Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- Seite 579 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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&o haben denn gemäß dieser Erklärungen zwei Propheten vor mehr als dritthalbtausend Jahren nicht nur die große Idee des Weltfriedens ausgesprochen, sondern auch die um sic kreisenden Nebengedanken und Ausführungsarten, wie sie auch heute in Erwä gung gezogen werden, mit einbezogen, nicht in unnatürlicher und utopistischer Auffassung, sondern wie ein Weiser, der mitten im Leben steht und bei dem Verkünden seiner hehren Aussprüche und Hoffnungen auch die Möglichkeit der Verwirklichung bedenkt und in Aussicht nimmt. Zu diesen zwei alten Propheten gesellt sich in unserer Zeit eine moderne weibliche Prophetin, die ebenfalls von der hohen Idee des Weltfriedens mächtig ergriffen und erfüllt ist, ihre Begeisterung hinausträgt in die weite Welt, welche von dem Fluidum ihres Geistes durchzuckt, gebannt von ihrem Rufe steht und ihrem Worte lauscht, als hätte sie es in einer Vision vernommen. Dieses Weib ist zwar keine Tochter der jüdischen Religion, allein sie steht kraft ihrer prophetischen, weltbeglückenden Idee näher dem Jndenthum als viele andere Frauen, die dem Namen und der Geburt nach zu demselben zählen. Denn wie der alte Bühnendichter Terentius Afer einst sprach: „Irumani nihil a me alienum puto, nichts, was den Menschen betrifft, halte ich für mich als eine fremde Angelegenheit," so gilt dem Judenthum keine Person fremd, die wahrhaft Menschliches zu erreichen bestrebt ist. Jeder Mensch, in welchein ein genialer Gedanke zum Heil und Nutzen der Menschheit anfblitzt, trägt eine höhere Eingebung in sich und wird vom Gesichtspunkte des Judenthums als ein gottgesandter Genius aufgefaßt. Der Leser und die Leserin werden es bereits herausgefunden haben, daß ich hier Frau Berta von Suttner im Sinne habe, die gleich den alten Propheten die Weltfriedensidee in die Tiefe ihrer ahnungsvollen Seele von Neuem ausgenommen, dieselbe mit flammenden Worten öffentlich verkündet, und bereit begeistertest» Aufruf die erleuchteten Männer aller Staaten folgen, um diee Idee zu berathen und das Reich des Friedens vorzubereiten. Einst saß die Prophetin Debora unter einer Palme, und das alte Israel kam zu ihr, sich Raths zu holen und von ihr Recht sprechen zu lasse». Im Kriege gegen den Feind zog sie voran, und nur weil sie die Fahne zu allererst schwang, griffen auch die Stämme und deren Führer zu den Waffen. Sie wird in der heiligen Schrift „Lapidoth" genannt, nach dem Spanier Don Jsak Abarbanel aus dem 15. Jh., von dem Worte lapid, „Fackel", weil sie als eine besonders erleuchtete Frau galt; nach dem Talmud hingegen, weil sie die Dochte zu den Lampen des Heiligthunrs verfertigte. — Einst ließ auch der judäische König Josijahu in seiner verzweifelten Stimmung seine Priester, Minister und Kanzler zu der Prophetin Hulda wallfahrten, um von ihr gelegentlich der Auffindung des verschollenen Gottesbuches Rath und Weissagung zu begehren. Auch Berta v. Suttner ergriff die Initiative zu einer großen heilsamen Bewegung s auch sie schritt voran mit der tiefgefaßten Idee des allgemeinen, dauernden Friedens, der Gründung von ständigeil Friedenskonferenzen, und die besten und weisesten Männer ziehen ihr nach, huldigen ihren Worten, machen ihre Anregung zu der ihrigen und zur Basis der friedstrahlenden Zukunft, wodurch diese Frau, die mit der Vertretung einer ganzen Gruppe österreichischer Gesinnungsgenoffen in Roin betraut wurde, gleichsam zur weisen Egeria der Gegenwart wird. Ja, das ist ein wahrhaftes Heldenweib, kühn an Geist, tapfer an Willen, stark an Energie, muthig an Hoffnung, reich an Herz und Gefühl, ein Weib, das werth wäre, mit einigen Stellen aus dem Liede Debora's besungen zu werden. Darf mm aber nicht auch Berta v. Suttner, die gleich Debora als erleuchtete Frau das Licht im heiligen Tempel des Friedens aufsteckt und die in Kriegesahnungen