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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-20 · Heft 47 (20.11.1891) · p. Seite 559

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 47 (20.11.1891)
Date
1891-11-20
Page
Seite 559 (sequence 7)
Language
German
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berechtigt."') In dem Manuskript einer Predigt fitr das Passahfest äußert er sich: „Als Israel anfing, Var etwa einem Jahrhundert wieder an seine große Vergangenheit anzuknüpfen, als cs sich den Winterschlaf von seinen Augen schüttelte, als es seine Neuverjüngnng anstrebte, als es Mißbräuche abstellte und die Lehre wieder leuchten lassen wollte im alten prophetischen Glanze, da ahnte man einen Sicgeszug, wie es dies Streben vollkommen verdiente. Waruni haben nicht alle damaligen Blüthen Früchte getragen? Worum können wir herite nicht voll und ganz anstimmen „ein neues Lied für unsere Befreiung"? Weil diese Befreiung mißverstanden wurde, weil man meinte, die Abschaffung der Mißbräuche heiße dasselbe wie Abschaffung des liefern, sinnigen Brauches, weil man Freiheit von Vorurtheilen verwechselte mit Freiheit von dem, was nicht blos unseru Ruhm rind Stotz, sondern unfern Halt im Leben ausmachte, weil man unter Reform verstand nicht größere Religiosität, sondern geringere, weil man sich nicht sagte: „wir erheben uns nicht über nianche Gedankenlosigkeit, um in leerer Luft uns zu bewegen, sondern um zur Höhe unserer gedankenreichen Religion zu kommen." In einem Predigtmanuskript für den Versöhnungstag heißt es: „Wenn wir bedenken, wie bei andern Wissensgegenständen ein Jrrthnm zwar ein Jrrthnm ist, wie aber seine Folgen nicht gerade verhängnißvoll auf unser Verhalten und ans unsere Lebensrichtung einfließen, wie aber ein Jrrthnm in Auffassung der Wahrheiten, die uns Licht und Leuchte, sein sollen durchs Leben, uns und unser« Kindern nach uns, wie ein Jrrthnm auf diesem Gebiete eigene Haltung verderben und denen verderblich werden muß, in Bezug auf welche an uns die Frage gerichtet werden kann: wp Und dieser junge Nachwuchs, was hat er dir gethan, daß du ihn Gefahren aussctzest? wenn wir das bedenken, wird die Nothweiidigkeit der Vorsicht und des Maßes uns nicht in die Augen springen?" Er erinnert nun an die Erzählung von den vier Gelehrten, die ins Paradies eingedrnngen und von denen nur Akiba unversehrt aus- und cingegangen (Chag. 15b). „Hier ist die Forschung als das Höchste und Edelste empfohlen, aber zugleich gezeigt, wie nicht mit jeder Gesinnung und mit jeder Vorbereitung der erwartete Segen sich einstellt." '-’) Man sollte meinen, daß in diesen Bemerkungen mit Fingern hingewiesen wird auf bestimmte Personen und Richtungen. Die kantische Weisheit und Besonnenheit, der Respekt vor dem Gegebenen und Sanktionirten ist es auch, der ihn so oft Hinweisen läßt auf den geschichtlichen Zusammenhang mit der Vergangenheit, der nicht ohne Gefahr und Schaden zerriffen werden dürfe, wenn er auch andererseits zu unterscheiden weiß zwischen dem Wesen der Religion, das ewig, und dem Beiwerk, das zufällig und vergänglich Es sei hier nur eine Stelle hervorgehoben aus einer nachgelassenen Predigt für den siebenten Tag des Passahfestes: „Entwurzelt, losgerissen vom natürlichen Boden ist der Mensch, der lediglich in den zukünftigen Tag hineinlebt, ohne anzuknüpfen an die Vergangenheit und an die Verbindung, in der er stand mit Andern. Gilt das denn aber blos von verwandtschaftlichen Zusammenhängen? Ist denn nicht auch eine Gesammtheit entwurzelt, wenn sie den geschichtlichen Sinn verliert, wenn sie sich nicht erfüllt mit den Leistungen und Errungenschaften der Jahrtausende, wenn sie ein abgehauener Ast ist, statt ein lebendiger Trieb aus starkem Stamme zu sein?" Es darf wohl mit Recht behauptet werden, daß Joöl unter den Männern des altern Freisinns, wiewohl er bekanntlich nicht weniger als ein Romantiker war, zu den Seltenen gehört, welche, in der Bescheidenheit des Herzens frei von dem vornehmen Sichhöherdenken '.) Vgl. hierzu: „Fcstpredigten" 3. NO. -) Vgl. auch Zeit, des Indenth., Jahrg. 