Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1891)
- Date
- 1891-11-20
- Page
- Seite 558 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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■ 558 ^^MWWMWMWMWD^WWMMWWMM Sache. Es kommt ihm nicht in den Sinn, für sich einen präponderircnden Einfluß auf die Gestaltung der Anstalt zu beanspruchen; ihm genügt das Bewußtsein, zur Verwirklichung eines löblichen Unternehmens bei ge trage n zu haben. Dies trat auch hervor, als er dem Bürgermeister der Stadt Wien zur Gründung eines Jugend-Asyles 150,000 fl. übergab, wobei er ausdrücklich erklärte, daß er durchaus nicht prätendire, daß die Gründung als die seine gelte, vielmehr wünsche, daß seinem Gründungsbeitrage weitere Beitrüge sich anschließen und er als pur inter pares erscheine. Im vorliegenden Falle leitete ihn ein besonderes Interesse. Aus seiner Knabenzeit erinnert er sich noch der Eindrücke, die der Religionsunterricht auf ihn gemacht, und er gedenkt insbesondere dankbar seines Lehrers Dr. Jacob Auerbach in Frankfurt; er legt daher einen großen Werth daraus, daß für die Heranbildung tüchtiger Religionslehrer gesorgt werde. Ich hatte schon einmal Anlaß hervorznheben, daß Baron Albert Rothschild nichts an sich hat, was so viele Plutokratcn unsympathisch macht: das aufdringliche Proyenthum. Vornehm in seiner Gesinnung, vornehiy in seinem Wesen, ist er vielmehr ein Feind jedes ostentativen Hcrvortretens. O Zu M. Joels Iahrzeitstage. Am 23. Marchefchwan (0. Nov.) vorigen Jahres bewegte sich ein unabsehbarer Fug, der die ganze Straßenbreite füllte und jeden Verkehr zur Unmöglichkeit machte, unter strömendem Regen durch die Straßen Breslau's nach dem jüdischen Friedhofe. Eine Gemeinde von Leidtragenden geleitete den geliebten Lehrer zur letzten Ruhestätte. Tie Leichenreden hatten den ganzen Nachmittag in Anspruch genommen und bei herabsinkender Rächt unter düsterem Fackelscheine, welcher die entsprechende Stiininnng der 'im Umkreise des offenen Grabes aiisharrendcn Menschenmassen grell beleuchtete, wurden die Erdenreste M. Joöl's in das Grab gesenkt — eine Scenerie von schauriger Schönheit, werth der Verewigung durch den Pinsel eines Künstlers. Als endlich allmählich auch der Fackelschein zu erlöschen begonnen, da sagte Jemand an meiner Seite no mifl 22V *VX!D') rrbl? xriil «Eine Leuchte ist erloschen, was soll aus dein Lichte der Thora werden?" In den Nachrufen, die vor einem Jahre geredet und geschrieben worden, ist kaum der Versuch gemacht zur nähern Charakterisirung des religiösen Standpunktes, den der Verewigte als praktisch e rTheologe cingenommeii und von welchem aus seine Vorbildlichkeit von weit größerer Tragweite gewesen als die des Redners und des Gelehrten. Daß er „Vermitteluugstheologe" war,') diese Bezeichnung eines s. Z. erschienenen Nekrologs, wenn sie auch ihr Zutreffendes hat und gut gemeint ist, sagt zu viel und zu wenig. Zu viel, weil sie ein Etwas enthält, das wie ein Beigeschmack stört. Und zu wenig, weil es doch nur ein Wort ist und sich dabei wieder einmal herausstellt, „wie wenig ein Wort die Sache deckt." Jost selbst hat, wohl ahnend, daß dies schöne Wort sich einmal zur rechten Zeit cinstellen würde, gegen diese Einschachtelung, gegen die Bezeichnung eines „Vermittclungstheologen" sich gewehrt, noch ehe sie erfunden war („Zur Orientirung" S. 14.) Das zutreffendste, wenn auch nur allgemein und mehr negativ gehaltene Urtheil über die religiöse Stellung und Haltung Joöl's ' ) Rasir öOa. Enno in 1 :-!)