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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-20 · Heft 47 (20.11.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 47 (20.11.1891)
Date
1891-11-20
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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Berlin, 14. November, ^it eitler gestern abgehaltenen Volksversammlung, in welcher Hofprediger a. D. Stöcker in seiner Weise den jüngsten Finanzkrach behandelte, ergriff auch seit! früherer Parteigenosse Prof. Ad. Wagner das Wort, um folgende bemerkenswerthe Aeußeruttgen zu rhun, welche wir dem Bericht der Kreuzpeilung entnehmen: „Woher komme die ungeheure Summe von Börsenkapitalien? Doch nur ans dem Volk? Spielt Niemand von Ihnen in der Lotterie? Ich fürchte 'Alle! Ich bedaure sehr, das; der preußische Staat die Lotterie begünstigt, die Staatslotterie sogar vermehrt hat. Ich bedauere die vielen genehmigten Gelegen heitslotterien. Das Börsenspiel aber ist nicht schlechter, eher etwas besser als das Lotteriespiel: denn es erfordert doch etwas Nachdenkeu, etwas Berechnung: das Lotteriespiel gar nicht. Und auch bei diesem kommen doch die (Gewinne von denen, die ihr Geld verloren haben. B!an spielt nur deshalb in der Lotterie, mn reich zu werden. Was das Börsenspiel betrisst, so sind nicht nur die Termingeschäfte, sondern auch die gewöhnlichen Spekulationen verwerflich. Ich bin fest überzeugt, das; and) hier Biele sind, die mühelos reich werden wollen, indem sie ihr Geld beim Bankier für fiel) arbeiten lassen. Also nicht die Juden allein, sondern das ganze Publikum ist schuld. Tie Effektenbörse ist etwas Rothwendiges zur 'Aufnahme der Staatsanleihe!: und zur 'Anlage der Ersparnisse der Burger: aber das Börsenspiel brauchen wir nicht und das Publikum sollte sich davor hüten. ÄAau sollte nicht den Reichthum an sich, sondern den anständigen moralischen Erwerb desselben achten. Man sollte alle Unehrlichen, auch wenn sie reich sind, gesellschaftlich vervehmen. Darin haben wir es verfehlt. Wie kommt es, das; die Lotterieloose so starken Absatz habend Wenn die Inden die Verführer sind, so laßt euch doch nicht immer verführen! Sucht doch die Wurzel des Uebels in euch selbst! Man soll nicht gewinnen wollen, wo man nicht verlieren will. Ich schließe mit dem alten Bibelworte: „Derjenige hebe den ersten Stein, der sieh frei von Sünden weiß!" >Beifall.) Diese von gewiß unverdächtiger Seite konunendeu Worte sollten sich die frömmelnden Gesinnungsgenossen der Herren Maas; und Thiel zu Herzen nehmen. * Berlin, lu. November. Zun: Besten der Israelitischen Volksküche findet am Sonnabend den 21. 'November, Abends hi/2 Uhr in den Bäumen der Philharmonie, Bernburgerstraße, ein großes Wohlthütigkeits- Fest statt.Herr Hermann Abraham, der verdienstvolle Veranstalter des Unternehmens, hat es verstanden, bedeutende künstlerische Kräfte für die Mitwirkung zu gewinnen, so daß den Theilnehmern ein genußreicher Albend in Aussicht steht. Die Eröffnung der Volksküche selbst wird bestinunt am LU. November, Vormittags 11 Uhr erfolgen. Darmstadt, l.4. November. In der Mittwochssihung der evang e l i s eh e n L a u d cs s v node gab der Spnodale Oberpfarrer Dieffenbach- Schlitz seinem Bedauern darüber Ausdruck, das; durch einen Erlaß des großherzogl. Oberkonsistoriums, welches den Geistlichen die Betheiligung an der antisemitischen Agitation untersagt, die evangelischen Geistlichen Hessens allgemein als antisemitisch hingestellt worden seien, weil einige Geistliche alt der Bewegung Dheil genonunen. Der Präsident des großherzoglichen Oberkonsistoriums, Wirklicher Geheime-Rath Dr. Goldmann, bezeichnete es als eine Pflicht der obere;: Kirchenbehörde, einen solchen Erlas; hcrauszugeben, nachden: ein Geistlicher in einer Pfarrerversammlung offen erklärt habe: „Wir 'Alle sind Antisemiten", wobei er den Prälaten Tr. Habicht als „Ober-Antisemiten" bezeichnete. Hiermit war dieser Zwischenfall erledigt. Erwähnt sei nur, daß das großh. Hess. Oberkonsistorium seit längerer Zeit wegen seiner Haltung gegenüber den 'Antisemiten in den Organen der Letzteren ans das Heftigste angegriffen rvnrde, insbesondere richteten sich diese Angriffe gegen Herrn Geh. Rath Dr. Goldmann und auch gegen Herrn Prälat Dr. Habicht, weil dieser in einer Sitzung der Ersten Kammer die wüste 'Agitation der Antisemiten verurtheilt hatte. * Darmftadt, 4. November. An: 27. September d. I. waren die an: 7. Juni erwählten Delegirten der israelitischen Gemeinde- Vorstände der Provinz Starkenburg hier versannnelt, um eine an die großh. Staaksregierung zu richtende Eingabe betreffs Aenderung der israelitischen Gemcindeverfassung und Einsetzung eines oberen Organes der israelitischen Kultus-Gen:einde zu berathen. Die wichtigste Aufgabe dieser Institution sollte darnach zunächst die gründliche Reform des