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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-04 · Heft 49 (4.12.1891) · p. Seite 578

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 49 (4.12.1891)
Date
1891-12-04
Page
Seite 578 (sequence 2)
Language
German
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So weit der protestantische Theologe; diese Auslassungen ergänzend, macht vr. Kroner noch folgende Bemerkungen: Es ist seltsam, wie Herr Liebermanu v. Souncnbcrg in der Volksvertretung Deutschlands den Talmud angreift. In unserer Zeit der überall beinahe ängstlich gewahrten wissenschaftlichen Zuständigkeit dürfte sich ein Laie wohl kaum erlauben, beispielsweise das tlorxus juris so obenhin anzutasten. Anders beim Talmud. Hier sehen wir seit längerer Zeit eine Jgnoranten-Bücherei sich breit machen, die von christlichen Sachverständigen, wie den Professoren Delitzsch und Wünsche, nur hin und wieder die verdiente Zurechtweisung erhielt. Hiergegen wenden die Herren des „Antisemitenbundes" das Mittelchen des Todtschweigens an. Was aber gar jüdische Sachverständige erwidern, wird noch bequemer als unglaubwürdige Parteiwehr, ohne auf den Inhalt geprüft zu werden, abgethan. So wird denn ruhig weiter gefälscht und weiter entstellt in Schrift und Wort. Und aus solchen trüben Quellen — muß man annehmen — hat auch Herr Liebermann von Sonnenberg, der schwerlich selbst das Meer des Talmud befahren haben dürfte, seine Wissenschaft vom Talmud geschöpft. Ihn selbst belehren zu wollen, liegt mir fern; denn diese Herren wollen nicht belehrt sein; aber den Zuhörern, die wehrlos dieser Weisheit gegenüberstehen, die Wahrheit auf einem, auch der großen Menge der Gebildeten begreiflicherweise dunkeln Gebiete zu erweisen, ist vornehmlich der jüdischen Theologen Pflicht. Ihr gehorchend, gestatte ich mir nunmehr, einige markante Stellen des Talmud anzuführen, die gerade das Gegentheil der Liebermannschen Unterstellungen darthun. Den Vers 5 des Psalm 15: „Der Fromme giebt sein Geld nicht auf Zins" interpretirt der Talmud im Tractat Maccotb Fol. 24 ausdehnend: Alibi b’ribith obde kochabim vimasaloth, selbst nicht den Heiden auf Zins! Also nicht einmal im Fall der Retorsion ist dem Frommen der übliche Zinsfuß gestattet, geschweige denn der wucherliche. Hier iibertrumpft der Talmud noch das mosaische Gesetz (5. M. 23, 21). Denn dieses gestattet das Zinsnehmen von dem Ausländer, insbesondere von dem Phönizier, als Repressalie, in der That auch nach moderner Anschauung eine gesundere Handelspolitik. Andererseits hat wieder der Talmud eine bedeutsame legislative Erweiterung, indem er auch denjenigen, der ein Wucherdarlehn aufnimmt, als Uebertreter des Wuchergesetzes hinstellt (Baba mezia 62). Sticht das nicht vortheilhaft ab von der modernen einseitigen Betrachtung und Behandlung des Wucherdelikts? Handelt denn stets nur der Wucherer unsittlich, nicht auch derjenige, der im Leichtsinn oder in selbstverschuldeter Nothlage sich de» wucherlichen Bedingungen unterwirft? Herb ist das Urtheil des Talmud über die ganze Menschensorte der Wucherer: er vergleicht sie den Räubern und den Mördern (Baba kama 94 und Baba mezia 61), an anderer Stelle den Gottesleugnern (Baba mezia 71). Ja, der Talmud beschränkt sich nicht darauf, den Wucher zu verbieten und zu verurtheilen, sondern er giebt auch in seiner eigenartigen Weise eine erziehliche Vorbeugungsmaßregel an. Sowie er anderswo den Eltern anräth, die noch religiösunmündigen Kinder zuweilen fasten zu lassen, damit sie fühlen, wie dem Hungernden zu Muthe ist, so heißt es in: Tractat Baba mezia 75: lVlular io ieadam etc. „Es ist dem Menschen freigestellt, Kindern und Hausgenossen einmal auf Wucherzinsen zu leihen, um sie den Geschmack des Wuchers schmecken zu lassen; aber beileibe nicht zur Angewöhnung." Noch