Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-20 · Heft 47 (20.11.1891) · p. Seite 560

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 47 (20.11.1891)
Date
1891-11-20
Page
Seite 560 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227925--48398-3270917
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWW I - 560 - würden, nicht aber daß auch die besondere Ausprägung dieser Wahrheiten gleichförmig auf Erden statthaben werde, so daß der große Segen individueller Gestaltungen untergehen müßte in die allgemeine Nacht der unterschiedslosen Einartigkeit". In diesem Zusaminenhange sei ein ebenso interessanter als charakteristischer Bescheid mitgetheilt, den Joöl am 4. Seht. 1884 einem Rechtsanwalt geschrieben auf die Frage, ob ein getaufter Jude auf dein jüdischen Friedhof beerdigt werden dürfe. Nach einleitende» > Worten heißt es: „Ebenso rekurrire ich nicht auf den bekannten in Berlin erörterten Fall. Ohne in eine Kritik der Borgange in einer fremden Gemeinde einzugehen, muß ich doch sagen, daß dort eine Ritnsfragc als eine Etiquctteufrage behandelt wurde und der dortigen religiösen Gemeinschaft damit mehr der Stempel einer kommunalen, wo nicht gar einer Reffourcengemeinschaft aufgedrückt würde als der i: einer religiösen". Nach einer längeren Untersuchung entscheidet er, ' daß voll Seiten des Ritus wohl nichts gegen die Beerdigung einzulvenden sei, da ein vom Judenthum Abgefallener vom Ritus als L. Jude angesehen und behandelt würde. Sein rabbinisches Gewissen i fügt aber die Worte hinzu: „Es können ja aber Zeiten kommen, wo i wir das versagen mästen, was der alte Ritus erlaubt hat. Diese! Erwägung überlaste ich den Männern der Praxis, welche den titbU I: viduetlen Fall prüfen können und danach entscheiden." i Tic besonnene und maßvolle Haltung, die Joöl so würdig schmiicktc, ein Ergcbniß sowohl seiner wissenschaftlichen Hinsicht als l auch seines fronunen Herzens, der Respekt vor dem Faktum, zeichnete ihn besonders ans gegenüber den seiner Zeit brennenden Kultusfragen, eine Stelluilgnahine, die zu bekannt ist, als daß sie hier der l weitern Ausführung und Darlegung bedürfte.') Soweit eine wiffen-! schriftlich geläuterte Ueberzeugnng freisinnig macht, war er freisinnig; i soweit die Pietät des Herzens und Forscherernst konservativ macht, war er konservativ. Rubriziren läßt er sich nicht, eine Formel deckt i ihn nicht, er ist eben generis sui, selbst mustergiltig und richtung' l gebend. Zum umwälzenden Stürmer eignete er sich nicht, weil er,! ein Mann der Milde und des Friedens, nichts von einer Eliasnatur | an sich hatte. Der Feind, den er in den meisten seiner Predigten - mit der Macht und Wucht gedanklicher Argumente bekämpft, ist der j Materialismus, den er bis in seine entferntesten Schlupfwinkel, bis in seine innersten Motive verfolgt und dem er sieghaft gegen-? überstellt die Religion als das Zeitlose, als das Apriorische und! Eingeborene. j Ein Mann der goldenen Mitte, aber dennoch nichts weniger j als ein „Bermittelungstheologe" in der Geiger'fchen Austastung des Wortes, der je nach Zeit und Umständen an die Extreme Zugeständnisse macht, uni Zugeständnisse einzutauschen, so beharrte er in i seiner religiösen Haltung und Stellung fest und zielbewußt ohne Schwankung und Schwenkung, er blieb immer derselbe, Sin f 1212 717 derselbe vom Anfänge bis zum Ende seines reichgeseg- | neten Wirkens und Schaffens?) if Zum Schluffe dieser Bemerkungen seien einige Worte aus einem s! im Nachlaß Vorgefundenen Fragmente der Antrittsrede mitge theilt!dic Joöl vor 27 Jahren in Breslau gehalten: Die nothwendigen ') S. Zur Orieutirung S. 16. Gegen Trutz S. 16 u. 26, Vorwort zuin Breslauer Gebctbnche, Pred. bei der Einweihung der neuen Synagoge in Br. S. 12 u. Bd. 1 der Pred. aus dom Nachlaß S. 24.; ") Interessant ist, daß selbst der „Israelit" (v. I. 1863 Nr. 38, s. auch 9h'. 