Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1891)
- Date
- 1891-11-20
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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WWW» - 561 - Aberglauben auch im Talmud zu finden. Die Erfahrung von der Macht, die das Auge auf das innere und äußere Wohl des Menschen übt, führte in einem Zeitalter, das den ganzen Luftraum mit Geistern gefüllt sah, leicht zu solcher Anschauung. Hätte das Auge volle Macht, so lautet ein Ausspruch im Talmud, dann könnte kein Wesen vor den bösen Geistern bestehen'). Der böse Blick ist eine Krankheit, die der meisten Menschen Leben vernichtet. 99 Menschen sterben durch den bösen Blick und einer nur endet eines natürlichen Todes'); wenn daher die Schrift verheißet: „Gott wird vor tot jede Krankheit fern halten", so bezieht sich diese Verheißung nach talinndischer Deutung auf deil bösen Blick'), und ebenso wird dem Worte im Priestersegen: „er behüte dich!" die Bedeutung gegeben: Gott behüte dich vor dem bösen Auge')! Der böse Blick trifft in erster Reihe die männlichen Kinder^), daher gilt es als günstiges Vorzeichen, wenn das erste Kind ein Mädchen ist — das Mädchen ist gegen den bösen Blick gefeit6). Um den bösen Blick von seinem hübschen Sohn zn lenken, redet man ihn mit: du häßlicher Mohr!') an. Jeder hüte sich vor dem bösen Blick"). Einen solchen warf Sara auf Jsmael, und der 27jährige Sohn der Hagar verkümmerte so sehr, daß ihn seine Mutter auf die Schulter nehmen mußte'); Darum sprach Jakob zu seinen Söhnen, da er sie nach Aegypten um Getreide zu holen sandte: Kinder,ihr seid stark, ihr seid schön! verberget euch, ziehet nicht allesammt durch ein Thor, stehet nicht alle zusammen auf einem Platze, damit der böse Blick über euch nicht Gewalt bekomme"). Ebenso sprach Josua zuden Kundschaftern, die er nach Jericho sandte: Verberget euch indenWüldern, damit euch der böse Blick nicht treffe"). — Der böse Blick bringt Plage über die Welt"). Er herrschte über Israel, darum gerieth das Volk auf Abwege und beugte sich vor dem goldenen Kalb"); dann brach über es das Unglück herein und es mußte nach Babel in die Gefangenschaft ziehen"). Der böse Blick war es auch, der die Schüler Akibas hinwegraffte.'') — Segen wird mit gefunden bei Dingen, die dem Bereiche des Auges entrückt sind.") Wer Rohr und Krüge vermiethet, der wird keinen Segen sehen — der Umfang der Waare ist zu groß, darum übt der böse Blick schädliche Einwirkung ans den Gewinn.") - Um jeden Verdacht eines bösen Auges von sich zu lenken, stelle man sich nie auf das Feld des Nächsten, wenn es in vollen Garben" steht.) Hingegen hat das böse Auge niemals Macht über Jene, die Josefs Geschlecht entstammen.") — Die Kundschafter, die Josua gesandt?") ebenso R. Jochanam, hielten sich für Josefs Nachkommen, darum fürchteten sie nicht den böse» Blick?') i) Bech. 6 c. -) B. mez. 107li, vgl. Jer. Sabb. 1-1 c, wo derselbe Sah von der Erkältung ausgestellt wird. 3) Lev. r. 16, B. mez. 107 b mit Bezug auf Deutr. 7. 15. 1 Num. r. 12. r>) Jalk. Ruth 800, vgl. B. mez 81b, Raschi das. uut. «) B. Batr. 141a, 9 Tauch. 1V 19. s) B. mez. 118 a. ") Gen. r. 53. Jalk. Ge». 148 Nnm. r. 12, 6, Tauch, z. St. ») Sota. -36b; B. batr. 118a. Jalk. Hiob 908; Jalk. Proph. 