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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-27 · Heft 48 (27.11.1891) · p. Seite 567

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 48 (27.11.1891)
Date
1891-11-27
Page
Seite 567 (sequence 3)
Language
German
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567 8. In Palästina, wo sie den Boden, den Gottihren Vätern angewiesen, bebauen könnten, würden sie Bauern bleiben, weil sie es dort bleiben wollten, anderswo nicht. Nun, m. H., was non diesen Gründen spricht, objektiv genommen, sachlich für Palästina? Ich glaube, mein Referentenamt, welches mich zu vollster Objektivität verpflichtet, voll zu üben, wenn ich die beiden letzten- Gründe als sachliche Gründe gelten lasse. Das ethische Moment, welches die Leute an den Boden fesselt, soll nicht unterschätzt werden. Der Umstand, daß viele wohlhabende Elemente nach Palästina gehen oder gehen würden, wenn keine äußerlichen Gründe dagegen sprächen, ist gleichfalls in Betracht zu ziehen. Aber die anderen Gründe! Ist es vom Standpunkte dieser Versammlung, welche ja nicht in einem galizischen Neste stattfindet, und von der Sekte der „Chassidim" einberufeu wurden, bereits parteiisch, wenn ich sage: die Scheu, eine fremde Sprache zu erlernen, der Wunsch, beim „Jüdisch-Deutsch" zu bleiben und nicht bloß den jüdischen Glauben, sondern auch die jüdische Nationalität zu bewahren, können uns nicht als sachliche Griinde für Palästina erscheinen?! (Beifall.) Was die Sehnsucht nach Palästina aus Gründen der Religion betrifft, so ist dies ein Moment, welches in die Debatte zu ziehen mir mein Amt als Referent verwehrt. Wie weit Sie dies Moment als sachlichen Grund für Anlegung von Kolonien betrachten wollen, sei Jedem von Ihnen überlassen. Aber die Hinneigung zu orientalischen Sitten, die Abneigung gegen die amerikanische Freiheit, das Bekenntniß, daß den russischen Juden die politischen Zustände der Türkei viel sympathischer seien als die amerika-. nischen?! Nein, m. H., das sind gewiß keine sachlichen Gründe für Palästina; das sind höchstens sachliche Gründe dafür, daß wir uns um so mehr verpflichtet fühlen sollten, selbst wenn diese Sturmunb Drangzeitert lange vorüber sein werden, uns um die russischen Juden auch in Friedenszeiten zu kümmern, damit bei ihnen andere, den unfern verwandte Anschauungen einziehen. (Beifall.) Sonst aber ist aus diesen Punkten nichts zu schließen. Die sachlichen Gründe, um deren willen wir für unser Theil davon abgesehen haben, dem Deutschen Central-Komitee für seine Kolonie Palästina zu empfehlen, waren die folgenden. Erstens der Ferman, welcher den russischen Juden den Eintritt verbietet. Derzeit und so lange, als dies Gesetz besteht, ist ja ohnehin an die Sache absolut nicht zu denken. Welche Zustände derzeit in Palästina herrschen, hierfür erlaube ich mir Ihnen im ausdrücklichen Aufträge der Kommission eine Stelle ans dem letzten Berichte der „Alliance Jsraelite Universelle" vorzulesen: „Die Auswanderung nach Palästina hatte in der letzten Zeit große Ausdehnung angenommen; aber auf Einspruch der Muselmänner und Christen untersagte die ottomanische Regierung die Ausschiffung der russischen Israeliten an der syrischen Küste. Diese Maßregel hat selbstredend die Auswanderungsbewegung nach Palästina gehemmt, ohne ihr jedoch ganz Einhalt zu thun. Die armen russischen Israeliten, gezwungen, ihr Land zu verlassen, wollten nicht glauben, daß Palästina ihnen verschlossen sei, und zogen dennoch hin. Die Meisten konnten gar nicht ans Land und mußten nach den größten Entbehrungen die Rückkehr nach der Heimath erbitten. Die Lage der Auswanderer, welche vorher gekommen waren, ist die denkbar traurigste. In einem Briefe vom 25. August aus Jaffa an das Central-Komitee der Pariser Allianz heißt es: „Es wäre unmöglich. Ihnen das Elend dieser Auswanderer zu beschreiben. Nachdem sie trotz aller Warnungen in dieses Land gezogen, haben sie zuvörderst ihre geringen Mittel verzehrt und sich dann an die israelitischen Wohlthätigkeits-Anstalten gewendet. Arbeit konnten sie nicht finden, das Land bietet den Leuten keine Existenzmittel, und so muß teil sie darum bitten, daß man sie nach der Heimath zurückschicke, was wir denn auch gethan haben. Wie viel Geld wurde da vergeudet! Unfern armen russischen Glaubensgenossen muß um jeden Preis klargemacht werden, daß das Schicksal, welches sie in Palästina erwartet, schlimmer ist als ihre Lage in Rußland." So S. 100 des Berichts von 1891. Ein Brief der Pariser Allianz vom 5. d. Mts. an unseren geschäftsführenden Ausschuß gerichtet, giebt Auskunft über das jammervolle Schicksal von 2000 Seelen. Die Leute wurden zum größten Theile repatriirt. Es wird nun häufig gesagt, die türkische Regierung habe den Ferman auf die und die Einflüsse hin erlassen; wenn die Juden mit dem