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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-27 · Heft 48 (27.11.1891) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 48 (27.11.1891)
Date
1891-11-27
Page
Seite 568 (sequence 4)
Language
German
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ittan die Verhältnisse unbefangen prüfte, gar nicht die Rede sein. Daß die zahlreichsten Bewohner der Insel, die Griechen, die heftigste Agitation dagegen begonnen hatten, ließ sich bei dem großen Antagonismus, der zwischen ihnen und den Juden überall herrscht, wo sich die beiden Stämme berühren, unschwer voraussehen. Aber selbst an die Anlegung einer kleinen Kolonie ist nach einhelliger Ueberzeugung unserer Kommission nicht entfernt zu denken. Ein derartiger Versuch, von London aus protegirt, und wahrlich mit Mitteln begonnen, wie sie uns niemals auch nur annähernd zu Gebote stehen konnten, ist kläglich gescheitert. Warum?! Der eben erwähnte Schriftsteller sagt: wenn man nur wiißte, wie unpraktisch die Dinge früher unternommen worden, würde man sich nicht wundern, daß sie gescheitert seien. Wir meinen, gar so viel praktischer als die Engländer sind doch eigentlich die Deutschen in Kolonisationsfragen auch nicht. Ferner hebt er hervor: die Leute, die dahin gekommen feieit, hätten weder englisch noch griechisch verstanden. Also ein Sprachkursus, ehe wir eine Kolonie gründen! — auch die Leute, welche etwa wir dahin senden würden, würden nur jüdisch-deutsch, einige etwas russisch verstehen. Auch meint er, diese ersten Kolonisten hätten von der Landwirtschaft nichts verstanden, nur eine Familie sei schon in Rußland beim Ackerbau thätig gewesen. Das wird ja immer so sein; die Leute müssen ja aber erst zum Ackerbau erzogen werden; in Rußland betreiben sie ihn ja zum geringsten Theil. Eine Deputation russischer Juden, die vor einigen Monaten auf Cypern war, um Länder zu kaufen, reiste unverrichteter Dinge ab: sie schreckte vor der antisemitischen Stimmung der Bewohner, vor den geradezu wahnsinnigen Preiserl, die von ihr gefordert wurden, zurück. Jener Herr Autor meint, so dürfe man es eben nicht anfangen; wir dürften nicht sagen, für wen wir das Land kauften, nicht einmal, daß wir Land kaufen wollten, und giebt an, wie er mit den von uns bestimrnten Vertrauensmännern, die er als Archäologen verkleiden wolle, die Insel durchstreifen werde. Ich hätte dieses geringfügige Detail nicht erwähnt, wenn es mich nicht zu einem prinzipiellen Punkte führen würde. Nein, meine Herren, so fangen wir die Sache nicht an, so darf sie Niemand von Ihnen anfangen. Ehrlich und offen wollen wir den Eingeborenen sagen, für wen wir die Kolonie gründen — kleine Listen passen nicht zu unfern: gerechten und ebleu Werk, und der Gipfel der Schlauheit wäre zugleich der der Thorheit: Die Folgen hätten unsere Schützlinge zu tragen. Was Amerika anbetrifft, so betrachten wir Canada als Arbeitsgebiet der Engländer, Nordamerika als das unserer dortigen Glaubensbrüder, Mexico würde gleichfalls am praktischsten von Amerika aus zu bearbeiten sein. Besonders lebhaft angetragen wurde uns Costariea. Wir sahen davon ab; die katholische Staatsreligion wird nicht ohne Fanatismus gehandhabt, auch ist das Land relativ theurer als anderwärts, der Hektar stellt sich auf 50 Dollars. Was Südamerika betrifft, so kennen Sie ja Alle die traurigen politischen Verhältnisse an der Westküste. Mitten in die Wirren bereits ausgebrochener oder drohender Bürgerkriege glaubten wir unsere Schützlinge nicht führen zu sollen. Auch ein anderes Moment bewog uns, von diesen westlichen Staaten, die — wie Uruguay und Argentinien an der Ostküste — von Spanien ans kolonisirt worden sind, abzusehen; es ist dasselbe, welches ich bei Costariea genannt: der religiöse Fanatismus. Er ist an der Ostküste, soweit sie von Portugiesen kolonisirt wurde, namentlich in Brasilien, viel geringer. Im Vergleich zu den amerikanischen Abkömmlingen der Spanier sind jene der Portugiesen ein in Glaubenssachen viel toleranteres Volk. Das bezeugen nicht blos die Berichte aller Reisenden, auch die politische Geschichte dieser Staaten läßt dies deutlich erkennen. Schon dieser Gesichtspunkt, der für unser Unternehmen einer der gewichtigsten sein muß, hat uns Brasilien den Vorzug geben lassen. Es besteht ein starkes Vorurtheil gegen Brasilien; es bestand ursprünglich auch m unserer Mitte. Worin wurzelt es? Hauptsächlich ist in einem Erlaß der preußischen Regierung, der zur Zeit, als Herr v. d. Heydt Handelswinister war, gegeben wurde, der sogenannte „Heydt'sche Erlaß." Es wurde darin die Agitation zur Auswanderung nach Brasilien verboten und unter Strafe gestellt. (Schluß folgt.) 