Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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55. Jahrgang. Ar. 49. Allgemeine Serlrn, 4. Dezember 1891. ettung des Zudenthums. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt v on der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav KarpeLes. Begründet von Uabbrner 21*- LuLrvig Philippson-Vonn Verlags-CrpeLition: Gerlin, Jernsalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der «Allgem. Zeitung des Judenttnuns". Berlin SW., Zeruialemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Leitartikel: Der Wucher im Talmud. - Ein weiblicher Prophet. Von Dr. Julius David. — Mein Jlideilthiuli. Von Nechtsatiloalt Emil Lehmauu. — Tie Kolvnisationssrage. Von Karl Emil Franzos. Schlusz.) " Mozart uiib die Inden. Von Carola Belmoute. — Feuilleton: Der heilige Herr. Roman von Ferdinand Dieffenbach. iFortsetzung.) — Kitterarische Mittyeilnnaeu. Der Gemeindedate. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin. Magdeburg, Breslau. Frankfurt. Wien. Jassy, Petersburg. Bnenvs-Ayres. — Bon Nay und Fern. — Sprechsaal. — Miseellen. — Br efkasten. Ver Wucher im Talmud. Berlin, 30. November. Bon einem protestantischen Geistlichen erhielt der Rabbiner Dr. Philipp Kroner hier das folgende Schreiben, das wohl allgemeines Interesse beanspruchen dürfte: Sehr geehrter Herr! „Die jüdische Moral erlaubt den Wucher, wie Stellen im Talmud beweisen." So sprach Herr Liebermann von Sonnenberg am 17. d. M. im deutschen Reichstag. Diese Aeußerung des bekannten Antisemiten hat mich nicht überrascht, wohl aber hat sie in mir einige Gedanken geweckt, die ich mir erlaube, Ihnen mitzutheilen. Vielleicht halten Sie es für nützlich, diese Zeilen, als von einem protestantischen Theologen herrührend, zn veröffentlichen. Die Frage, ob der Talmud den Wucher erlaubt, lüßt sich jedenfalls nicht einfach mit ja oder nein beantworten, ans dem einfachen Grunde, weil sie in dieser Formulirnng durchaus unklar und verfehlt ist. Der Talmud ist bekanntlich nicht das Werk irgend eines einzigen Schriftstellers, auch ist er nicht von einem Verein, oder von einer berathenden und beschließenden Versammlung hcrausgegeben worden. Er ist eine Sammlung verschiedenartiger, in sehr verschiedenen, Jahrhunderte weit auseinander liegenden Zeiten entstandener Schriften, theilweise ein großer theologischer Sprechsaal, in welchem Lebende und Verstorbene ihre Meinungen vertreten. Gar viele das Gesetz betreffende Aussprüche alter Rabbincn werden darin nicht blos berichtet, sondern auch bestritten, sogar verworfen. Möglich wäre es also, daß im Talmud der Wucher auf einer und derselben Seite erlaubt wäre, aber unter Bedingungen und Einschränkungen, wodurch in der That alles Schädliche und Verwerfliche,. das ihm anhaftet, beseitigt würde. Unter Wucher verstand man nämlich im Alterthum, im Mittelalter und noch im XVII. Jahrhundert überall jedes Zinsgeschäft. Wenn nun der Wucher, so verstanden, im Talmud erlaubt, ja einstimmig und überall erlaubt wäre, so hätten wohl selbst unsere Antisemiten gegen eine solche Erlaubniß nichts einzuwenden. Denn schwerlich treiben sie ihre von allem Semitisnius befreite Christlichkeit so weit, daß sie, dem Worte Christi und der größte» Kirchenlehrer folgend, Jedem borgen, der sie um ein Darlehn bittet, ohne für die Rückgabe ihres Kapitals eine Sicherheit zu verlangen, und ohne von dem Schuldner irgend welche Zinsen zu beanspruchen. Gesetzt aber auch, einige talmudische Kasuisten hätten — was ich weder behaupten noch leugnen will, da ich im Talmud nicht so gut bewandert bin, als Herr Liebermann es zu sein scheint — den Wucher im modernsten und häßlichsten Sinne des Wortes einfach erlaubt, und diese Erlaubniß wäre von allen im Talmud zum Worte kommenden Lehrern unbedingt gebilligt worden, so müßte man diese allerdings unschöne Thatsache, als zur Geschichte der jüdischen Ethik gehörend, einfach konstatiren. Selbstverständlich dürfte man sie auch allseitig beleuchten und verwerthen, überall wo es gälte, die Umrisse und die Farben der jüdischen Ethik in ihrer geschichtlichen Entwickelung zu bestimmen. Ob man aber vor dem deutschen Reichstag jemals eine solche Arbeit zu unternehmen habe, ist fraglich. Wagt man es zu thun,' so ist die Gefahr eines schlimmen Mißgriffes sehr groß, besonders wenn man das Wagniß in antisemitischem Interesse ausführt. Denn im deutschen Reichstag sitzen doch nicht blos einige den Antisemiten verhaßte Judenfrennde, sondern auch gar viele Männer, die von Kultur- und christlicher Religionsgeschichte einige Kenntniß besitzen, die gelegentlich auch, und wäre es blos zn ihrem Vergnügen, Pascals Briefe gelesen haben. Und diese Männer alle wissen doch schon längst, daß mehrere heilige Kirchenlehrer, sogar einige unserer Reformatoren, der christlichen Obrigkeit die blutige Verfolgung der Ketzer zur Pflicht gemacht haben. Sie wissen, daß Luther die Bigamie erlaubt und manches mit der Heiligkeit der Ehe Unverträgliche geschrieben hat. Sie wissen, daß jesnirische und andere christliche Sittenlehrer die Kunst gelehrt haben zu tödten, zu stehlen, zu betrügen, zu verleumden, Meineid zu schwören, alles mit gutem Gewissen, oder gar zur Ehre Gottes. Wollte man die Schriften aller christlichen Sitten- und Religionslehrer, der katholischen und der protestantischen, so betrachten, wie Herr Liebcrmann die ältesten Schriften der Rabbinen betrachtet, als ein einheitliches Ganze, so müßte man — mit Schamröthe oder mit Schadenfreude — gestehen, daß in diesem christlichen Talmud Dinge erlaubt werden, die noch schlimmer sindals der schlimmste Wucher. An diese Thatsache aber hat Herr Liebermann die Hörer und Leser seines Wortes — mit Ausnahme allerdings der gedankenlosen und von blindem Judenhaß beherrschten — gewiß wider seinen Willen erinnert. Deshalb, meine ich, hätte er seine theologische Benierkung für sich behalten sollen, eingedenk des Sprichwortes: „Wer ein gläsernes Dach hat, muß nicht mit Steinen werfen."