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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-20 · Heft 47 (20.11.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 47 (20.11.1891)
Date
1891-11-20
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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WWWW WWMWWWWMWWWM 55. Jahrgang. Ar. 47. fff tT ff ^D^ff GerUn, 20. November 1891 Weitage zur „Attgemeinen Zeitung öes IuöenLHurus". Korrespondenzen und Nachrichten. Dentschlaud. Berlin, 15. November. In der heutigen öffentlichen Sitzung der Repräsentenversammlung erfolgte nach einigen geschäftlichen Mittheilungeu des stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Geh. Kommerzienraths Lieberrnann, die Einführung des H e rrn Rud ol f M off e, der an Stelle des ausgeschiedenen Herrn M. S. Jakob in die Reprüsentantenversammlung eingetreten ist. In die durch deu Rücktritt des Herrn M. S. Jakob erledigte Stelle eines Vorstandsmitgliedes der alten Synagoge wurde Herr G. Löwenberg gewählt. Der Vorsitzende machte hierauf eingehende Miltheilungen über eine letztwillige Zuwendung des am 11. Juni hier verstorbenen Buchhalters Eduard Tausk. Nach Abzug der Beerdigungskosten und einiger privaten Zuwendungen beträgt das der Gemeinde zufallende Legat 57,500 Mark, von denen nach den letztwilligen Bestimmungen des Erblassers 5000 Mark zu einem Fonds verwandt werden sollen, aus dem alljährlich an Bedürftige Miethsunterstützungen zu gewähren sind. — Mit Rücksicht auf die Abwesenheit des Referenten Herrn Justizrath Mako wer wurde die Berathung des dritten Gegenstandes der Tagesordnung, die Vorlage betreffend die Beziehung der Gemeindeverwaltung zur Le h ran st alt für die Wissenschaft des Judenthums, bis zur nächsten Sitzung vertagt. Ohne Debatte bewilligte die Versammlung eine Subvention von 2000 Mark an die K om Mission fü r d ie G esch ich t e der Juden in Deutschland für das laufende Jahr. Aus einem Bericht des Herrn Professor Dr. Breßlau in Straßburg über den Fortgang dieser Arbeiten der Kommission brachte der Vorsitzende gur Kenntniß der Versammlung, daß das letzte Heft der Regesten noch in diesem Jahre beendigt sein wird, während der zweite Band der Quellen bereits fertig gedruckt ist. — In geheimer Sitzung wurde sodann berathen über die Kreirung einer 7. Kassenbotenstellung, über THeuerungszulagen an einige Gemeiudebeamte und eine Vorlage betreffend die vom Centralkomitee für die russischen Juden veranstaltete am 20.—21. vorigen Monats hier abgehaltene Delegirten-Versanrmlung. * Berlin, 18. November. Inder gestrigen Sitzung des deutschen Reichstags brachte der Abgeordnete Liebermann v. Sonnenberg bei Gelegenheit einer Petition um Revision des Wuchergesetzes die Judenfrage abermals aufs Tapet und bot hierdurch dem Abgeordneten Rick er t Gelegenheit zu einer trefflichen Erwiederung. Im Einzelnen heben wir aus den Reden Folgendes hervor: Abg. Liebermann v. Sonnenberg: Bei der letzten Besprechung des Gegenstandes hat Abg. Rickert mir vorgeworfen, daß ich eine große Klasse geachteter Mitbürger an den Pranger gestellt habe. Daß die jüdischen Wucherer geachtete Mitbürger sind, das kann ich nicht hingehen lassen. Herr Rickert meint, die Juden hätten sich trotz der jahrhundertelangen Bedrückungen und Ausräubungen moralisch rein erhalten. Ja, so rein, wie die Herren Hirschfeld, Wolff, Friedländer und Sommerfeld (Heiterkeit; Rufe links: Maaß!) Das höchste Moralgesetz der Juden ist heute der Talmud: er steht ihnen höher als das Gesetz des Moses. (Präsident v. Levetzow ersucht den Redner, sich an die Petition zu halten.) Wir gehen von der Voraussetzung aus, daß die jüdische Moral auf ihren Inhalt hin untersucht werden muß. — Abg. Rickert: Es ist unwahr, daß der Talmud das Gesetzbuch der Juden ist. Es ist unwahr, daß der Wucher von der jüdischen Moral erlaubt wird. Der Wucher gilt genau so als moralisch verwerflich, wie nach dem christlichen Sittengesetz. Als Offenbarung des Judenthums gilt alleiu das alte Testament. Der Vorredner hat die drei Fälle Hirschfeld, Wolffund Sommerfeld erwähnt. Ich halte diese Methode der Diskussion für unerhört'; es ist verwerflich, aus solchen einzelnen Fällen allgemeine Klagen zu erheben. Mit Recht sagte die „Kreuzzeitung", als hohe Adlige in sehr unangenehme Sittlichkeitsprözesse verwickelt waren, man würde wohl nicht die Stirn haben, aus der: vereinzelten Fällen