Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1891)
- Date
- 1891-11-27
- Page
- Seite 570 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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570 Jedesmal, wenn ich von den beklagenswerthen Erscheinungen des Antisemitismus hörte oder las, kam mir der Gedanke: Könnten nicht auch wir jüdischen Mädchen und Frauen dazu beitragen, demselben entgegen zu wirken, und thun wir in .dieser Hinsicht unsere Pflicht? Geschieht nicht vielleicht auch unsererseits manches, das dem Antisemitismus in vielen Fällen wenigstens einen Schein der Berechtigung verleiht?" „Wie kann," so sagte ich mir, „Jemand Anspruch darauf erheben, daß seine Religion von Andern geachtet werde, wenn er sie selbst nicht achtet?" Leider ist dies bei einer nur zu großen Anzahl von Jüdinnen der Fall. Sie schämen sich ihrer eigenen Religion. Statt stolz darauf zu sein, daß sie dem Judenthuni augehören, suchen sie es sorgfältig zu verbergen und freuen sich, wenn es ihnen Niemand ansieht/ daß sie Jüdinnen sind. Sie verkehren möglichst wenig mit Glaubensgenossinnen und suchen eifrig christlichen Umgang. Sie brüsten sich bannt, daß sie nur in nichtjüdischen Kreisen Verkehren. Selbstverständlich wissen alle diese vom Judenthum ganz und gar nichts, ja, sie haben nicht einmal eine Ahnung von dem tiefen und edlen Gehalt desselben; sie kennen nichts von seiner Geschichte und wollen auch nichts davon kennen. Würde man ihnen zumuthen, ein jüdisches Buch, eine jüdische Zeitung zu lesen, so würden sie die Nase rümpfen lind sagen: „Ach, wie langweilig! Gar nicht spannend!" Was ihnen aber an Kenntniß der jüdischen Religion und Geschichte und an Interesse für das Judenthum abgeht, das ersetzen sie reichlich durch ihre Kenntniß der neuesten und allerneuesten Moden und durch ihr Interesse für Vergnügungen. Auf der Straße sieht man sie stets höchst modern und elegant, überall thun sie sich hervor dllrch glänzende Toiletten. Daß da die Andern sagen: „Seht die Jüdinnen:} sie fallen stets auf durch ihren Putz und durch hr Benehmen!" das ist doch wahrlich kein Wunder. Zwar giebt es unter den Andersgläubigen nicht weniger, ja vielleicht noch mehr Damen, die nur für Putz und Vergnügungen z» leben scheinen, aber da schadet auch das, was der Einzelne thut, nicht in dem Maße der Gesammtheit. Wir Jüdinneir sollten eben alle musterhaft zu sein uns bestreben, so daß wir unfern Feinden Achtung abnöthigten, so daß sie, wenn auch widerwillig, uns ihre Anerkennung gewähren inüßten. Was können und sollen wir aber thun, um das zu erreiche»? Wir sollen jede häusliche und weibliche Tugend üben und pflegen. Statt eiteln, nichtigen Vergnügungen nachzujageu, statt uns zu geberden wie Modenärrinnen, sollen wir uns bemühe», unfern Angehörigen ein trauliches Heim zu bereiten. Wir sollen Wohlthaten ausüben, sollen den Dürftigen und Leidenden, weß Glaubens und Geschlechts er auch sei, aufsuchen, um ihm zu helfen, um ihm nach Kräften beizustehen. Die Geschichte unseres Volkes soll und darf uns nicht fremd bleiben; mit Stolz soll uns das Bewußtsein erfüllen, Glieder einer Gemeinschaft zu sein, die einen so mächtigen Einfluß auf Kultur und Gesittung gehabt hat. Für Alles, was das Geschick unseres Volkes betrifft, sollen wir ein warmes Herz haben; wir sollen uns nicht fühllos und kalt abwenden, als ginge uns das Alles nichts an. Die Erziehung der Kinder sollen wir so leiten, daß auch sie von Begeisterung für unsere Religion erfüllt werden und das Schöne und Edle, was in ihr liegt, voll und ganz zu erfassen vermögen. Nach außen hin sollen wir bescheiden auftreten, sollen uns nicht brüsten, sollen uns niemals und nirgend vordrängen und durch nichts zu glänzen suchen, als durch Tugenden. Alles Niedrige und Unedle ist eines jüdischen