572; Levr. 17,3 l3) Nur», r. 12, 4. ") Jalk. Echa 997/' ,r>) Jcb. 62; vgl. Sauh. 93a ">) Tan. 8 b. n) Pcs. 50 b. ") B. mez- 107a. '") 23er- 20a, Sota 96b. “') 23batr. 118 b. -1 * 3 4) 23er. 20 a, B. mez. 84a. Auch über Jene hat er keine Macht, die nicht genießen, was nicht ihr eigen ist.') Als Mittel gegen den dösen Blick wird empfohlen: wer in eine Stadt kommt und den bösen Blick fürchtet, der nehme den Daumen seiner rechten Hand in die linke lind den der linken in seine rechte rind spreche: Ich N., Sohn des N., stamme ab von den Söhnen Josefs!-') Auch das Ausspeien galtals Präservativ gegen den bösen Blick?) und Amulette wurden, um seine Macht zu brechen, getragen?) U Ludwig Philippson. Eine biographische Skizze von Professor Dr. Martin Philippfon. Griechische und jüdische Studien flössen dem Jüngling zusammen zu einer Arbeit, deren Veröffentlichung, schon im Sonimer 1829, ein zufällig gewonnener Freund unternahm, welcher Theilhaber an der List'schen Buchhandlung war. Aus den Schriften der Kirchenvater sammelte Philippson sorgfältig die Fragmente zlveier in der alexandrinischen Epoche von Juden verfaßter Dichtungen, des Ezechiel Trauerspiel „Auszug alis Aegypten" imb Philo des Aeltere» Epos „Jerusalem". Er gab Alles, was von diesen Poesien vorhanden, mit verbessertem Texte, mit metrischer Uebersetzung, Einleitung und Kommentar heraus (Berlin, List, 1830). Die Bedeutung dieser Monographie lag in dem Nachweis, daß die jüdisch griechische Litteratur sich keineswegs auf die Schriften weniger Autoren, wie die Apokryphen, Philo den Jüngeren und Josephus, beschränkte, sondern eine umfaffende und in den mannigfachsten Zweigen blühende gewesen sei. Das Werkchen des Achtzehnjährigen brachte in den Fachkreisen einen so günstigen Eindruck hervor, daß die „Sozietät der Jenaer Litteraturzeitung" ihn sofort zu ihrem ordentlichen Mitgliede ernannte und ihm die Mitarbeiterschaft an ihrer Zeitung antrug, die damals das geachtetste kritische Blatt Deutschlands ausmachte. Merkwürdigerweise sollte der jüdische Student zunächst über die Geschichte und Kunde der Kirchenväter rezensiren! Seit diesem Erfolge war neben den akademischen Vorlesungen und dem eifrigen Studiunr mit dem polnischen Talmudlehrer, Philippsons Thätigkeit ununterbrochen auf litterarische Arbeiten gerichtet, und die dadurch sowie durch die Lösung einer akademischen Preisfrage über das Leben des Humanisten Laurentius Valla erworbenen Honorare genügten so vollständig für sein Auskommen, daß er fürder auf das anstrengende und wenig erfreuliche Stundengeben verzichten durfte. Aus jener Zeit eifrigen und hoffnungsvollen Strebens besitzen wir noch einige Fragmente, die seine Begeisterung für die klassische Philologie erweisen, und bis zu einem gewissen Grade es bedauern lassen, daß er diesen. Zweig der Wissenschaft nicht bis in das reifere ') Ber. 20a; Seb. 118b. 2) Ber. 55a; vgl. Meyers Volksbibliothek f. Rat. ns. w., B. 94, S. 81, woselbst ein ähnlicher Brauch bei den Neapolitanern angeführt wird 3) Sanh. 101a; Scheb. 15b; vgl. auch die Erzählung (Lev. r. 9 Jer. Sota 166. „Daß nicht der böse Blick mir schade, spuckte ich mir dreimal in denWnsen!" läßt Theokrit Jdill- 6, 39 seinen Hirten sprechen vgl. Lübker, Reallexikon, S. 336; in Littanen beleckt man verrufenen Kindern, die an vielem Schreien erkannt werden, dreimal die Stirn und murmelt dabei einzelne Sprüche. Arischbier, a. a. O. S. 22, 23. 4) Rum. r. 12, 4.—Eine moderne Auffassung über den bösen Blick, Carus, Lebensmagnetismns, S. 167.