54 Nr. 47 S. 5981». 3) S. Festpredigteu 3. 238, Zur Orientirung 3. 28, Zeitfragen 3. 8 u. Gedeukblätter 8. 14, gegenüber dem Mittelalter, eine vorurthcilsfreie Würdigung und ein ungetrübtes Verstündniß für dessen Segnungen und für den Geist des Talmudisinns äußern'). In einer Predigt für den Neujahrstag heißt es: „Und was man leider am wenigsten versteht, der weltgeschichtliche Blick, daß Glaubenssätze nicht gelehrt, sondern gelebt werden müffen, daß Wahrheiten nur Volksbesitz werden können und nicht der einseitige Besitz von Denkaristrokraten, wenn sie sich ansprägen in Festesfeier und Uebnngen, kurz der Mosesblick, der die Ceremonie als Hilfsmittel der Religion erschaut, wir haben die geschichtliche Genngthuung erlebt, daß man kurzsichtig genug war, ihn für einen Fehlblick zu halten, schließlich aber nachsichtig und einsichtig genug, um sich das Mosaische gesagt sein zu lassen und es so viel wie möglich nnchzuahmen"chi — Dem Verhältnis; von Ceremonie und Religion widmet er eine") besondere Predigt am Versöhnnngstage, wo er, ausgehend von dem Berufe des Propheten Elia, „zu trennen das gewaltsam Vereinte und zu verbinden das gewaltsam Getrennte" (Edujot VIII 7), ausführt: Aeußere Frömmigkeit bei innerer Lieblosigkeit, das ist eine gewaltsame Vereinigung von Richtzusammengehörtgen, die Trennung dagegen von Gedanken und That, das ist eine gewaltsame Trennung von Zusammengehörigem. Religion ist „Harmonie von Gedanke und That, von Gefühlsregung und Gefühlsdarstelluiig"4). — Ueber das Verhältniß des Tnlmndismus zuni Mvsaismus äußert er sich in einer") Predigt für das Wochenfest: „Kann man zu gleicher Zeit die Sittenlehre der prophetischen Männer loben und die der Talmudisten tadeln? Kann man die Schrift verehren als Quelle von heiligen und lautern Sätzen, ans denen Erbauung geflossen für alle Welt, und die Erklärer und Fortbildner dieser Schrift, die Talmudisten, für Menschen erklären, deren Sittenlehre verderblich ist? .... Wie wir heute feiern die „Thora, die uns Moses geboten", so dürfen wir auch feiern „das Erbe der Gemeinde Jakob". Man verleumdet diese Gemeinschaft, wenn man von der später« Entwickelung meint oder doch sagt, sie hätte dieses Erbe vertauscht mit selbstgemachten Sätzen. Der prophetische Geist der Liebe und des Rechts er drückt sich ebenso im Talmud aus, das Erste, wonach der Talmud im Jenseits fragen läßt, ist nicht: Hast du dich auch mit vielen Hebungen beschäftigt? sondern: Hast du in Handel und Wandel mit Rechtschaffenheit dich benommen gegenüber den Menschen"? Aber noch weiter. Jndenthum und allgemeines Menschenthnin sind nicht blos keine einander ausschließcnden Gegensätze"), sondern das spezifisch Israelitische, insofern es werthvoll ist, hat Daseinsberechtigung und Daseinsnothwendigkeit auch für die Zukunft der Tage. So heißt es in einem Fragmente des Nachlaßes: „Es giebt Menschen, welche meinen, das höchste Ziel der Weltgeschichte sei, daß alle Menschen eine Religion haben, so daß eine Meinungsverschiedenheit darüber gar nicht mehr Vorkommen könne. Aber daß Gott die Verschiedenheit gewollt und nicht die Einförmigkeit, das lehrt schon die geistvolle alte Erzählung von der durch Gott herbeigeführten Sprachentrennung unter Solchen, die bis dahin hatten „einerlei Lippe und einerlei Redensart". Die messianische Idee besagt auch blos, daß der Fortschritt des Menschengeschlechts dahin führen müsse, daß gewisse von Israel zuerst erkannte Wahrheiten allgemeine Anerkennung finden ') Vgl. „Gutachten über den Talmud" und „Gegen Gildenieister". Aehnlich Bd. I der „Pred. aus vem Nachlaß" 3. 4.1, 3. 48 , womit zu vergleichen die fast gleichlautende Bciuerkmig in „Zur Orientirung" 3. 8) S. 73 und ION izitirt nach den Aushängebogen». ") nicht zur Veröffentlichung gelangende. 4) Vgl. „Festpredigten" 3. 64 unten und „Predigt aus dem Nachlaß" I 58. r,j voraussichtlich nicht zur Veröffentlichung gelangenden, ®) 3. Festpredigten S. 89.

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