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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-27 · Heft 48 (27.11.1891) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 48 (27.11.1891)
Date
1891-11-27
Page
Seite 571 (sequence 7)
Language
German
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571 WWWWWWMMW»^ ihm die letzte große Freude seines Lebens, diese Gesammtausgabe seiner Werke. Aber in dieser Fülle zu blättern, ist heute ein recht wehinüthiges Geschäft. Diese „Böhmischen Juden" schwanken vor dem Auge wie Leidtragende , die ihrem Befreier nachweinen, und aus den „Geschichten einer Gasse" hört man den Jammer der Klageweiber um ihren besten Todten. Geister einer entschwundenen Zeit, die nur noch fortlebten mit Demjenigen, der sie unter das Licht hellerer Tage gerückt hatte, und zerstoben, da auch er in das Grab sank. Andere Zeiten, andere Geschichten. Was war es doch für ein herzbrechendes Schicksal, wenn die beiden Tauschkiuver, der jüdische Kaufmann und das czechische Mädchen, in Liebe zu einander entbrannte» und gleich den beiden Königskindern des Volksliedes diesseits und jenseits des Wassers standen, über da-3 kein Steg führte! Und wenn der czechische Schinied Patek sich des jüdische» Kaufmannes annahm, weil er denselben für ein braves, rechtschaffene» Menschenkind hielt! Heute ist im Böhuierlandc wiederum Kampf und Hader, aber nicht mehr um Liebesleid und Lust, nicht mehr darum, ob der „Arrendator" zum Gutsherrn werden und zum Acrger seines Knechtes Wacek „am Pfluge" gehen darf. Miteinander zu kämpfe» hören ja die Menschen niemals auf, wie es schon der Dichter wußte, von dem die Verse stammen: Denn ich bin ein Mensch gewesen. Und das heißt ein Kämpfer sein, und jeder Streit, um was er auch lviithe, zerreißt dem Dichter das empfindsame Herz, wie sicher auch der heutige Streit in seinem Heiniathlande Leopold Kompert mit tiefem Weh erfüllt Hütte. Aber etwas Anderes ist das Gut des freien Menschenthums und etwas Anderes der Streit um Herrschaft und Macht. Um in den letzteren sich zu mischen, war Kompert zu weich, zu ««»geschickt ans dem Tummelplätze ungestliiner Leidenschaften, er barg seine deutsche Gesinnung wie ein Kleinod in der Seele, um sie unversehrt bis zur letzten Stunde zu wahren. Wenn ihn aber ein psychologisches Problem, das außerhalb der ihm geläufigen Sphäre lag, reizte, so faßte er cs nicht fontret und augenfällig an, wie die Realisten von heute, sondern er führte es sachte und mit künstlerischer Behutsamkeit durch, wie in keinem letzten Romane „Heini »nd Franzi", der eine echte und rechte Wiener Geschichte ist, nicht vordringlich lokal, aber von unvergleichicher seelischer Reinheit. Der Fürsprech des Ghetto . . . Und ist's denn etwas Kleines, das Werk der Menschenliebe vollbracht zu haben an diesen« Rabbi, der weltverloren über seinen Folianten hockt, unduldsam gegen Alles, «vas nicht in seinem Talmud steht, an dieser „Schwaigerin", die ihre Seele zermartert unter dein Fluch der Kinderlosigkeit, an diesem jungen Fanatiker, der durch die Welt wandernd sich geißelt »nd kasteit, um seines Glaubens willen, während daheim ein edles Mädchen sich in Sehnsucht nach ihm verzehrt? Das Ghetto lvar ein Gefängnis;, »»chDiejeuigen, die cs beherbergten, «varen Schuldige und Unschuldige. Ben Akiba saß »nd zürnte: „.Fleißig Talmud lesen, junger Acher! Im Talmud lvar Alles einmal da". Und in diese«» dumpfen Gefängnisse waren es einzig »nd allein die Frauen, welche der Weisheit, der Duldung, der Liebe Einlaß gewährten, Franc», «oie die blinde Lehrerswittwe Veile Oberländer, die prächtigste Gestalt die Kompert geschaffen, i«nd vermnthlich «nich die richtigste Interpretin seiner Gesinnungen. Das ist ein entscheidendes Merkmal des Ghettos, wie der Ghettodichtung. Der Dichter reifet ,non außen her die Mauer nieder, «velche das Ghetto von der Welt trennt, aber er hat emsige Helferinnen, die