3 Glnckstern und Unstern. Bon David Cassel. Zu denjenigen sprüchwörtlich gewordenen Redensarten, denen man im jüdischen Leben wie in jüdischen Schriften begegnet, ohne daß man ihren Ursprung nachzuweisen verinag, gehört auch das bekannte ^1)23 »es kommt bei Allem auf Glück an". Mit dem Nachweis des Gebrauches jenes Spruches in der jüdischen Literatur haben sich u. A. Dukes (Ozar Nechmad II, 113) und David Kahaua (Ha-Asif III, 128) beschäftigt. Das Wort oder vielmehr der Plur. kommt in der heiligen Schrift nur e i n nt a I (2 Kön. 28, 5) vor und wird gewöhnlich, wenn auch nicht zweifellos'), mit S t e r n b i l d e r d. h. den 12 Sternbildern, welche den Thierkreis bilden, übersetzt. Wen nun auch in der Heiligen Schrift nicht feiten* 2 *) von der (gesetzwidrigen) A n b e t u n g der Gestirne gesprochen wird, so ist dennoch von dem den Inhalt astrologischen Wahnes bildenden Glauben an die Einwirkung der Gestirne auf die menschlichen Schicksale nicht die Rede, so nahe auch der Anbetung ein solcher Glaube liegen mag8). Und es ist die bekannte Zeichnung wohl gleich bedeutend mit „Götzendiener", aber nicht mit „Astrologe" geworden. Der näheren Bekanntschaft mit Babylonien ist es wohl auch zuzuschreiben, daß in den kurz vor dem Exil oder während desselben geschriebenen Büchern Spuren von Bekanntschaft mit astronomischen Beobachtungen gefunden werden, oder doch Bilder uns begegnen, die auf solche Erfahrungen hindeuten. Zwar sprechen schon (oder scheinen zu sprechen) Amos und Jesaia I von Sonnen- und Mondfinsternissen (Ainos 5, 9. Jes. 5, 30); ersterer, der Hirte, hat Gelegenheit gehabt, Sternbeobachtuugen auzustellen (Amos 5, 8). Aber Jeremia (10, 2) warnt davor, sich von „Zeichen des Himmels" erschrecken zu lassen, wie das die Heiden thun; bei (dem exilischen) Jesaia (13, 10) geht die Sonne verfinstert auf; in Aegypten verfinstert sich der Tag (Ezech. 30, 18). Ein gleichfalls exilischer Prophet schildert die Schrecken eines Erdbebens: „Und in dieser kommenden Zeit wird der Mond e r r ö t h e u (wie er gewöhnlich bei einer totalen Finsterniß roth erscheint) und die Sonne sich s ch ä m e n" (verschwinden, oder vor Scham sich verhüllen4 5). Daß die Fülle von Sternen bei Ezech. 1, 18 den zahllosen Fixsternen und die „sieben Augen" bei Secharja 4, 10 den sieben Planeten entsprechen, hat schon Asarja de Rossi (Kol Elohim) aus dem Dialog des Philo und der Sofia angeführt. Das jüngste der biblischen Bücher ist kaum ein Jahrhundert älter, als die Anfänge römischer Herrschaft in Judäa; mit dem Vordringen der Röiner in Vorderasien hielt das Eindringen orientalischer Anschauungen in Rom gleichen Schritt. Und es war nicht blos Gutes, was der Westen vom Orient empfing. Abergläubische Gebräuche, Wahrsagerei, Gaukelspiele u. dgl. waren an der Tagesordnung; in Gegenwart des Vespasiau wurde aus einem Besessenen der böse Geist ausgetrieben''). Die ambabajae, sambucinae (sambucistriae, tympanistae, psaltriae etc. weisen schon etymologisch auf den Orient; Chaldaeus ist bei den römischen Schriftstellern der Kaiserzeit gleichbedeutend mit „Wahrsager" oder Astrolog, und es ist bemerkenswerth, daß der Talmud mit völliger Vergessenheit des alten 0 Stern in Geigers: Jüdische Zeitschrift III, 266. 2) Deuter. 4, 18,17, 3. 2 Kön. 17,16. 21, 5. 28, 4.5. Zefanja 1, 5. Hiob 31, 26. 27. 2 Chr. 33, 3. 5. 8) Wie auch Maimonides in dem Abschnitt seines großen Werkes: „Vom Götzendienst c. I. auszuführen sucht. 4) Daß für die beiden „großen Leuchten" die jüngeren Namen und non gebraucht werden, ist längst bemerkt. 5) Josefus Alterth. VIII, 2, 5.

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