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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-20 · Heft 47 (20.11.1891) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 47 (20.11.1891)
Date
1891-11-20
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
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562 Alter hat fultiüircu können. Ein Manuskript beginnt eine Vcrthcidigung der Philologie gegen die wider sic und die Philologen gerichteten Angriffe, in wahrhaft' vortrefflicher Form und einer Schönheit und Eleganz der Sprache, wie Philippson sie später niemals übertroffen hat. Noch wichtiger ist ein anderes Manuskript, eine Encyklopädie der Philologie enthaltend, aber leider nur in ihrer ersten Abtheilnng: Vom Objekte der Philologie. Der junge Antor greift seine Aufgabe nicht rein empirisch an, sondern von einem höhere», geschichts-philosophischcn Standpunkte. Er geht aus von dem steten Fortschritt des Menschengeschlechtes, den er nachzuwejsen sucht, und findet den Gegenstand der geschichtlichen Disziplinen in der Schilderung der Entwickelung der Menschheit, ganz wie es jetzt, niehr als ein halbes Jahrhundert später, die bedeutendsten Historiker thun. Die Tiefe der Anschauung und die Originalität und Folgerichtigkeit des Denkens, die sich in diesem umfangreichen Fragmente aussprechen, lassen es lebhaft bedauern, daß dasselbe keine Fortsetzung erfahren hat. Bon der früher so eifrig gepflegten Belletristik sah Philippson zunächst ganz ab, tun mir seiner intensiven wissenschaftlichen Beschäftigung zu leben. Wie er bereits die Philologie mit den jüdischen Studien verschmolzen hatte, so bald auch mit seinen naturwissenschaftlichen und speziell medizinischen Arbeiten. Hieraus erfloß im Jahre l*i, (Berlin, List) das Werkchen, das er „Ile antropiue', („Die menschliche Materie") betitelte und das, in zwei Abtheilungen, erstens eine Vergleichung' zwischen den Ansichten des Plato und des Arijtvteles über die inneren Organe des nienschlichen Körpers durchführte und zweitens die Fragmente des Theophrast „Hebet den Sinn und die sinnlichen Gegenstände" zusanuuenstellte, in das Lateinische übertrug und erörterte. Diese Arbeit kann als die wissenschaftlich bedeutendste seiner Jugcndjahre bezeichnet werden und wird noch jetzt, nach sechzig Jahren, von Philologen und Geschichtsschreibern der Medizin geschützt und häufig benutzt. Sie bedeutete indeß für ihn nur eine Art Vorstudie für ein großes umfassendes philologisch-medizinisches Werk, „Die Diätetik der Alten", dessen Plan tvir unter seinen Manuskripten vorgefunden haben. Die „Diätetik" — was wir heute Hpgiene nennen, — schien dem jungen Autor den ivtchtigsten Theil der antiken Heilkunst anszuinachen, da die Kenntnis; der eigentlichen Arzeneimittel derselben begreiflicherweise noch fast völlig verborgen geblieben war. Diese große Aufgabe, wie diejenige, die Philippson sich in der Encyklopädie der Philologie gestellt, sind in Folge der plötzlich geänderte» Lebensrichtung, von der wir zu berichten haben werden, ungelöst geblieben; indessen ersieht man, tute seine Gedanken und Entwürfe stets aus das Große und Bedeutende gerichtet waren, ohne sich in nebelhafte Unbestimmtheit zu verlieren. So weit auch die Ziele waren, die er seinen Bestrebungen zu stecken pflegte, sie ivaren immer nützlich, der Zeit und den Umständen entsprechend und keineswegs unerreichbar. Inzwischen hatte die Julirevolution mit ihren zahlreichen und aufregenden Nachspielen in Polen, Belgien, Italien, Deutschland selbst im deutschen Bürgerthume gezündet und das hier seit lange schlafende politische Leben zu immer eifrigerer Bethätiguug geweckt. Ein so feuriger und kräftiger Geist, wie der Philippson», konnte sich der altgemeinen Bewegung nicht entziehen, sondern wurde von ihr auf das Stärkste angeregt. Er gab den ihn erfüllenden Gefühlen und Hoffiningen in einem längeren Gedichte Ausdruck, das „der Sturm der Zeit" betitelt war und das Professor Gubitz, der bekannte Meister im Holzschnitt und Herausgeber des „Gesellschafters", in seiner Offizin elegant drucken ließ, um den Erlös dem damals