deutlicher als aus den Schlußworten geht aus der altrabbinischen Glosse hervor, daß mit dem von den Kindern zu chmeckenden Geschmack ein bitterer gemeint ist, nicht etwa ein süßer. Denn ad vocem „lehatiroan“ wird erklärt: Damit sie erkennen, wie sehr sich betrübt und wie sehr bedrängt ist, wer Wucherzinsen giebt; und ad vocem „kemissracb": nicht um sie zu gewöhnen, daß ihr Herz Gelüste trage nach dem Schandgewinn. Ein leuchtendes Gegenbild zu Eigennutz und Gewinnsucht, ein Beispiel von geschäftlicher Treuherzigkeit und Redlichkeit, wie wir sie dem modernen Verkehr unter Juden und Christen wünschen möchten, bietet der interessante Lehrvortrag im Tractat Maccotb Qfol. 24: Vers 2 des Psalm 15: „Der Fromme redet Wahrheit in seinem Herzen" — wird durch das Verhalten des Rab Saphra erläutert. Der hatte eiuen Gegenstand zu verkaufen. Da kam, als der Rabbi gerade Andacht hielt, ein kauflustiger Heide zu ihm und bot für den Gegenstand eine bezifferte Summe, ohne von dem Rabbi, der sich in seiner Andacht nicht unterbrach, eine Antwort zu erhalten. Der Heide, dies dahin deutend, daß dem Rabbi jene Summe zu gering erscheine, bot einen höhern Preis. Nach Beendigung der Andacht wendet sich der Rabbi an den Heiden mit den Worten: „Nimm den Gegenstand für den zuerst gebotenen, geringern Preis, dafür gedachte ich ihn Dir zu lassen." U Gin weiblicher Prsphet. Epilog zum Friedenskongreß in Rom. Von Rabbiner Dr. Julius David in Preßbnrg. Zwei jüdische Propheten des Alterthums hatten den weiten Ausblick in die Zukunft, in welcher ein ewiger Friede herrschen werde, Jesaias und Micha — wie das kam, kann hier nicht kritisch beleuchtet werden — beide Seher haben unter einem Gesichtspunkte, in einem gleichen Bilde und fast mit denselben Worten jene Friedenszeit geschildert und gepriesen: „Und sie schmieden ihre Schwerter zu Pflugschaaren und ihre Sperre zu Winzermessern; nicht hebt Volk gegen Volk das Schwert, und nicht lernen sie fürder Krieg." Es ist für unsere Betrachtung nicht uninteressant, sofort die exegetischen Zusätze zweier hervorragender jüdischer Geister zu hören. David Kimchi aus dem 12. Jahrhundert, der hebräische Sprachlehrer für Juden und Christen im Mittelalter, meinte: Nicht etwa, daß die Streitfragen zwischen den Völkern aufhören werden — solchen Illusionen konnten sich die Propheten, die die besten Menschenkenner waren und die getheilten Interessensphären der Nationen verstanden, nicht hingeben, aber es wird das schiedsrichterliche Wort an die Stelle des Schwertes treten. Und wie dies dem Seelenschwunge des Propheten entspricht, personifizirt er das Schiedsgericht undkonzentrirt cs in der Gestalt eines messianischen Königs, dem die Völker ihre Forderungen und strittigen Angelegenheiten vorlegen, worauf er entscheiden, rechtsprechen und die Versöhnung der Streitenden bewirken werde, weshalb die Kriege überflüssig sein und die Kriegswerkzeuge zur Bodenbearbeitung werden umgeschmiedet werden können. — Der scharfsinnige und wissensfreundliche Elia Wilna aus dem 18. Jahrhunderterklärtwieder. DiefriedlichenBestrebungen müssen sowohl von den Völkern selbst als von deren Fürsten ausgehen; die Liebe zuin Frieden muß in den Intentionen des Volkes und in dem Herzen des Führers vorherrschen und nur durch den Willen beider Faktoren kann der Weltfriede herbeigeführt und befestigt werden. Deshalb der Doppelausdruck des Propheten von Schwertern und Speeren, da im biblischen Alterthum das gemeine Volk mit einem Schwerte, der Vornehme aber mit einer lanzenähnlichen Waffe einherging, und daher auch der zweite Doppelsatz: Die obersten Führer, die die Kriegsordnung lernen und einüben, werden diese Hebung aufgeben können und das sonst in den Kampf gejagte Volk wird kein Schwert mehr erheben müssen.

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