Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1891)
- Date
- 1891-11-27
- Page
- Seite 575 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227926--48418-3270938- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Trinität. Diese sabbathianische Trinität besteht, wie ich durch seine Anhänger erfuhr, aus drei Personen, der höchsten Ursache, oder der heiligen Ursache (Attika Kadischa), die, weil unendlich erhaben, keinen Einfluß auf die Weltregierung üben könne, als zweite Person aus dem Gott Israels, oder dem heiligen König, Melka Kadischa, welcher identisch ist mit dem Messias, d. h. Sabbathai Zewi, und seinen Nachfolgern. Sabbathai Zewi aber war ein religiöser Betrüger, der im siebzehnten Jahrhundert unter den Juden der Türkei sein Wesen trieb und 1676 starb. Als seinen Nachfolger giebt sich der Baron Frank aus. Die dritte Person der sabbathianischen Trinität bildet die weibliche Ergänzung zum Messias. Diese drei Personen sind eins und repräsentiren für die sabbathianische» Juden die Gottheit." „Sonderbar," erwiederte Stanislaus. „Und wie, als dritte Person nannten sie die weibliche Ergänzung zum Messias?" „Ja," sagte Turski, „die Welterlösung, die dieser Messias verkündet, ist nichts wie ein Gaukelspiel, hinter welchem sich die gemeinste Sinnlichkeit verbirgt. Die Geschichtsforscher wissen es, wie das Judenvölk zu allen Zeiten eine Neigung hatte, in Abgötterei zu verfallen, wie Moses das goldne Kalb umwnrf, und wie Elias die Baalspriester schlachtete. Die Abgötterei der sabbathianischen Sektirer ist phönizischen Ursprungs; es ist der Kultus der phönizischen Göttin Baaltis, der Aphrodite der Griechen, welcher einst die jungen Phönizierinnen ihre Jungfräulichkeit zum Opfer brachten. Man hat in Laskorum bei Lemberg die Anhänger Franks bei schändlichen Orgien ertappt, bei welchen ein junges Mädchen die Hauptrolle spielte. Ich darf Ihnen die Einzelheiten dieses abscheulichen Kultus nicht sagen, aber ich versichere Sie, es sind schändliche, verruchte Laster, welche diese Menschen treiben, und dieser Wüstling Jacob Frank, ein elender galizischer Jude, Jankiev Lejbowicz, das heißt Jacob Sohn d s Leib, der bereits in der Türkei znm Islam übertrat und seit seiner Rückkehr von dort sich für einen Baron ansgiebt, das ist der Messias, auf den die Frankisten den Bibelvers beziehen, den die Juden bei dem Eintritt in die Synagoge zu recitiren pflegen: „Wie schön sind deine Zelte, Jacob!" Mit Erstaunen hörte Stanislaus diese Mittheilungen. Er wurde bald blaß, bald roth im Gesicht und stand eine Weile völlig sprachlos. „Das ist schändlich, abscheulich. Eva befände sich ja in einer wahren Mördergrube. Ich werde sie keinen Augenblick mehr in dem Hause des Barons lassen und werde sie der Obhut meiner Mutter übergeben." „Daran werden Sie wohl thun," erwiederte Turski, „ich kann keinen Augenblick länger zusehen, denn gestern wurde mir die Mittheilung, daß die Ketzereien Franks immer größere Verhältnisse annehmen und in weiteren Kreisen um sich greifen. Ich kann diesen Unfug nicht länger dulden, und heute Nachts noch erfolgt die Verhaftung des Jrrlehrers. Alle Mitbewohner seines Hauses werden zugleich mit in Haft genommen, und ich vermöchte sogar seine Pflegetochter Eva nicht zu schonen, wenn sie in seinem Hause zugegen wäre. Sie werden daher wohl thun, wenn Sie Eva Frank, bevor die Beamten des heiligen Offiziums im Hause erscheinen, in Sicherheit bringen." „Ich danke Ihrer Hochwürden für den wohlgemeinten Rath," antwortete Stanislaus. „Er veranlaßt mich, einen schon längst gefaßten Beschluß zum Heile Eva's zu beschleunigen." Der junge Graf empfahl sich und eilte so rasch er konnte zu seiner Mutter. Auch die Gräfin stimmte niit ihrem Sohne darin überein, daß die sofortige Abreise Evas aus Warschau