Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1891)
- Date
- 1891-11-27
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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WM 55. Lrchrgang. ttr. 48. E^E^4 Berlin. 27. November 18Ö1 Weikage zur „Allgemeinen Zeitung des ZuöenLHums^ ,u Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 21. November. In der neuen Synagoge, Oranienburger-Straße, ereignete sich am Freitag Abend während des Gottesdienstes ein Zwischenfall, welcher glücklicherweise ohne ernstliche Folgen geblieben ist. An der Decke des Mittelschiffes befinden sich mehrere „Sonnenbrenner", welche aus je 116 Gasflammen bestehen; dieselben sind inmitten der Rondels angebracht, welche früher Oberlichtzwecken dienten, später aber durch jene Brenner ersetzt und zu dem Behufe mit ornamental gestalteten Zinkrändern eingefaßt wurden. Wahrscheinlich funktionirte einer der zum Abzug der Gashitze angelegten Ventilatoren nicht, die Hitze schmolz die Einfassung eines Zinkrandes, und dieser stürzte herab, glücklicherweise auf unbesetzte Sitze, welche durch das aus einer beträchtlichen Höhe herabfallende Metall beschädigt wurden. Der Sicherheit halber wurden die sämmtlichen Sonnenbrenner ausgelöscht, zumal die unteren Räume der Synagoge auch ohne diese genügend erleuchtet sind. Der Gottesdienst wurde, nachdem die Anwesenden sich von dem ersten Schrecken erholt hatten, fortgesetzt. (7 Berlin, 23. November. Dem Berichte des Akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur zu Berlin über das Sommersemester 1891 entnehmen wir Nachfolgendes: Im Sommersemester wurden 13 ordentliche Sitzungen abgehalten, und zwar unter Leitung des derzeitigen Vorstandes: Blöde, cand. med., Wallach, studphil., und Warschauer, stud. p! 11. An acht Sitzungsabenden wurden Vorträge gehalten, von denen die meisten wegen ihrer allgemeineren Bedeutung zu recht anregenden Debatten Veranlassung gaben. Fünf der Vorträge hatte der Verein seinen alten Herren zu verdanken, ein Umstand, der deutlich für das rege Interesse der alten Herren am Verein spricht und mit Dank hervorgehoben zu werden verdient. Eine Sitzung war allein dem Andenken des vor Jahresfrist dahingeschiedenen Ehrenmitgliedes Herrn vr. Immanuel Ritter gewidmet. Nachdem der Verein am 16. Juni bereits durch Betheiligung an der Enthüllungsfeierlichkeit des dem Verstorbenen gesetzten Denksteines und Niederlegung eines Kranzes durch die Chargirten seiner Pietät gegen sein Ehrenmitglied Ausdruck gegeben, beschloß er, im engeren Kreise eine würdige Gedächtnißfeier zu, veranstalten, welche das Bild des edlen Todten den Vereinsangehörigen insbesondere den jüngeren, denen es nicht vergönnt war, den Verstorbenen im Kreise des Vereines kennen zu lernen, vorführen sollte. Die Feier fand am 7. Juli statt, ihr wesentlicher Bestandteil war eine Gedenkrede des a. H. Samuel. Während der Verein sich im Innern langsam, aber stetig fortentwickelte, wurde auch jede Gelegenheit wahrgenommen, den Verein in der Studentenschaft angemessen zu vertreten, insbesondere die alten Beziehungen zu befreundeten Vereinen aufrecht zu erhalten. Berlin, 25. Nov. Jemehr auf der einen Seite die besonnenen Elemente unter den Konservativen es sich angelegen sein lassen, sich von der Gemeinschaft mit Ahlwardt, Pickenbach und Genossen loszusagen, um so heftiger drängen auf der andern Seite die Heißsporne der Partei, unter Beiseitelassung jeder Rücksicht auf die altpreußischen Tugenden der Gerechtigkeit und Toleranz, zum Abgrunde des Antifemitismus hin. Frei Herr Lothar von Richthofen, ein schlesischer Parteigenosse der oben genannten Koriphäen, hat beim Vorstande des deutschkonservativen Provinzialvereins für Schlesien den Antrag gestellt, den Kampf gegen das „allmächtige Judenthum mit allen gesetzlichen Mitteln aufzunehmen". Zu diesen gesetzlichen Mitteln rechnet der gute Freiherr „die Aufhebung der Judenemancipation", ferner „den Erlaß eines Fremdengesetzes, dem die Juden unterstellt werden sollen." Um diese beiden Forderungen soll das Programm vorerst der schlesischen Konservativen erweitert werden. Auf jeden Fall sollen die konservativen Abgeordneten Schlesiens darauf hinwirken, daß diese