Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1891)
- Date
- 1891-11-20
- Page
- Seite 564 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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.1 "I;... 564 „gekommen ist seine Tochter, die da heißet Emuna, ihre Mutter ist eine Kaiserin, ihr Vater aber ist der Malta Kadischa, der heilige König!'' Und die beiden Alten rutschten wieder auf den Knieen zu Evv »nd küßten ihr den Saum des Gewandes. Eva stand wie betäubt. Sie glaubte, durch ihre energische, an den Baron gerichtete Frage das Räthsel ihrer Herkunft ein für alte Mal lösen zu muffen, tmb statt dessen waren neue Räthsel vorhanden, welche sich vor ihr schürzten. Es war ihr mit einem Male noch schlimmer 511 Muthe als vorher. Hätte man ihr eine natürliche Erüuterung gegeben, so würde sie davon befriedigt worden sein, aber die hier von zwei ehrwürdigen Greisen als Zeugen beglaubigte übernatürliche Herkunft versetzte sie in eine furchtbare Verwirrung. Dem Baron entging der tiefe Eindruck nicht, den das Zeugnis; der beiden Alten auf Eva hcrvorbrachte. Er glaubte aber, die Szene beendigen zn müssen. „Run," sprach er, „da Ihr Zeugniß abgelegt, so geht und betet im Stillen, betet für den Messias und sein Reich auf Erden." Die beiden Greise erhoben sich, verneigten sich gegen den Baron und gegen Eva rmd schickten sich zum Verlassen des Saales an. Der Baron breitete seine Hände aus und sprach: „Der Herr segne Euch und behüte Euch, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Euch und sei Euch gnädig und barmherzig." Die beiden Alten entfernten sich. — Der Baron war mit Eva allein. „Dl, hast nun gehört, was Du wissen darfst," sprach der Baron. „Ich verzeihe Dir, wenn Du Mißtrauen in mich gesetzt hattest. Nachdem Du nunmehr Deinen Ursprung kennst, wirst Du auch Deine erhabene Aufgabe begreifen und Dich im Geiste darauf vorbereiten. Für heute gute Nacht." Der Baron umarmte sie und drückte ihr einen Kuß auf den Mund, dann ging er. Eva sann lange nach und begab sich in ihr Schlafgemach, wo ihre Kammerzofe sic entkleidete. „Bin ich wirklich übernatürllcherHerknnft, Jeodora?" fragte sie diese Sic Alle sagen's," erwiederte die Kammerfrau. „Sie sagen, bei Deiner Geburt sei ein Wunder geschehen. Wir glauben, Du sei'st göttlichen Ursprungs. Warum auch nicht? Bist Du doch an Schönheit so weit über uns und allen andern, daß dieses nur ein Wunder erklären kann." „Sonderbar," sagte sie, „es klingt zwar seltsam, aber da man mir von meiner Geburt sonst nichts sagt, so möcht' ich's fast glauben." Eva begab sich zur Ruhe. Ihre Gedailken beschäftigten sich in der That mehr mit den wunderbaren Enthüllungen als mit Stanislaus. Niemand wird dieses widernatürlich finden. Das Räthsel ihrer Herkunft beschäftigte Eva, schon seitdem sie zu denken begann. In den letzten Jahren sann sie täglich darüber nach, ohne daß sie das Geringste festzustellen vermochte. Sie lebte aber in außergewöhnlichem Glanz und Reichthum, um welchen sie manche Dame der hohen Gesellschaft beneiden konnte. Man begegnete ihr im Hause des Barons allerwärts mit wahrhaft abgöttischer Verehrung, und ihr ganzes Leben war so seltsam, daß nur ein wunderbares Geheimniß ihrem Schicksal zu Grunde liegen konnte. Sie fing an, sich mit dem Gedanken an ihre göttliche Herkunft schon etwas vertraut 31t machen. Sie glaubte ja aufrichtig und ehrlich an Wunder, warum sollte sie nicht schließlich auch an das Wihunder rer eigenen göttlichen Geburt glauben? Der Baron sagte es ihr, zwei Männer bezeugten die Wahrheit seiner Aussage durch einen feierlichen Eid, und alle