Alles dagegen sprach nnd die Hoffnung keinen Boden zu haben schien. Und das stempelt auch Frau Berta v. Suttner zur Prophetin, nicht in unnatürlichein, sondern in natürlich geistigem Sinne, daß auch sie an der Hoffnung auf den Weltfrieden unentwegt festhält, daß sie trotz des Widerspruches der gegenivärtigen Erscheiniingen und Zeitninstände ihr felsenfestes Vertrauen auf die Zukunft setzt, die dein Kriege sicher den Krieg erklären und den allgemeinen Frieden bringe» wird, daß sie dieses Vertrauen trotz aller Zweifler und Spötter nicht anfgiebt nnd es auch in einer großen Schaar von hochgestellten Förderern der Civilisation zu erivecken und zu erhalten versteht. Eine überraschende Krönlnig der interparlamentarischen Friedenstonfcrenz in Rom nnd eine schätzbare Genugthnung für deren Anreger lind Wortführer ist es, daß der erlauchte Kaiser imd König Oesterreich-Ungarns von den Stufen des Thrones herab am 11. November seine feierliche Anrede an die Delegation mit dem das wahrhaft väterliche Herz bekundenden Satz schließt: „Möge cs mir beschieden sein, meinen Völkern die frohe Botschaft verkünde» zu können, daß die gegenwärtigen Sorgen und Lasten des bedrohten Friedens ihr Ende erreicht haben." Es ist dieser Wunsch Geist vom Prophetengeist lind mag auch, durch die Berathungen in Rom mächtiger hervorquillend, von dem königlichen Herzen ans die gundenspeiidendcii Lippen des Monarchen sich gedrängt haben. Auch jene von dem neugewählten Fürst-Primas von Ungarn bei der Festtafel in Wien gehaltene Programmrede, die in dem kurzen Wörtchen „pax“ gipfelte, klingt als heller, feierlicher Ton in den Friedensakkord hinein. So zahlreich auch in allen Ständen der Gesellschaft die Freunde der Friedensidee sind,- so hat doch auch die Kriegführung ihre Freunde nnd Anwälte. Der Fortbestand der kriegerischen Entscheidung in völkerrechtlichen Fragen wird durchaus nicht von allen Matadoren des Geistes und der Politik absolut für verwerflich gehalten. Man bestrebt sich, dem Kriege auch gute Seiten abzugewinnen und seinen Werth hervorznkehren. Nichts aber bestätigt fo sehr die Blöße einer Sache, als das Bestrebe», sie zuzudecken, nichts zeugt so sehr für die Unhaltbarkeit einer Idee, als die Suche nach Motiven, sie einleuchtend zu machen. Wenn ein Sozialist wie Proudhon (starb 1865) dem Kriege das Wort redet und sagt: Der Krieg ist wie Zeit und Raum, sowie das Schöne, Gerechte und Nothweudigc eine Form unserer Vernunft ein Gesetz unserer Seele, eine Bedingung unseres Daseins, oder an anderer Stelle alle nur denkbaren Tugenden. durch den Krieg allein sich erheben und bcthätigcn sieht, so ist das von einem Mensche», der Eigenthui» als Diebstahl betrachtet, nicht anders zu erwarten. Und wenn Macchiavelli (starb 1527) die Theorie hinterlassen hat: Jener Krieg ist gerecht, der nothwendig ist, und jener Klang fromm, in dem allein noch Hoffnung liegt, so kann dies bei einem Staatsegoismus, der da lehrte, daß dem Fürsten jedes Mittel willkommen sein muffe, seine Macht zu befestigen, auch nicht anffalleu. Aber auch minder inarkante, jedoch als geistige Größen anerkannte Männer haben manch verherrlichendes Wort für den Krieg, sogar Schiller, der eine handelnde Person in „Die feindlichen Brüder" sprechen läßt: Der Mensch verkümmert im Frieden. Müßige Ruh' ist das Grab des Muthes, Aber der Krieg läßt die Kraft erscheinen. Alles erhebt er zum Ungemeinen, Schon dem Feigen erzeugt er Muth. Oder Heine in den Reisebildern: „So furchtbar auch der Krieg ist, so bekundet er doch die geistige Größe des Menschen, der seinem mächtigsten Erbfeind, dem Tode, zu trotzen verinag." Hat man ja auch, wie leicht erinnerlich, von Moltke einmal eine staunenerregende Lobpreisung der Kriegsinstitution gelesen! Das Judenthum jedoch hat den Geist rmd die Hoffnung der Propheten in sich eingesogen, cs lobsingt in gehobenen Klängen dem Frieden, ja der Talmud hat sogar einen ganzen Tractat, der sich ausschließlich mit beut Frieden beschäftigt und nach ihm benannt ist; es perhorrescirt aber schlechtweg den Krieg, es hat kein aufmunterndes und anspornendes Wort für die Kriegsarbeit, Kriegskunst, Kriegsehre nnd den Kriegsnutze». Den bei den alten Schriftstellern in verschiedenen Varianten wiederkehrenden Satz: si vis pacem, para bellum hat das Judenthum geradezu umgekehrt nnd geboten si vis bellum, para paeem, wenn du Krieg willst, so bereite du Friede. Denn im Deuteronomium (20, 10) ist zu lesen: So du einer Stadt nahest, sie zu bekriegen, so biete ihr vorerst Friede an. Und als einst ein Lehrer des Talmud (Sabbat 63) die Meinung aussprach, die Waffe sei ein Schmuck für die Menschen und dürfe deshalb auch am Sabbat getragen werden, stieß er auf den Widerspruch der Mehrheit der Weisen, die im Hinweis auf das Friedensbild von Jesaias und Micha entgegnete: Nein, die Waffe ist nichts weniger als ein Schmuck, sie ist mehr eine Schmach der Zeit, in welcher das Recht der Menschen nnd die Sicherheit der Staaten erst unter die Obhut des Schwertes gestellt werden müssen und vom Glück des mörderischen Krieges abhangen. Die österreichische Freifrau v. Suttner hat Krieg und Frieden im Geiste der Propheten und in der Auffaffungsweise des Judenthums erkannt nnd begriffen und macht ihre unerschütterliche Hoffnung auf die Friedensära, in welcher nicht die Schneide des Schwertes, sondern die Schneide des geistesgeschmtickten und rechterfüllten Schiedsrichters entschieden nnd siegen wird, zum mächtigen Triebe ihrer großartigen Bestrebungen und der ihrer gleichgesinnten Anhänger. Ans ihrer muthvollen nnd bewunderte» Rede in Rom, die sie im Namen mehrerer Gesellschaftsvereine gehalten, hört man das Echo aus den nachgelassenen Briefen Rahels, derdeutschen Schriftstellerin von jüdischer Geburt (st. 1833): „Es wird eine Zeit kommen, wo Nationalstolz, ebenso angesehen werden wird, wie Eigenliebe und andere Eitelkeit; und Krieg wie Schlägerei." Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte werden noch verfließen, unzählige Menschengeister werden sich noch mit dem Friedensgedanke»

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