etwas gegen die hohe Aristokratie in Preußen herzuleiten. Ich habe hier eine ganze Mappe voll Konkursen, Unterschlagungen und Bankerotten, an denen Christen zum Theil aus hohen Familien, fronnne Leute, betheiligt sind. Ich lehne, es aber ab, aus solchen einzelnen Fällen irgendwie Kapital zu schlagen- Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus", dem anzugehören ich mir zur Ehre anrechne — ich bedaure, daß die hohe Aristokratie bei uns sich nicht so wie in Oesterreich diesem löblichen Thun anschließt — geht gegen den Wucher vor. Unsere jüdischen Mitbürger sind jeder Zeit bereit dazu- Auch in Baden hat sich jetzt ein Verein gegen beit Wucher gebildet, dem 20 pCt. Juden -angehören. Seit Gründung des Vereins hat sich der Wucher in Baden erheblich gemindert. Die beiden einzigen Wucherfälle in Karlsruhe wurden von Christen verübt. Man hat 80 Falle der Güterschlächterei in der Mark Nachweisen wollen. Aus denr Kreisblatt kann man aber gar nicht erkennen, ob das Güterschlächterei ist. In 32 Fällen haben wir ermittelt, daß der Verkauf gar nicht zu Stande gekommen ist. Ich weiß also nicht, welche 80 Fülle der Herr Liebermann meint. Wer sich mit solchen Mitteln begnügt, um Anklagen gegen die jüdischen Mitbürger vorzubringen, der kann Alles beweisen. Die Güterzertrümmerung an sich ist doch nichts Verwerfliches. Die preußische Regierung hat uns das Rentengütergesetz einzig zu diesem Zweck vorgelegt. Die Behauptungen in dem Flugblatt über die sogenannte hessische Güterschlächterei haben sich als vollständig haltlos und unbegründet erwiesen. Ich verabscheue diese Methode, in dieser leichtfertigen Weise Namen und Männer öffentlich zu brandmarken, und daß man sich nicht damit begnügt, diese einzelnen Personen ungerechtfertigt anzuklagen, sondern daraus einen Strick dreht, um eine ganze Religionsgenossenschaft, mit der wir auf dem Boden der Verfassung in Ruh und Frieden zu leben die Pflicht haben, in empörender Weise anzugreifen. Ich hoffe, daß der bessere Theil unseres Volkes sich mit uns darin verbinden wird, diesem Treiben entgegenzuwirken. Wir sind Alle Sünder, Christen und Juden, und haben die Verpflichtung, die Fehler des öffentlichen Lebens zu bekämpfen. Aber diese gehässige Art und Weise gereicht wahrhaftig nicht zur Ehre. Ich fordere alle Personen auf, sich die Hand zu reichen und diesem verwerflichen Treiben ein Ende zu machen. (Beifall links, Zischen rechts.) + Berlin, 16. November. Herr D. Singer, Herausgeber der Allgemeinen Encyklopädie für die Geschichte und Wissenschaft des Judenthums, setzt mit bewunderungswürdiger Energie seine Propaganda für das von ihm unternommene Werk fort. Neben den in der vorletzten Nr. genannten Herren traten ihm noch folgende Persönlichkeiten zur Seite: Dr. Kopfstein (Beuthen), Dr. Vogelstein (Stettin), Dr. Perles (Leipzig), Prf. Vambery (Budapest), Geh. Medizinalrath Dr. Cohn (Berlin), Oberrabbiner L. Wogue (Paris), Dr. Werner (Danzig), Dr. Silberstein (Wiesbaden), Dr. Dessauer (Meiningen). Das Mitglied des Direktionskomitee Dr. Frank-Köln, hat das Amt des Tresorier übernommen. Es wäre zu wünschen, daß zunächst die Gemeindevorstände als solche das großangelegte Werk durch Subskriptionen fördern mögen. Da Herr Singer vor keiner Schwierigkeit zurückschreckt, so hat es allen Anschein, daß ihm der große Wurf gelingen werde. Berlin, 15. November. Die „Staatsbürgerzeitung" bringt folgende sensationelle Mittheilung, von der „Niemand was weiß": „Bon sonst gut unterrichteter Seite geht uns nun die Mittheilnng zil, daß von jüdischer Seite gegen den Fürsten Bismarck Manifestationen geplant seien, und zwar sollen dieselben bereits morgen, Sonnabend, in Szene gesetzt werden. Wir nehmen von dieser Mittheilung lediglich zu denr Zwecke Notiz, damit unsere Leser für den Fall, daß dergleichen eintreten sollte, wissen, von welcher Seite dies herrührt." Das klingt aber höchst verdächtig. Wenn solche „Manifestationen" wirklich stattgefunden hätten. Und die „Staatsbürgerzeitung" behauptete nachher, sie seien von jüdischer Seite in Szene gesetzt, so wiirde ihr das schon kein Mensch glauben. Wenn sie nun gar schon vorher mit Fingern auf die Inden als Urheber solcher „Manifestationen" hinweist, so erregt das natürlich höchstens den Verdacht, als ob man selbst Lärmszenen erregen will, um nachher ans die Juden schimpfen zn können.

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