Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1891)
- Date
- 1891-11-27
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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572 gegen den großen Philosophen vorwaltete, ließen nichts von Vorbereitungen zur Feier dieses Tages vorhersehen, Spinoza schien vergessen. So weit nun die positiv gläubigen Anschauungen Ludwig Philippsons von den Lehrmeinungen des holländischen Philosophen abwichen, er wußte doch die Größe desselben völlig zu würdigen. Voll Unwillen veröffentlichte er eine Schrift: „Benediktus Spinoza als Mensch in seinem Leben und Charakter dargestellt, als Rechtfertigung des Verkannten, als Aufforderung zur Feier des 24. November 1832 (Leipzig, Leicht, 1832"). Es handelte sich hier weniger rim eine Würdigung Spinozas als Philosophen, denn als Menschen, als Charakter. Das Buch hatte weniger Erfolg, als es verdiente' dem Buchhändler mangelte es an Geschick, und die allgemeine Auf" merksamkeit war durch die politischen Ereigniffe, sowie durch die in furchtbarer Kraft nuftretende Cholera in Anspruch genommen. Auch diese schreckliche Krankheit ward dem jungen Kandidaten der Philosophie zur Ursache litterarischer Produktion. Er begann eine Art modernen Dekamerons, eine Sammlung von Gesprächen und Erzählungen von Freunden, die sich durch heitere Anregung des Geistes vor der Seuche schützen wollen. Der Stil des leider nur ganz fragmentarischen Werkchens ist indeß nicht der des alten Florentiners, sondern der Jean Pauls, welcher damals noch ebenso allgemein mit Bewunderung gelesen wurde, wie er heute gemieden wird. Bemerken wollen wir nur, daß im „dritten Briefe" dieses Fragmentes einer der Versamnielten eine fingirte Rede an die französische Deputirtenkammer richtet, um derselben zu beweisen, daß die französischen Einrichtungen nicht für alle Welt mustergiltig sind, und daß zumal die Deutschen in Charakter, Ueberlieferung und Streben so viel Eigenthümliches und dabei Berechtigtes besitzen, daß sie sich ihre Zukunft frei und selbständig zu bilden die Aufgabe haben. Man sieht, wie fest diese Ansicht in den Ueberzeugungen Philippsons eingewurzelt war. Unter diesen mannigfaltigen Arbeiten ernsterer und leichterer Natur war das Ende der Universitätzeit gekommen und der junge Mann im Begriff, in das Leben zu treten. Aber wie? was beginnen? Seit seiner Kindheit hatte er sich auf das Amt eines jüdischen Geistlichen vorbereitet, aber wo ein solches erhalten? Abgesehen von vereinzelten Reden bei zufälligen Gelegenheiten, gab es regelmäßige Predigt nur in einer kleinen Anzahl von Gemeinden. Das alte Rabbinat war völlig in Verfall und stand auch in seinem Gebühren mit den Anschauungen, den ästhetischen und philosophischen Bedürfnissen Philippsons, in allzu schreiendem Widerspruch. So hatte er den Plan gefaßt, der ja auch seinen innersten Neigungen nicht zuwider lief, sich ausschließlich der Philologie zu widmen. Allein in Deutschland bot eine solche Laufbahn dem Juden gar keine Aussicht. Er beschloß deshalb, es einstweilen in Frankreich zu versuchen, wo bereits ein Deutscher, Karl Benedikt Hase, eine glänzende Stellung als Professor und Mitglied der Akademie errungen, mehrere deutsche Israeliten, wie z. B. Philippsons Landsmann Ludwig Markus an Lyceen einen einträglichen Platz erhalten hatten. Schon hatte er Beziehungen zu Paris angeknüpft und sah, wenn auch nicht mit Spannung, so doch mit Zuversicht, der Zukunft entgegen. Er begab sich nach Magdeburg, wohin damals, im Gefolge seines älteren Bruders, seine ganze Familie üdergesiedelt war, um hier einige Monate bei den Seinigen zuzubringen, ehe er die weite und in ihrer Dauer unbestimmte Reise nach Frankreich begänne. Da trat ein Ereigniß ein, das an sich unbedeutend,, doch eine Wendung in seinem ganzen