Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-27 · Heft 48 (27.11.1891) · p. Seite 574

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 48 (27.11.1891)
Date
1891-11-27
Page
Seite 574 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227926--48417-3270937
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

574 B»sprechungen über die verschiedensten die Juden betreffenden Angelegenheiten enthalten. Oft genug entstehen dann durch geistreiche Repliken und Dupliken interessante Artikel, und ein frischer lebendiger Hauch durchweht das Blatt. Besonderes Aufsehen haben die Artikel erregt, welche im „Jewish Chronicle" viele Jahre hindurch anonym — mit „Nemo" unterzeichnet — erschienen sind, und durch ihren Geist und Humor großen Einfluß auf alle Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde genommen haben. „Nemo" zog geistreich gegen viele Institutionen und gegen die Leiter derselben zu Felde — oft sogar auch gegen den Rabbiner A. Green — der allgemein als der Verfasser dieser anonymen Artikel gilt, so sehr er es auch leugnete. Auch ein zweiter Anonymus „Junius" erzielte großen Erfolg, doch wird vermuthet, daß hinter „Junius" und „Nemo" dieselbe Person sich verborgen hat. Gerade diese Anonymität hat die Neugierde der Leser auf's Höchste angespannt, und hat viel dazu beigetragen, daß „Jewish Chronicle" mit besonderem Interesse gelesen wurde. Mr. David Meldola, der Rabbiner der spanischen und portugiesischen Juden in London, sowie Mr. Moses Angel, Direktor der jüdischen Freischule, welcher das Jubiläum noch mitfeiern kann, haben iin Jahre 1841 „Jewish Chronicle" begründet. Sie zogen sich jedoch schon nach einigen Jahren von der Leitrmg zurück, und Mr. Joseph Mitschell übernahm dieselbe, gerieth aber in Schulden und erschoß sich im Jahre 1854. Ihm folgte auf kurze Zeit Mr. M. H. Breßlau, aber erst dessen Nachfolger Dr. Benisch übte einen entscheidenen Einfluß auf die Entwicklung des „Jewish Chronicle" aus. Dr. Benisch kam aus Wien im Jahre 1841 nach London und brachte unter anderen Empfehlungen eine» Brief von Alexander von Humboldt mit, in welchem dieser ihn als einen außergewöhnlich begabten und strebsamen Gelehrten, dessen Eifer und Energie die größte Unterstützung verdienen, empfohlen hat. Durch diesen seltenen Eifer ist cs Tr. Benisch gelungen, die leitende Stellung im „Jewish Chronicle" zu erlangen und sie ungefähr 25 Jahre mit großem Erfolg nuszufüllen. Vom Jahre 1869 bis 1875 war Mr. Michael Henry der Leiter und erwarb sich durch seinen Geist und seine großen litterarischcn Fähigkeiten allgemeine Achtung. Er erlag, kaum 45 Jahre alt, den Wunden, welche er sich bei einem Brandunglück zugezogen hatte, und an seine Stelle trat dann Mr. Asher I. Myers, der auch noch heute Herausgeber und Leiter des „Jewish Chronicle" ist. Derselbe hat es vermöge seiner hervorragenden Kenntnisse und seiner hochgeschätzten persönlichen Eigenschaften trefflich verstanden, das Ansehen, welches „Jewish Chronicle" sich erworben hatte, nicht nur zu erhalten, sondern es von Jahr zu Jahr zu vergrößern. „Jewish Chronicle", das stets liberalen Ideen gehuldigt hat und nun 50 Jahre hindurch unermüdlich thätig gewesen ist für die Sache des Jndeuthums, hat sich uns stets bewährt als ein treuer Gefährte, und hat muthig mit uns gestritten, tvenn es galt, die vielen Borurtheile, welche gegen uns Inden geherrscht haben und leider noch herrschen, zu besiegen. Darum reiche» wir ihm zu seinem Jubiläum den wohl verdienten Kranz der Ehre — und wir geben den: Wunsche und der Hoffnung Ausdruck, daß „Jewish Chronicle" noch viele Jahrzehnte ebenso erfolgreich zum Besten unserer Glaubensgenossen wirken möge, wie