Religions-Unterrichtes der Landgemeinden sein, ein Ziel, das nur erreicht werden kann, nun::: die Gemeinden solidarisch für einander eintreten. lieber die solchen Inhaltes vorbereitete Vorstellung wurde allseitiges Einverständnis; erzielt. Eine durch oben erwähnte Versammlung ernannte > Deputation überreichte dieser Tage das Schriftstück den: Herrn Staats- Minister. JV Aus Gießen. Den Lesern d. Bl. dürste aus vorigen: Jahrgang noch erinnerlich sein, daß ich in einer ImmediatVorstellung an Se. Majestät den Kaiser Allerhvchstdenselben unterthänigst gebeten habe, befehler: zu wollen, das; die Beeidigung der Rekruten hier nicht mehr, wie der zeitige Oberst angeordnet hatte, in verschiedener Weise (Katholiken und Protestanten in ihren Kirchen, die Israeliten im Haseruenhof), sondern wie vordem immer von allen Konfessionen zusammen unter freiem Hinnnel geschehen solle; und daß daraufhin auf Allerhöchsten Befehl der Kriegsminister mir erwiederte, es liege in der von: Negiments- Kommandenr angeordneten Eidesweise kein Verstoß gegen die bestehenden Bestinunungen vor, daher keine Veranlassung genommen werden könne, eine "Abänderung des bei den: genannten Regimente beobachteten Verfahrens anzuordnen. Es gereicht mir nun zu großer Freude und hoher Befriedigung, mittheilen zu können, daß gestern die Beeidigung der Rekruten hier wieder in früherer Weise, nach Belehrung durch die resp. Geistlichen, von Allen gemeinsam unter freiem Hinnnel stattgefnnden hat. Gießen, den 12. November 1891. Rabbiner D. Lev:. (D Nnter-Deußstetteu, 1. November. "Am Samstag den 24. Oktober feierte die hiesige kleine israel. Gemeindedas 50jährige Jubiläum ihres Wohlthätigkeits-Bereius. Ein Festgottesdienst, bestehend in Gesang, Gebet und Festrede, wurde in der schön dekorirten Synagoge abgehalten. 'Abends, als Vorabend des Freudenfestes, war in: Walter'sehen Saale, welcher voll besetzt war, musikalische Unterhaltung in Abwechslung von Toasten, Reden und Tanzbelustignng. Die christl. Mitbürger beider Konfessionen nahmen lebhaften Antheit. Tie Herren Lehrer, Schultheiß, selbst der kath. Pfarrer und Biear beehrten uns. Herr Ober-Amtmann Kilbel und Andere gratulirten schriftlich. Gmmendingeu (Baden), den :-)(). Oktober. Angesichts der Bestrebungen, das Gift des Antisemitismus auch im Badischen Lande zu verbreiten, ist es erfreulich :u:d wahrhaft wvhlthuend, in den: hier erscheinenden „Hochberger Boten" einen Artikel zu find:::, der das Treiben dieser Patrioten klar charakterisirt und scharf verurtheilt. Die Israeliten hiesiger Stadt, sowie des Badischen Oberlandes, wo der „Hochberger Bote" sehr verbreitet und gern gelesen wird, wisse;: Herrn A. T ö lt er, dem Redakteur des genannten Blattes, Dank für seine Beurtheilnr:g der Iudenfrage, mn so mehr, als diese Benrtheilung von einem Manne herrührt, der seit vielen Jahren einer der eifrigsten Führer der hiesigen nativnalliberalen Partei ist. * Bielefeld, 9. November. Der Vorstand des hiesigen Antisemitenvereins hat durch die Post in verschlossenen Briefumschlägen an sein antisemitisches Gefolge ein gedrucktes Flugblatt versendet, dessen erster Theil, wie folgt, tautet: Bielefeld, den 7. November 1891. „Motto: „Den Kaiser ehrt, den Inden wehrt." Heil! Am 9. November 'Abends 8 Uhr wird der Häuptling der Iudenschntztruppe, Herr Licentiat Gräbner ans Berlin, im Saale der „Eintracht" einen Bortrag gegen den Antisemitismus halten. Wir bitten Sie hierdurch freundlichst, nlöglichst schon um 7 Uhr anwesend zu sein und in den vorderen Sitzbänken oder den Ecken Platz zu nehmen. Bei unpassenden Stellen des Redners, welche unser Gefühl oder unsere Ueberzeugung verletzen, ist es wünschenswerth, den Widerspruch auch äußerlich durch „Pfui" oder „Ohornfe" zu dokumentiren. Anderseits aber liegt es in unserem Interesse, daß die Versammlung nicht aufgelöst wird; dem: verschiedene Herren werden auftreten und den Ausführungen des Redners antworte::. Wir dürfen hoffen, daß trotz der voraussichtlichen Majorität der Freunde des Iudenthunls unsere gute Sache doch auch dort manchen neuen Anhänger finde!: wird." — Eines näheren Kommentars bedarf diese Aufforderung znn: „Widerspruch mit Pfui und Oho" nicht. Hannover, 9. November. Das seit einigen Neonaten wieder vakante Amt eines Oberkantors unsrer Gemeinde wird in ganz nächster Zeit wieder besetzt sein, da Herr Oberkantor Li er: har dt aus Basel mit seinen: an: letzter: Sonnabend gehaltenen Probevortrage einen so durchschlagenden Erfolg erzielte, daß der Vorstand und die Repräsentanten von einem Ausschreiben der Stelle absahen und die Wahl sofort vollzogen. Der Ruf, der den: Gewühlten vorangeht, läßt uns hoffen, daß unsre Gemeinde jetzt einen in musikalischer, wie religiöser Beziehung würdigen Nachfolger des noch unvergessenen sel. Oberkantor Berggrün gefunden hat.

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