30 n. 33) s. Z. die Wahl Josl's zum Rabbiner in Br. mit Genugthuung begriißte, weil man sich von ihm versichert halten dürfe, >s „daß er nicht blos keine neuen Reformen einführen, sondern auch Manches ivieder gut machen wird, da er echt religiös und ein für das Judenthum erglühter Charakter ist." Damit vergleiche man „Jüd. Presse" v. I. 1880 Nr." 46. Eigenschaften eines Seelenhirten sind .Einsicht, Muth und Liebe. „In der Liebe, in der echten wahren Menschenliebe, liegt das Geheinmiß der Wirkung auf die Gemüther. Man kann der Einsicht sein Ohr verschließen, man kann gegen den Muth sich waffnen, aber man widersteht nicht dem Worte, das aus liebevollem Gemüthe sich einen Weg sucht zu den Herzen der Hörer.Einsicht und Muth versprechen kann ein Gemeindelehrer nicht, Einsicht und Muth sind Gottesgaben, nach denen 'redlich gestrebt zu haben schon ein hohes Bewußtsein ist. Aber Liebe, das kann er versprechen, das muß er versprechen können." Dann spricht er von den Eigenschaften, die er von der Gemeinde erwartet. „Das ns 2212/71 p75£2 beziehe» die Alten namentlich auf das Urtheil über den Volkslehrer. Er am meisten ist dem allgemeinen Urtheil ausgesetzt, er am meisten ist in seinem Wirken für die höheren Aufgaben des Lebens abhängig von der Meinung und dem Vertrauen, das man in seine Absichten setzt. Darum liegt der Erfolg seines Wirkens nur zu einem Theile in seiner Hand. Ein anderer Theil seines Erfolges liegt in den Händen der Gesammthcit, auf die er wirken will." E. 9 $ Bas Auge in Bibel und Talmud. Ein Essay von Dr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner in Berlin. '(Schluß.) 0. Weit verbreitet war und ist auch heute noch im Morgen- und Abendlande der Aberglaube an den bösen Blick, auch das böse Auge gcuamit1 2 * 4). Die Aegypter bedienen sich, sobald Jemand, dessen Gesinnung sie nicht kennen, ein Kind lobt, ohne die Worte: Gott behüte es! hinzngefügt zu herben, eines Zaubermittels gegen das böse Auge; sic werfen Salz in das Feuer-). Die Beduinen glauben fest an die Kraft des bösen Blickes; wer von ihm getroffen wird, der wird schwach, magert ab. geht zu Grundeb). Auch das Arthava Veda kennt den bösen Blick. In einem Spruche auf das Heilkraut Jangida wird diese Pflanze angerufen, den „grausamen Blick", glioram caxuh, durch Gegenzaubcr unschädlig zu macherE). Plinius (h. u. 7. 2) erzählt, es gebe bei den Tribaliern und Illyrern Zauberer, die durch ihren Blick tobten, ebenso wären gewissen scythischen Weibern Blicke eigen, die nicht minder gefährlich sind. Derselbe Glaube ist auch heute noch im südlichen Italien unter dem Namen Maloccchio volksthümlich. Personen, die einen solchen Blick haben, der als erblich angesehen wird, werden Gettatori genannt. Eine magere Person mit stark ausgeprägten Zügen, gebogener Nase, großen hervorstehenden Augen und stechendem Blicke, ist stets verdächtig, zu den Gettatori. zu gehören''). Es darf und wird uns nunmehr nicht Wunder nehmen, diesen ’) jnn pysiro sry auf sry allein. 2) Vgl. Pocock, Beschreibung des Morgenlandes I, S. 181; vgl. Frifchbier, a. a. O. S. 9. Spricht man über das blühende Aussehen, die Gesundheit Anderer, so fügt man dem Lobe gleich die Worte hinzu : Nicht zu verrufen! Gott segne! oder Gott stärke! vgl. auch Grohmann, a. a. O. S. 156. Eine Mutter schützt ihre Tochter vor dem bösen Blick, wenn sie ihr ein Stückchen Brod und Salz in das Kleid steckt. ■') Rosenmüller, Morgenland IV. S. 143. 4) Atharv, XIX, 35, 3. ») Vgl. Schnbert's Reisen in Italien, und Cleniens, Sitten und Gebräuche der Italiener S. 176. Nebenbei sei bemerkt, daß auf die Bezeichnung Gettatori der Ursprung und die Bedeutung des bisher unerklärten Wortes Ghetto oder Getto znrückzuführen ist.DieBezeichnung für die Judengasse ist italienischen Ursprunges. Italien ist die Heimath des Ghetto. Vergleicht man die Beschreibung von denen, die Gettaton genannt wurde, mit dem Porträt, welches das Mittelalter und nicht selten auch die Neuzeit noch von den Juden entwirftbedenken wir, daß der Jude dem Mittelalter als Zauberer und Giftmischer schlechthin galt, so dürfte unsre Vermuthung nicht als gewagt erscheinen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.