nöthigen Bakschisch nach Konstantinopel kämen, würde man die Aufhebung des Fermans erwirken. M. H., da ist wohl die Frage am Platze: „ Darf ein Land, in welchem man durch den Bakschisch Fermane erläßt und aufhebt, zum Arbeitsgebiet unserer Kolonisation gemacht werden, welche eüt neues menschenwürdiges Loos für die Heinrathlosen anstrebt?!" Und sollte rnir Jemand, unerschüttert durch dies ethische Bedenken, diese Frage mit Ja beantworten, so läßt ihn doch vielleicht das folgende praktische Bedenken nicht gleich kalt. Wie aus verläßlicher Quelle verlautet, ist der Ferman durch die Einflüsse christlicher Priester erwirkt worden. Nehmen Sie nun an, einige Freunde des Palästinaprojekts brächten eine größere Summe zusammen, damit der Ferman aufgehoben werde — würden sie es erreichen?! Es giebt eine einzige Kaste, welche der Türke thatsächlich furchtet und deren Wünschen er sich nicht entgegenzusetzen wagt, das sind gerade die christlicheil Priester. Angenommen also, einige Juden kämen zu solchem Zwecke nach Konstantinopel, so ist nur ein Resultat gewiß: Der Bakschisch wird angenommen werden! Das wird aber auch der einzige sichere Erfolg sein, der Ferman wird schwerlich aufgehoben werden. Das zweite Motiv, welches uns für unsere Kolonien von Palästina absehen läßt, besteht darin, daß der Grund und Boden in Palästina sehr theuer ist. ... - Was das Ostjordanland anlangt, so ist nach Informationen, welche wir von sehr tüchtigen und kenntnißreichen Herren erhalten, die Beduinengefahr eine sehr große. Endlich glaube ich, daß sich durch das Hinströmen der Juden nach Palästina ihre Lage dort nicht so günstig gestalten würde, wie die Freunde des Projekts glauben. Ich will mich damit begnügen und nicht etwa die Frage aufwerfen: angenommen, es gelänge, daß die Juden in Palästina, oder auch nur rings um das Heilige Land, welches ja nicht blos für unsere Glaubensgenossen ein solches ist, dominiren, wäre dies nicht für die anderen Juden eine sehr bedenkliche Sache!? Ja noch mehr, ist nicht schon der Versuch, die Angelegenheit unter dem Gesichtspunkt jüdischnationaler Aspirationen zu erledigen, recht gefährlich?! Und wäre etwa der Standtpunkt: „Wir fühlen uns nur dem Glauben, nicht der Nationalität nach als Juden; wir opfern unser Geld, unsere Kraft zur Rettung unglücklicher Glaubensbrnder, aber zur Befestigung der jüdischen National- Jdee wollen wir nichts beitragen!" — wäre, sage ich, dies nicht auch ein berechtigter Standpunkt?! Aber all dessen bedarf es ja hier nicht, uw es als Gebot der Nothwendigkeit erscheinen zu lassen, daß wir für die von uns zu begründende Kolonie von Palästina absehen! Die meisten der oben angegebenen Gründe sprechen auch gegen Syrien. Wenn Sie unsererleitenden Gesichtspunkte gedenken, welche ich Ihnen im ersten Theil meines Berichtes mitgetheilt, werden Sie begreifen, daß wir auch dies Land nicht zu unserem Arbeitsgebiet erwählen konnten. Was Anatolien betrifft, so wurde dies Projekt infolge des Entgegenkommens einer dortigen Eisenbahn-Gesellschaft eine Weile bei uns erwogen. Wir konnten uns nicht dazu entschließen. Die politische Zukunft Anatoliens ist unsicher, der Rechtszustand der Gegenwart traurig. Die Tscherkessen sind in einigen Landstrichen thatsächlich mächtiger als der Pascha, und der Tribut, den sie fordern, noch größer. Die Geschichte einer Schwaben-Kolonie in der Gegend von Brussa ist ein warnendes Exempel. Obwohl diese Leute ebenso tüchtige als fleißige Landwirthe waren, obwohl sie türkische Unterthanen wurden, gingen sie an der Paschawirthschaft kläglich zu Grunde. „Vielleicht gerade deshalb, weil sie türkische Unterthanen wurden," schreibt uns einer jener Herren, an die wir uns um Informationen wandten, ebenso bitter als wahr. Als deutsche Reichsbnrger hätten sie geschützt werden können. Und die russischen Juden müßten ja türkische Unterthanen werden! Das Anatolische Projekt war für uns bereits begraben, als der Ferman erschien. Ganz besonders energisch wurde in letzter Zeit in einigen Zeitungen, sowie in direkten Zuschriften an unsere Komitees von einem auf Cypern lebenden deutschen Schriftsteller auf diese Insel hingewiesen. Eine größere Kolonisation könnte dort freilich nicht stattfinden, da die Insel im Ganzen einen Flächenraum von 175 Ouadratmeilen hat, aber sie steht derzeit unter englischer Schutzhoheit, was für die Sache spricht. Auch ein äußerer Umstand ließ uns das Projekt näher ins Auge fassen. Es trat zur selben Zeit an uns heran, als die entsetzlichen Nachrichten aus Palästina zu uns gelangten. In Jaffa und Jerusalem die furchtbarste Noth, Hunderte und aber Hunderte auf den Dampfern ander Küste, ohne landen zu können — vielleicht, sagten wir uns, gelingt es, ihnen im nahen Cypern eine Heimstätte zu schaffen. Aber davon konnte, wenn

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