Weibes unwürdig. Streben wir Alle redlich danach, in solcher Weise unsere Pflicht zu erfüllen, so wird Herr rofeffor Steinthal bald eine weniger wehmüt hig-traurige Antwort auf seine Frage haben. Cr wird dann sagen können: „In, wohl giebt es noch Jüdinnen, wahre, treue, die in jeder Beziehung dieses Namens würdig sind," und alle Wohlmeinenden unter unfern Mitmenschen werden uns alsdann ihre Achtung nicht versagen können. Am Sterbetage Leopold Komperts. Von W i l h e l'm G o l d b a u m. Durch die entblätterten Aeste ging ein banger Schauer; der Herbst holte seine letzten Todteu. Und einer der Besten unter diesen Todten lag aufgebahrt in dem traulichen Studio auf dem Wiener Franziskanerplatze, das Alle kannten, denen der Verkehr mit einem echten, gottbegnadeten Dichter ein Herzensbedürfniß war. Ach, diese inhaltsvollen, anregenden Stunden! Da saß der kleine, unscheinbare Mann mit den großen, leutselige» Augen, und weise Rede floß langsam von seinen Lippen. Er erzählte schlicht und herzlich von alten Tagen und längst gestorbenen Freunden, von Moriz Hartman», Friedrich Halm, Julius von der Trau»; er ermunterte uns Jüngere denen halbe Erfolge die Flügel lähmten, und wir gingen hoffnungsvoll von dannen, durch den Glauben an diesen seltenen Mann gestärkt, der das Herz in der Hand trug und die Liebe im Mund, führte. Dann wieder sahen wir ihn an warmen Sommertagen auf einer Bank im Stadtpark kauern; der Tod lag auf seinem Antlitz. Ringsumher war fröhliches Kindergeschrei; er hörte es nicht. Die Vögel zwitscherten zu seinen Häuptern; er vernahm sie nicht. Zu Boden starrte der getrübte Blick, die Wange war fahl, die Zunge schwer und unbeweglich. Wie schnell der Wurm im Herzen arbeitet! Am 15. Mai 1882, seinem sechzigsten Geburtstage, hatte er noch voll dankbarer Ueberraschung die tausend Huldigungen hingenommen, die ihm von allen Seiten dargebracht worden waren, von der Wiener Litteratur, von Allen zusammen und von Jedem einzeln. Wenige Monate später war er ein siecher, gebrochener Mann. Als ob er in seiner tiefen Bescheidenheit die Ehren nicht hätte ertragen können, mit denen man ihn überhäuft hatte. In das Grab sank mit ihm alle Gutthat, die er vollbracht, nur was von dieser reinen Seele in seinen Büchern übrig bleibt, wird bestehen. Der Fürsprech des Ghetto . . . Wo ist das Ghetto mit seinem dumpfen Elend, seinem trotzigen Unglück, seinem unerschütterlichen Familiensinn? Wo mit seinen schwindsüchtigen Lehrern, seinen Tauschkindern, seinen Heirathslizenzen? Es existirt nicht mehr. Weder in Münchengrätz an der Isar, woher der kleine Leopold Kompert kam, als er, ein armer bildungsdurstiger Jüngling, zu Fuße dilrch die Taborlinie nach Wien hereinwanderte, noch sonstwo im zivilisirten Europa. Das Ghetto ist von der Erde verschwunden, weil es Anwälte hatte, wie Leopold Kompert, der als Mensch mit grenzenloser Liebe und Werkthätigkeit jeden konfessionellen Gegensatz entwaffnete und als Schriftsteller ein Licht ansgoß über diese armen Ghettokinder, daß sie jedem Andersgläubigen erscheinen mllßten, wie er sich selbst erschien, nicht schlechter und nicht besser, helljauchzend in der Freude, verzweifelt in dem Trübsal des Daseins, gut und" böse, wie alle Ebenbilder Gottes, die sterben müssen, weil sie geboren sind. Es bringen's Andere weiter in der Hierarchie der Aemter, als dieser Dichter, der so eckig, so bedachtsam durch die Gassen schritt, als wäre die Welt mir da, um sie anzustauuen, und jedes Menschenkind nur, um es sinnend zli betrachten; der Schulrath, der Regirrungsrath waren ihm Wiirden, die er ohne Selbstgefallen trug. Aber höher ist kein Ziel auf Erden, als das sich die Menschenliebe steckt, und dieses Ziel war dasjenige Leopold Komperts. Acht stattliche Bände enthalten, was er geschrieben. Sie wa