die Anderen ihrer Schicksalsgenossen sagten es ihr auch. > Der Mensch glaubt immer das, was ihm täglich von Jugend auf gesagt wird. Warum sollte schließlich ein einfaches, zur : Schwäriuerei neigendes Mädchen nicht an ihre vorgebliche göttliche Geburt glauben, wenn man es ihr vorsagte. Zudem lag der Wunderglaube in der Zeit, und in den höchsten Ständen tauchten eine Menge von Persönlichkeiten äuf, die Vorgaben, mit übernatürlichen Eigenschaften begnadet zu sein. Jemehr sich Eva mit dem Gepanken an ihren göttlichen Ursprung vertraut machte, um so mehr änderte sich auch ihre Anschauungsweise über den Baron. Auch er war ja göttlichen Ursprungs. Die Lehre von der messianischen Seelenwanderung wollte ihr zwar noch nicht recht begreiflich erscheinen, aber schließlich war sie doch nicht unbegreiflicher wie ntanche andere religiöse Lehre auch. Allein, das war das weniger Wesentliche bei der Sache. Sie hatte dem Baron, der doch, wie sie nicht anders wußte, ein rechtschaffener Mann war, der vor Allem auf sie ein wahres Füllhorn voll Wohltyaten gehäuft hatte, bitter Unrecht gethan. Sie hatte ihn sogar im Beisein ihres Geliebten kompromittirt; sie hatte sich eines schweren Vergehens gegen ihren Pflegevater schuldig gemacht und mußte befürchten, daß diesem dadurch Nachtheile erwachsen müßten. Sie beschloß daher, iir Zukunft ihr Betragen gegen den Baron zu andern und demfdlben drirch vermehrte Beweise von Zuneigung ihr heutiges Benehnien vergessen zu lassen. (Fortsetzung folgt.) Fitterarische Mittheilungen. * Wie auch für einer:, der, irr: Leber: mit arrderer: Dingen beschäftigt, wenig Zeit für Theologisches findet, die Lektüre von Predigte:: erbaulich und anregend sein kar:n, davor: hat mich r:euerdir:gs wieder ein gut ausgestattetes, geistvoll geschrieberres Werkcher: überzeugt, das jüngst bei Kauffmann irr Frankfurt a. M. erschienen ist rmter dem Titel: „23 Festpredigten und synagonale Vorträge für alle hoher: Feiertage, und Volksfeste" von Bez. Rabbiner L. Schlesinger in Bretter:. Die Predigten, welche in einer gewählten und bilderreichen Sprache abgefaßt sind und von der warmen Begeisterrmg des Verfassers für seinen Gegenstand zeugen, haben der: Vorzug, rächt zu ermüden, indem sie sich einer gedrängten Kürze befleißige::. Nichtsdestoweniger sind sie sehr reichhaltig, legen die Bedeutung der Feste, die Gelegerrheiten und Volksfeste, die den Stoff im Einzelnen liefern, in äußerst gefühlvoller und geistanregender Weise dem Leser ans Herz. Der Verfasser hat es verstanderr, in kleinem Rahmen viel Sinniges und Lehrreiches zusammenzufassen, so daß man es nur bedarrern karu:, daß die Gedanken und wohldurchdachten Anregungen oft nur zu kurz hiugeworfen und nicht weiter ausgeführt sind. Ohne auf einzelnes näher einzugehen, will ich nur kurz Hinweisen auf die mehr philosophisch gehaltenen Predigten, welche die hohe und edle Auffassung des Verfassers über bas Leben und dessen Grundlagen wiedergeben in Anknüpfung an rabbiuische Aussprüche und Steller: aus der Thora. Die mächtige Phantasie des Verfassers zeigt sich an der: zahlreicher: Bildern und Vergleichen, die überall wiederkehrer:; n:ar: vergleiche nur die Gegenüberstellung von Vezalel und Kaiser Wilhelm in der 11. Predigt „Die Stifts- Hütte und das Deutsche Reich" (Seite 25). So seien denn diese Predigten vor: eurem Laier: dem Laier: empfohlen, damit er sie lese als Erbauungsmittel einerseits, als Quelle schöner und edler Gedanken, sowie als geistige Anregung andererseits. Druck und Verlag von Rudolf Bi off e in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.