Leben herbei geführt, demselben eine ganz andere Richtung gegeben hat. Schildern wir den Vorgang mit Philippsons eigenen Worten: „In der kleinen Stadt Osterburg in der Altmark wollte eine Wittwe die Hochzeit ihrer Tochter feiern. Da sie mit den Honoratioren des Städtchens und umwohnenden Gutsbesitzern in geschäftlicher und geselliger Verbindung stand und diese sehr neugierig waren, bei einer jüdischen Trauung, einer Seltenheit in dieser nur wenig Juden zählenden Gegend, anwesend zu sein, wünschte sie die Trauung in würdiger Weise vollzogen zu sehen. Sie wandte sich deshalb an einen Geschäftsfreund in Magdeburg, einen Mann, der ein großer Freund der Litteratrir war, er möchte ihr einen jungen Prediger verschaffen, der die Trauung übernehme. Der Mann hatte mehreres von mir gelesen und wußte, daß ich in Magdeburg ansässig war; er kam auf den Gedanken, daß ich dazu geeignet sei, und wandte sich deshalb an meinen Bruder, den Arzt. Dieser trug mir die Sache vor. Ich war nicht einverstanden damit; ich sei noch zu jung, wandte ich ein, hätte noch niemals gepredigt und getraut, wüßte deshalb nicht, ob es gut ablaufen werde, und für meine Laufbahn hätte es keinen Zweck. Aber mein Bruder ließ nicht nach, und meine Mutter verband ihre Vorstellungen mit den seinen. Ich sei vorbereitet genug, erwiederte er, und einmal müffe man doch anfangen; auch gab er mir zu bedenken, daß das gute Honorar in meinen Verhältnissen nicht ohne Werth sei. Da ich gewohnt war, den Ansichten meines Bruders Folge zu leisten, willigte ich ein." — Die Traurede machte einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer, und zwar um so mehr, als die jüdische Predigt in der deutschen Muttersprache damals noch mit dem ganzen Reiz der Neuheit wirkte. Wie es zu geschehen pflegt, gewann durch den außerordentlichen Erfolg, den er erzielt, der junge Redner selber vielen Geschmack an dem Amte, dessen er so unerwartet gewaltet. Keine Kunst pflegt den Künstler selbst so zu entzücken, ja zu berauschen, wie die der Beredtsamkeit. Außerdem trug Ludwig von dem Feste noch einen anderen tiefen Eindruck davon: die Schwester der Braut, Julie Wolfstein," hatte sein jugendlich unverdorbenes Herz ganz für sich eingenommen. Der Widerstreit zwischen den neuen Gefühlen, die ihn bewegten, und dem noch immer fest gehaltenen Plan der Uebersiedelung nach Frankreich ist in einem Akrostichon auf die verschwägerten Familien Wolfstein-Mendel-Frank ausgedrückt: Wohl ist es schwer, zu gehen und zu scheide»!. Ob Fremdling auch, doch »vohl begrüßt als Gast: Laut spricht der Gram, laut spricht das Leiden:. „Findst jenials Du die Treu, die Du geliebt schon hast. So auf dem Rundball dieser Erde »vieder?" Trüb stehn die Bilder der Vergänglichkeit, Es stehn die Bilder dieser ewgen Hyder In dunklen Schleiern vor der Seele Leid — Nun doch geschieden muß es sein — auch heut! Mit diesem Schmerze »vechselt dann Gebet: Es macht' der Herr Euch seinen Segen spenden! Nie mag der Sturm, der über Wüsten weht. Der Pforte EURES Hauses sich zuwenden! Es ströme über Euch der Freuden Strahl, Lieblich und mild und freundlich allzumal! Fernhin nach West zieht meines Lebens Welle, Rasch über Berg und Flüsse wallt sie hin: Auch in der Ferne doch wird schön und helle Nie Euer Gedenken schrvinden »neinem Sinn — Kömmt auch der Zeiten »vechselnder Gewinn!" Philippson sollte nicht vor die schwierige Wahl gestellt werden, zwischen seinen Zukunftsplänen und seiner jungen Liebe zu entscheiden. Der Neuvermählte hatte die Traupredigt zum Drucke gegeben, und jener Kaufmann, welcher als Vermittler gedient hatte, brachte sie in Heller Begeisterung zu dein Vorstande der jüdischen Gemeinde in Magdeburg, mit dem Verlangen, einen so trefflichen Redner an den bevorstehenden hohen Festtagen in der Synagoge sprechen zu