ihm von innen her die Hand reichen. Denn das Elend der .Knechtschaft überdauert der Mann durch Arbeit, die Frau ber emfindet es in allen schweren Stunde». Nicht «veit in die Geschichte braucht »«an diese Betrachtung ,zurück,zuspiimen, «uchl an die Frauen der französischen Revolution zu denken, an Madame Roland, an Madame Tallien, an Charlotte Cordah; aber wenn man nur auf eine Deborah, auf eine Esther sich besinnt, so versteht man, «velche Rolle die Frau im Ghetto spielte, «velche in der Ghettodichtung. Sie half zu dem Werke der Befreiung. König Kasimir der Große liebt die Krakauer Jüdin Esterka, und diese Liebe ist ihm das große Toleranzpatent «verth, das erste, welches das Mittelalter kannte. Darum auch ist bei den Ghettodichtern die Frau zumeist der Mittelpunkt ihrer Geschichte», bei dem Norddeutschen Bernstein die süße Vögele, die tvegeu ihrer klugen Rede der Maggid (Prediger) genannt «vird, bei Kompert Beile Oberländer, die greise Lehrersfrau. Darin aber ist Kompert der unvergleichliche Meister, das weibliche Geinüth zu ergründen, er selbst eiir Mann von frauenhafter Zartheit und von einer Schüchternheit, die Manchen, der ihm zum erstenmal begegnete, in Erstaiuren, ja in Verlegenheit setzte. Dlirch die entblätterten Aeste ging ei» Schauer; der Herbst holte seine letzte«: Todten. Und eS war tote ein großes, verhaltenes Schluchzen, daß er keine«« Unterschied machte zwischen den Bösen «nid den Guten, die er dem Winterschlafc überliefert. Mit Leopold .Kompert sank ein Stück litterarisches Wien in das Grab aus einer ruhmvollen Zeit, da man Oesterreich in« Reiche draußen um seinen Besitz beneidet hatte. Damals hatte Oesterreich sei»eu)Anastasius Grün und Lenau, Kart Beck, Moriz Hartmaun und Alfred Meißner, seinen Friedrich Halm, Hebbel «nid vor Allen seinen Grillparzer. Und Kompert reihte sich ihnen an, ging mit und »eben ihnen, hochgehalten von ihnen Allen als der edle Lichtträger für eine kleine Welt, die von zweitausendjähriger Finsterniß bedecktwar. Die heutzutage von Lessing sich abwenden wegen seines Nathan, mochten auch den Todten auf dem Wiener Frauziskaiierplatze verkleiuer««. Aber «vas thut's? Es werden auch andere Tage «vieder koinmen, in beiten bvrnirtes Urtheil, konfessionelle Befangenheit ihren wahren Preis haben «verden. Tann «vird Mancher über den Ghettogeschichten Koniperts sitzen und sich befremdet fragen, «vie in einer Zeit, die solche echt >»e»schliche Gesinnung, so viel Humanität nnb Gerechtigkeitssinn reiste, auch so viel Unduldsamkeit und Engherzigkeit ohne Schamröthe durch die Gassen schreite» konnte. Der Dichter stirbt, aber sein Werk bleibt. Und das Werk legt Zeugnis; ab nicht blos für ihn, sondern auch für seine Zeit. d Ludwig PHUrppson. Eine biographische Skizze von Professor Dr. Martin Philippsvn. Das letzte Studienjahr Philippsons (Ostern 1832 bis Ostern 1833) brachte ausschließlich Arbeiten Philologisch-natunvissenschaftlichen und philosophische» Inhaltes. Ter altere Bruder, Phöbus, hatte sich als praktischer Arzt in Magdeburg niedergelassen und dort die Herausgabe einer medizinischen Zeitschrift „Podalirius" .begonnen. Hier versuchte Ludwig zuin ersten Male eine Kritik der naturhistorischen Schriften des Aristoteles zu geben in dem Aufsatze: „Aristoteles als Naturforscher, hat er Einfluß auf die Medizin gehabt?" Andere Schriften derselben Richtung «vnrden zum Theil i» Berlin und in Magdeburg gedruckt, zum Theil blieben sie Manuskript, wie die .Diätetik des Hippokratcs", die einen Theil des beabsichtigten großen Werkes über die Diätetik der Alten zu bilden bestimmt war. Inzwischen war, für den 24. November 1832, der zweihundertjährige Geburtstag Benedikt Spinozas herangenaht. Die ausschließliche Herrschaft des Hegelianismus in der Philosophie, sowie der Haß der pietistischcu Richtung, die in den Politisch maßgebenden Kreisen

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