Gesetze endlich erlassen werden. Er verlangt ferner die Einsetzung einer Prüfungskommission, um festzuftellen, was es denn mit der talmudische^ Ethik für eine Bewandtniß habe; von dem Ausfälle dieser Talmud- Enquete soll es abhängen, „ob ein solches Volk, mit einer solchen Morallehre überhaupt in unserem Staate ferner geduldet werden famt." — Der eifervolle Mann hat indessen einen großen Schmerz erfahren müssen, denn der Verein hat nur den allgemeinen Theil des Richthofen'schen Antrages, der sich auf die „Bekämpfung des übermächtigen Judenthums" ' bezieht, der Delegirtenversammlung zum Beschlüsse vorgelegt, aber nicht die Sonderforderungen. Bezeichnend aber ist der Vorgang als ein Beweis, für welchen Grad des Rückschritts die modernen. Judenfresser unsere Zeit bereits reif machten. * Berlin, 22. November. Zahlreiche und berechtigte Ovationen wurden kürzlich Herrn Louis Liebermann anläßlich seiner goldenen Hochzeit zu Theil. Wir heben aus der Fülle derselben nur eine besonders hervor. Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich hat dem Jubelpaare ihr Bildniß mit einem sehr herzlichen Glückwunsch-Schreiben zugehen lassen Herr Liebermann hat aus Anlaß seines Ehrentages nicht nur der unter städtischer Verwaltung stehenden Stiftung eines Ungenannten 15,000 Mk. überwiesen, sondern auch das Kaiser und Kaiserin Friedrich-Krankenhaus, die Auerbach'schen Waisenanstalten und manche andere Wohlthätigkeits- Jnstitute mit Zuwendungen bedacht. * Berlin, 22. November. Gymnasial - Oberlehrer vr. S. Herrlich schreibt an die „Nationalzeitung": „In der Sitzung des Reichstages vom 17. d. M. hat, nach dem Bericht der „Nat.-Ztg.", der Abg. Liebermann von Sonnenberg u. A. behauptet, „daß die Juden auch schon im alten römischen Reich Wucherer gewesen sind". Nur wegen des Orts, an dem diese in der Antisemitenpresse öfters austretende Behauptung erfolgt ist, erlaube ich mir darauf zu weisen, daß sich unter den ziemlich zahlreichen Stellen römischer und griechischer Schriftsteller, welche sich auf die Juden beziehen, meines Wissens auch nicht eine einzige befindet, in der gegen die Juden der Vorwurf des Wuchers erhoben wird. Menschenhaß, Aberglaube und gleichzeitig — vom heidnischen Standpunkte aus — Unglaube, Proselytenmacherei und Anderes wird den Juden bei Horaz, Plinius, Seneka, Quintilian, Tacitus, Juvenal vorgeworfen, vom Wucher ist durchaus nicht die Rede. Und doch ist ja jeden: Geschichtskundigen bekannt, in wie entsetzlicher Weise im Römerreiche der Wucher betrieben wurde, und zwar von Mitglieder:: der beiden vornehmsten Stände, den Senatoren und den Rittern. Falls daher der Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg für seine Behauptung keine mir bisher unbekannt gebliebene Beweisstelle eines antiken Autors anführen kann, so erscheint dieselbe als thatsächlich unbegründet rmd unwahr." * Berlin, 23. November. Einen bewundernswerthen Eifer in der Bekämpfung des Antisemitismi:s legt der treffliche Schriftführer des Vereins z. B. d. A. Hr. Licentiat Gräbner an den Tag, und es ist erfreulich, zu berichten, daß dem rastlosen Bemühen der verdiente Erfolg nicht fehlt. So hielt Hr. Gräbner am 13. November zu Hausen in: Wiesenthal (Baben), an: 16. zu Pforzheim, an: 17. zu Karlsruhe Vorträge, welche trotz der versuchten Opposition glänzend verliefen. * Berlin, 22. November. Es liegt jetzt das endgiltige Ergebniß der Volkszählung von: 1. Dezember 1890 in Preußen vor. Die ortsanwesende Gesammtbevölkerung betrug 29,955,281, worunter sich 14,702,151 männliche Personen (49,0803 pCt. gegen 49,0620 pCt. in: Jahre 1885) befanden. Hinter dem am 21. Februar d. I. bekannt gegebenen vorläufigen Zählungsergebnisse bleibt das endgiltige nur uu: den geringfügigen Betrag von 2021 zurück. Der Staatsangehörigkeit nach, welche von 1137 Personen nicht angegeben war, theilt sich die Bevölkerung Preußens in 29,789,346 Reichsangehörige und 164,798 Reichsausländer; die Zahl der letzteren betrug 1885 : 156,969. Unter der Gesammtbevölkerung befanden sich 19,230,375 Evangelische, 10,252,807 Katholiken, 95,351 andere Christen, 372,058 Juden und 4690 Personen anderen und unbekannten Bekenntnisses; gegenüber den Ergebnissen der