Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1891)
- Date
- 1891-11-27
- Page
- Seite 576 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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576 „Die Nacht ist hercingebrocheil," sprach die Gräfin. „Es ist Zeit, daß wir nns zur Reise rüsten." Als es voir der Kathedrale neun Uhr schlug, setzte sich der mit vier Pferden bespannte Reifewagen in Bewegung. Während sich dieses im Palais des Grafen Lubomirski zutnig, herrschte im Hause des Barons Frank eine ungewöhnliche Unruhe. Eva, die gewöhnlich zeitig nach Hause zurückzukehren pflegte, war nicht erschienen. „Eva, Eva," rief der Baron, „tvo bleibt ineine Einuna?" Er befahl seinen Leuten, zu dem Herrn zu beten, damit er sie zurückführe. Er selbst war untröstlich. Er rannte im Haufe hin und her, er ging jeden Augenblick nach einein Erkerfenster, welches den Blick auf die Straße verstattete, aber Eva erschien nicht. Es schlug acht Uhr, es schlug neun Uhr und Eva war noch nicht zurück. Da erschien ein Gläubiger bei ihm und meldete, daß eine Schaar Bewaffneter mif das Haus zukomme. Frank war von dieser Meldung sichtbar betroffen. Bald daraus klopfte es dreimal mit dem Thürklopfer, der sich an älteren Palästen Warschaus befand. Als nicht geöffnet ivurde, klopfte es noch einmal und eine Stimme rief laut und vernehmlich: „Aufgemacht, im Namen des heiligen Offiziums!" Zitternd an allen Gliedern, gab Frank den Befehl, die Thür zu öffnen. Man schloß auf. Gefolgt von zwei Waibclu, Fackelträgern und einer Schaar Bewaffneter, erschien der Offizial Dembrowski. Er trat auf den Baron zu. „Bist Du der Jude Jankiew, der Sohn des Laib, genannt Frenk oder Frank"? Der Baron blieb stumm. „Antworte mir!" fragte der Offizial mit schneidender Stimme. „Ja, Herr," stöhnte Frank. „Im Namen des heiligen Osfizimns nehme ich Dich in Haft," sprach der Offizial und berührte Frank mit seinem Stabe. Die beiden Waibel traten heran und legten ihm Handschellen an. „Alle, welche sich im Hause befinden, nehmt gleichfalls in Haft," sprach der Offizial. „Nehmt alle Papiere, welche sich vorfinden, in Beschlag und versiegelt alle Schränke, Kasten und Thüren." Alle Bewohner des Hauses, dreißig an der Zahl, wurden hierauf gefesselt und mit Frank unter starker Bedeckung nach den Gefängnissen der Inquisition abgeführt. Der Offizial und seine Gehilfen suchten noch die ganze Nacht hindurch unter den Papieren, welche in den von Frank bewohnten Gemächern sich vorfanden. Darunter war ein dickes Buch, in hebräischer Sprache geschrieben. Es enthielt das Evangelium von dem neuen Messias. Allein kaum hatten sie diese Beute gefunden, als einer der Gehilfen Dembrowski's aus einer Schieblade mehrere ehedem mit dem russischen kaiserlichen Siegel verschlossene Briefe hervorzog und sie dem Offizial überreichte. (Fortsetzung folgt.) U Ner Acher. Von I. Loewenberg. „Der Acher stirbt," schallt's durch die Gasse, „Der Zweifler an dem heiligen Bund, Nun wird ihm Gottes Dasein kund!" Und manches Auge blitzt im Hasse, Und leise flucht ihm mancher Mund. Doch Pflicht und Liebe Keinen drängen Zur Stätte, die der Tod umschleicht. Daß unter frommen Psalmenklängen Der letzte Kampf ihm werde leicht. „Der Acher stirbt!" man murmelt's leise Auch an des Lehrsaals stillem Ort. Der junge Rabbi hört das Wort; Er stürzt aus seinem Schülerkreise Und eilt zum Sterbehause fort. Gr dringt ins Zimmer, kniet am Bette. — „So drückst Du mir die Augen zu?" „Ich komme, daß ich Dich errette. Mein Lehrer, Freund, mein Vater Du?" „Mich retten? dem sie Alle fluchen. Weil von der Lehre Pfad ich wich. Vom breiten Wege abseits strich; Weil ich die Wahrheit wollte suchen In meiner Seele tiefstem Ich. Man grollt auch Dir, weil Du die Treue Mir stets bewahrt trotz allem Hohn. Beschütz Dein Gott Dich vor der Reue, Mein Schüler Du, mein Freund, mein Sohn!" „Was kümmert's mich, ob man mich schmähet. Gilt weniger mir des Dankes Pflicht, Weil's Dir am Glauben fromm gebricht? Ich Hab' oft heiß um Dich gestehet. Dir zürnen dürft' und könnt' ich nicht." „Dank für das Wort! Was mich getrieben. Du weißt, es war nicht frevle Lust, Unr Deines Herzens treues Lieben Wollt ich, ich hätte nicht gemußt. Wenn nun um des Verworfnen wegen, Deß Namen keine Lippe nennt. Der Haß der Menge Dich auch fänd' —" „Ich fleh' um des Verworfnen Segen, Für den mein Herz nur Liebe kennt." „Mein Sohn, Dein Antlitz zu mir wende: Dein höchster Lohn sei Deine Pflicht!" Er legt ihm auf das Haupt die Hände, Er segnet, und sein Auge bricht. — „Auf Achers Grabe zischeln Flammen!" Schallt's wieder durch die Gasse laut, „Kommt her, daß Ihr das Wunder schaut. Das deutet ewiges Verdammen, Weil er zu zweifeln sich getraut." Und Jeder bebt und eilt zu sehen Und fürchtet, daß es Wahrheit sei. Und freut sich doch, daß es geschehen. — Da kommt der Rabbi auch herbei. Und an dem Grabe kniet er nieder; Laut im Gebet die Seele ringt: „Du, beffeu Blick das Herz durchdringt. Zeig denr beihörten Volke wieder. Daß Liebe jedes Werk vollbringt. Verlösche Gluth! Der Nacht des Bösen Fällt nicht anheim, wer irrend strebt; Sonst will ich Acher selbst erlöserr. So wahr ein Gott im Himmel lebt!" Und Bangen faßt das Volk und Grauen, Und Schrecken jede Brust erregt. Bleibt demr der Rächer unbewegt? Sie wähnen schon den Blitz zu schauen. Der schnell den Frevler niederschlägt. Der Rabbi doch mit seinem Stabe Berühret leicht des Hügels Rand — Da blühen Blumen aus dem Grabe, Verschwunden ist der Feuerbrand. Druck unv Vertag von Rudolf MoUe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.