bisher. Dann werden auch der Ruhm und die hohe Achtung, die „Jewish Chronicle" sich erworben hat, dauernd bestehen bleiben, und, die Spuren seiner segensreichen Wirksamkeit werden nicht untergehen. * FEUILLETON . Ner heilige Herr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. Achtes Kapitel. Die Flucht. Am Morgen »ach jenem Gespräch mit dem Baron Frank hielt sich Graf Stanislaus verpflichtet, seiner Mutter Rechenschaft über den Erfolg seiner Mission abzulegen. Die Gräfin war, obwohl sie die Freuden der Welt nicht verschmähte, und obwohl sie manchen Tagcsmeinungen der damaligen Zeit, welche die französischen Philo-/ sophen verbreiteten, sich zugänglich zeigte, doch streng religiös. Bor Allem war es ihr eine Herzenssache, den Glauben Evn's nicht gefährdet zn sehen. Mit einem Male nuißte sie durch ihren Sohn erfahren, daß sich dessen Geliebte, die sie einst als Schwiegertochter zu begrüßen hoffte, in einem Hause des Unglaubens unter der Autorität eines Mannes befand, der das Christenthum nur äußerlich angenommen hatte, der insgeheim eine bedenkliche, gefährliche Irrlehre verbreitete. Hier mußte unverzüglich gehandelt werden, um Eva aus den Klauen dieses Menschen zu retten. Eva »rußte aus dem Hause fort und in eine Umgebung versetzt werden, wo sie in der Lage war, sich seinem Einflüsse zu entziehen. Schon längst war Alles zur Abreise nach Dresden vorbereitet; es bedurfte nur eines Wortes von ihr, und der große Reisewagen wrirde aus der Remise gezogen und mit den vollgepackten Koffern beladen. Allein die Gräfin war noch unentschlossen über den Zeitpunkt, an welchem die Abreise zn veranstalten war und auch darüber, ob die Abreise Eva's nach Dresden mit oder ohne Zustimmung des Baron Frank zu bewerkstelligen sei. In Anbetracht der verdächtigen Sektirerei des Barones glaubte sie wohl eine heimliche, wider dessen Willen stattsindende Entfernung Eva's entschuldigen zu dürfen, doch schien es ihr klüger, wenn ihr Sohn sich zuvor mit dem befreundeten Generalosfizial Turski ins Einvernehmen setzte, um durch diesen zu erfahren, wie die Angelegenheiten des Barons stünden. Der junge Graf begab sich daher sofort zu dem Generaloffizial, dem er das Ergebniß seiner Unterredung mit Frank, sowie die Vorwürfe, welche Eva demselben ins Gesicht geschleudert, mittheilte. Zugleich richtete er die Frage an den Großoffizial, wie er sich in dem vorliegenden Falle verhalten solle. „Was Sie mir da sagen," beinerkte Turski," ist für mich nicht mehr neu. Es sind mir, theils von gläubigen Christen, theils von rechtglärlbigen Juden, was'aber noch wichtiger ist, durch Anhänger Franks selbst, eine Reihe von Enthüllungen zugegangen, welche mir den Belveis liefern, daß hier unter dem Deckmantel der Religion ein abscheulicher, gotteslästerlicher Betrug verübt wird, den ich, vermöge meines Amtes, das mir befiehlt, über die Reinheit der katholischen Lehre im Königreich zri tvachen, auch nicht eine Stunde länger dulden werde. „So ist es wahr, das; sich der Baron für den Messias ausgiebt?" fragte Stanislaus. „Ja, gewiß thut er das," erlviederte Turski.,, Die Taufe, welcher er sich unterwarf und zu deren Empfang auch seine Anhänger sich hinzudrängten, war nichts als gemeiner Betrug, durch welchen er beabsichtigte, unsere Regierung für sich zu gewinnen, um das ersehnte Ziel, die Selbstherrschaft über seine Sekte zu erreichen." „So sagen Sie mir, was lehrt Frank, tvas beabsichtigt er?" „Unsinn, gräuelvoller Aberglaube ist cS," rief Turski. „Sie wissen, er sprach immer mit großer Salbung von der heiligen Dreieinigkeit, aber was er lehrt, das ist die sogenannte sabbathianische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.