schwer athmende Menschheit die Palme des Sieges in der Friedensidee schauen läßt, oder die gleich Hulda verständnißvoll zu' lesen weiß in dem Gottesbuche, das ist das Buch, in welchem die heiligsten und segenreichsten Gedanken für die Gesellschaft verzeichnet sind — darf ein solches Weib mit Recht nicht auch eine Prophetin genannt werden? Und muß ihr nicht Anerkennung, Preis und Lob speziell vom Standpunkte des Judenthums und der Juden, das heißt aus moralischer und Dankespflicht gezollt werden? Der deutsche Dichter, dessen Geburtstag vor wenigen Tagen von der gesammten gebildeten Welt gefeiert wlirde, thut den Ansspruch: Wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu thun. Das möchte ich auf das Jndenthum anwenden. So oft ein fortschrittlicher Kultnrgedanke im Geiste der Menschen aufsteigt, eine große Heilsidee das Lebensglück der Nationen allfbauen und gründen will, gewinnen vor Allem die Bekenner des Judenthums, die gern als die unbeachteten und mißachteten Kärrner der Menschheit betrachtet werden, die aber zum Ausbau und zur Erhaltung der kulturvollen Errungenschaften und der zivilisarorischen Ideen sicher mehr als die bloßen Kärrner in der Geschichte beigetragen haben. Die Juden haben ihre Stellung, ihr Heil und ihre Sicherheit nur von dem Fortschritt der Kultur nnd der vollkommenen Entwicklung des Humanitätsgedankens zu erwarten, nnd so ziehen auch sie den ersten und für sie wahrhaft nothwendigen Nutzen aus dem Friedensgedanken. Denn der Friede ist blos die Konsequenz und die Effenz aller hervorragenden ethischen Ideen, er ist die Ausstrahlung aus der Herrschaft der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Wahrbeit und der Toleranz; sobald aber diese Gedankenmächte die allein maßgebenden im sozialen Leben sind, ist nicht nur der Friede in der allgemeinen Menschenwelt gesichert, sondern auch für die Söhne Israels gewährleistet, und der modernste und ärgste Kultur- und Menschenfeind, der Antisemitismus, sinkt unbetrauert in das vergessene Grab, daraus es für ihn keine Wiederauferstehung giebt. Daher darf gerade das Judenthum die Erscheinung dieses seltenen weiblichen Geistes, der so viele hochgestellte Personen in seinen Bannkreis zieht, nicht an sich vorübergehen lasten, ohne den Einfluß ihrer Wirksamkeit zu erkennen, zu würdigen und sie als eine Seelenverwandte zu preisen. Es ist bemerkenswerth, daß zur Zeit der Prophetin Hulda noch andere zwei männliche Propheten in Judäa lebten und wirkten: Jeremias und Zefanja; der König jedoch und das Volk wandten sich an die weibliche Prophetin, weil sie, wie die alten jüdischen Lehrer meinen, von dein erbarmungsfähigeren Herzen eines Weibes bessere Kunde erhofften. Auch in unserer Zeit giebt es Männer genug, die den Weltfriedensgedanken verherrlichen und verfechten: ja, Männer sind es, die das Werk des aufrufenden Weibes in die Hand nehmen, es ausbilden und voüführenwerden. Doch gebührt der Frau der Lorbeer des Ruhmes, die in ihr warmfühlendes Herz eine ganze Menschheit einschließt nnd ihr durch die übernommene Mission in Rom, durch die Stiftung von Friedensgesellschaften eine eminent humane und barmherzige That bietet. — Daß wir aber für Frau Berta v. Suttner Vorbilder aus dem Frauenleben im alten Israel anführen können, ja, daß Frauen in der Geschichte des jüdischen Alterrhums eine solche hohe Stufe erreichen konnten, daß man zu ihnen als Prophetinnen aufschaute, das ist auch ein Zeugniß von dem starken Kulturgehalt des Judenthums, welches seinen Frauen schon in der Urzeit eine Stellung einräumte, die die Frauen bei den anderen alten Völkern nicht kannten und die auch heute noch nicht ganz für sie gewonnen ist. Das Jndenthum ehrte und würdigte den Geist und beugte sich vor ihm, woher er immer kam; es erkannte und schätzte ihn auch bei den Frauen, ja, ein jüdischer Lehrer des Talmud verflieg sich sogar zu der Annahme, die er auf ein Bibelwort stützen zu können glaubte, zu der Annahme, daß Gott schon bei der