erforderlich sei und daß, nachdem die Erreignisse überhaupt so weit gediehen seien, eine andere Wahl nicht mehr übrig bliebe. Sic entschloß sich daher, sofort zu dem Könige zu eilen und sich von ihm zu verabschieden. — Während die Gräfin sich zu dem Könige begab, packte Stanislaus für sich das Nothwendigste zusammen und ging dann, um Eva von dem Entschlüsse in Kenntniß zu setzen. Er sah sie täglich im sächsischen Garten. Auch heute erschien sie um die gewohnte Zeit. Eva sah ruhig und heiter aus. Stanislaus beschloß, ihr sofort Alles mitzutheile». „Eva," sprach er, „Du mußt heute noch das Haus des Barons verlassen und Dich unter die Obhut meiner Mutter begeben." „Ich thue Alles, was du befiehlst, Stanislaus," sprach sie; „mir ist am liebsten, wenn ich das Haus des Barons nicht mehr sehe. Jedesmal, wenn ich hieher komme und unter diesen Alleen mit Dir lustwandele, ist es mir, wie wenn ich aus einem dumpfen Gefängnis; erlöst wäre. Du glaubst nicht, wie glücklich mich die freie Gvtteslust macht, wie wohl es mir ist, wenn ich mich dem Einfluß dieses fürchterlichen Mannes entrückt fühle." „Hat er Dich nicht bedroht in Folge der Szene von gestern Abend?" fragte Stanislaus. „Nicht doch," erwiederte Eva. „Erwar mild und sanft, erbettle und gab mir dann Auskunft über meine Geburt." „So — und was sagte er?" „Danke, Stanislaus," erwiederte Eva lächelnd und mit Zögern, „es ist zu närrisch, ich getraue mir es gar nicht zu sagen, denke — er behauptete, mein Vater sei — der heilige König der kabbalistischen Juden. Er behauptet, ich sei göttlicher Abkunft." „Eva," rief Stanislaus, „ich darf Deiner reinen jungfräulichen Seele nicht offenbaren, in welcher entsetzlichen Gefahr Du schwebst, aber es ist die höchste Zeit, daß ich Dich losreiße von jenem Manne." „Ja, denke," sagte Eva, „als ich mich gestern Abend zur Ruhe legte, wollte ich selbst fast den Unsinn glauben, erst heute beiin hellen Tageslicht sehe ich ein, wie man mir ein schändliches Gaukelspiel vorzulegen versuchte." „So komm, Eva, komm rasch mit zu meiner Mutter, Alles ist zur Abreise bereit. Du mußt in eine andere Umgebung gebracht werden, wo Du der unreinen Dünste ledig bist, die Du täglich mitnehmen mußt. Meine Mutter hat auf Alles Bedacht genommen, was Du nöthig haben kannst. Der König interessirt sich für Dich; er hat dafür gesorgt, daß man uns in Dresden gastlich ausnimmt, »nd drüben in Deutschland in der schönen Stadt an der Elbe wird sich ein neues Leben für Dich aufthun." Eva, welcher der Aufenthalt im Hause Franks mit jedem Tage unheimlicher wurde, war innerlich froh, von ihren; Geliebten zu einem Entschluffe gedrängt worden zu sein, der nothwendig war, um ihre Unabhängigkeit, die 'Freiheit ihrer Person Person zu retten. Sie folgte dem jungen Grafen zu dem Palaste der Lubomirskas, wo bereits der Reisewagen bepackt im Hofe stand. Die Gräfin, Eva und Stanislaus nahmen noch ein Abendbrot» ein, bevor sie in den Wagen stiegen; der Großkronmarschall leistete hierbei Gesellschaft. Während sie bei Tische saßen, erschien der König Stanislaus August und erklärte mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit, er sei gekommen, um sich noch einmal persönlich von seinen lieben Freunden zu verabschieden. „Die Kassette, Gräfin," sagte er beim Abschied, indem er ihr ein mit Silber verziertes Kästchen von schwarzem Ebenholz überreichte „übergebe ich Ihrem Schutz, und hier sind Empfehlungsbriefe, welche ich Sie besonders im Interesse Ihrer Pflegebefohlenen zu verwenden bitte. Leben Sie wohl, Gräfin, leben Sie wohl, schöne Eva. Adieu, Stanislaus, ich will aufrichtig wünschen, daß es gelingt, zwei Herzen zu verbinden, die einander würdig sind." Der König ging rasch, um sich den Danksagungen der Familie Lnbomirski zu entziehen. Die Reisenden tvaren allein.