gestifteten „Urankenunterstütznngs-Verein für Stndirendc" zuzuführen. Allein das Gedicht wurde, obwohl es die Censnr, wenn auch mit Mühe passirt hatte, von der Regierung durch das Verbot jeder öffentlichen Anzeige unterdrückt. Die Erregung, welche die politischen Ereignisse auf Philippson hervorbrachten, war überhaupt so stark, daß seine poetische Ader, die lange gestockt hatte, wieder zu pulsiren begann. Er ahmte in trefflichen, kräftigen und wohllautenden Versen den „Napoleon" des Kristian Ostranski nach, ein Gedicht, das dann auch andere deutsche Poeten als „Nächtliche Heerschau" benutzt haben. Wie aber bei Philippson Alles Gegenstand systematischen Nachdenkens wurde, stellte er auch sofort eine ästhetisch-klassifizirenden Betrachtung „Ueber politische Gedichte" an, die im „Freimüthigen" erschien und die wir als noch jetzt lesenswürdig erachten. Man würde indeß sehr irren, wenn man glaubte, der Jüngling sei in der einseitigen Bewunderung des Fremden, des Franzoscn- und Polenthums, befangen gewesen, wie so viele Schriftsteller und Dichter des „Jungen Deutschland" und wie auch unter Anderen seine Stammesgenossen Börne und Heine. Er bethätigte nicht seine Liebe zum Vaterlande, indem er auf dasselbe schalt und das Heil nur von außen erwartete; im Gegentheil von Deutschland selbst, aus der Mitte des deutschen Volkes, in demselben eigenthümlicher Weise sollte diesem die bessere Zukunft erwachsen. In der herrlichen, einer Mittheilungwohl werthen Vision „Die Vergangenheit Germaniens" preist er „den am Himmel leuchtenden hellen Sternenkranz", der an Glanz immer wächst, ivährend die Lüfte leise um den Betrachter rauschen. Das ist Germaniens Kranz der Vergangenheit und das Wehen des edelmüthigen, kräftigen Genius erfüllt melodisch die Klüfte". Auch an der Zukunft darf der Deutsche nicht verzweifeln: „werden die Larven doch weichen und die Geister mit den Edelsteinen an Brust und Stirn" — die Repräsentanten der verschiedenen Zeitalter deutscher Vergangenheit — „werden bleiben und dem Enkel erscheinen, als Helle Sternlichter in dunkler Nacht!" Aus dem Poetischen in die Prosa übertragen, finden diese Gedanken sich in einer anderen Abhandlung aus jener Zeit wieder, in einem Aufsatze, der gerade die gegensätzlichen Beziehungen Deutschlands und Frankreichs erörtert, und das in einer Epoche, wo die Mehrzahl der Liberalen alles Gute von Frankreich und von der Nachahmung französischer Einrichtungen erwartete. „Und so möge," heißt es hier, „wieder ein Lessing erstehen, der den Deutschen zeige, was deutsch sei, nicht etwa um altem Rumpelwerk neuen Firniß zn geben, uni in dem jetzigen Deutschland das alte wieder herzustellen, wie es war zu den Zeiten des guten Kaisers Rudolf, sondern nur um dem deutschen Genius wahrhaftig! schimpfliche Fesseln zu lösen, daß er sich auf seine Weise im Staatenwesen zu zeigen und seine eigenen Erzeugnisse zu gebären vermöge! Mögen glückliche Geister ermuntert werden, noch Heller an's Licht zu stellen, daß es ein deutsches Element gebe, welches, nicht gallisch, besser in, Stande ist deutsche Völker zu beglücken und das eitle Träumen der Deutschen in das französische Wesen hinein so am besten zn zerstreuen." Wir verweilten länger bei dieser Seite von Philippsons geistiger Thütigkeit, um hier zwei wichtige Momente hervor zu heben: ein persönliches und ein allgemeines. Es zeigen sich da in glänzender Weise die Selbständigkeit und Eigenartigkeit in der Denkart Philippsons, sein Bestreben, alles Neuzuschaffende auf geschichtlicher Grundlage zn erbauen, seine Abneigung gegen alles willkürliche Schematisiren und jede aprioristische Thütigkeit im öffentlichen Leben, — Anschauungen, die ihn auch später in seinem Wirken für die Reform im Jndenthume geleitet und seine Stellung so fest umschrieben und bestimmt haben. Es zeigte sich sein aufrichtiger Patriotismus, seine innige und liebevolle Hingebung an deutsches Wesen, die ihn bis zum letzten Athemzuge erfüllten. So weit das Persönliche; das 1 Allgemeine aber, auf das wir aufmerksam machen wollten, ist Folgen-

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