>. •) Jsr. Wochenschrift XXI 45. Die Bezeichnung rührt eigentlich von Geiger her, s. dessen: Zu Schutz und Trutz S. 8 u. öfter, mit Bezug auf Kap.!>> der Schrift: Zur Orientirung in der KultuSfrage v. Joel. dürsten wohl die Worte enthalten, welche von einem der Leichenredner an seiner Bahre gesprochen wurden: „Er war im Grunde seines Herzeus frommer, religiöser und auch konservativer als die Extremen von rechts und links fürchteten oder erwarteten" (Gedenkblütter S. 37). Die nachfolgenden Auslassungen und Hinweise auf Gedrucktes und Ungedrucktes, so wenig Anspruch sie auch auf eine erschöpfende Behandlung des Themas machen, dürften vielleicht nicht ganz ohne Nutzen sein für den künftigen Biographen Josl's. Um zum Verständniß und zur Würdigung des religiösen Standpunktes vorzudringen, den Jost eingenommen, müffen wir seinen philosophischen Standpunkt als Dnrchgangspunkt der Betrachtung benutzen. In seinen „religiös-philosophischen Zeitfragen" geht er bekanntlich von Kant aus und kehrt zu ihm zurück. Wohl hat Schlei er ma cher das Wesen der Religion als der evidentesten Thatsache im menschlichen Gemüthe richtig erkannt und bestimmt, aber das Uebersinnliche und Jenseitige ist nicht blos apriorisch im Bewußtsein, es ist vielmehr realexisteut, wie denn Kant selbst die Gegenständlichkeit des Dings au sich außer Zweifel war. Nebenbei sei hier angemerkt, daß man in den „Zeitfragen" ohne Mühe viele Predigten Joöl's in nues vorbereitet findet. Wenn man Joöl einen „Vcrmittelungstheologen" genannt und ihn sogar in der Beziehung der Ehre hat theilhaft werden lassen, ihn zum Kollegen und Nachfolger des „Bermittelungstheologen" Maimonides zu machen/) so kann inan mit demselben Rechte sein Vorbild Kant, den Weisen und Besonnenen, was ja auch vielfach geschehen, einen Vermittcliingsphilosophen nennen. Was Joöl an Kant so außerordentlich rühmt, der „Respekt vor dem Faktum"'), ist ihm selbst eigen gewesen, der Respekt vor dem Wirklichen und Realen, dem Gewesenen und Daseienden, ein Respekt, der im frommen Herzen seinen Sitz hatte und ihn davor schützte, ein rücksichtsloser Fanatiker der Theorie zu werden, der um jeden Preis die Wirklichkeit nach jener gestaltet wissen will. Die vernünftige Praxis war ihm darum Ergebniß und Postulat einer praktischen Vernünftigkeit. Er war ein scharfer Kopf, aber kein einseitiger Verstandesmensch, sein Herz war ebenso tief und warm, wie sein Verstand klar und kühl. Man würde daher irren, wenn man der Meinung wäre, Joöl habe, nachdem die Extreme als unfruchtbar sich erwiesen, die Rolle eines Friedensstifters in der Theologie übernehmen wolle», vielmehr stellte ihn seine ganze Begabung und Eigenart, seine Natur und sein Temperament zwischen die Parteien ans einen Standpunkt, den er wohl mit Bewußtsein und mit Kraft behauptete, auf welchen ihn aber die Vorsehung selbst gestellt als Lehrer und Muster für eine ganze Generation von Theologen. Nicht aus Rücksichten der Opportunität um des lieben Friedens willen, sondern weil er prädestinirt als Prophet der Liebe zu den „Aufbauenden" und nicht zu den Zerstörern gehörte, mehrte er den Frieden in der Welt" (Berach. 04a). In einem Manuskriptfragment seines Nachlasses') findet sich folgender Ausspruch: „Die Propheten waren im religiösen Sinne Befreier, nicht Ueberbürder, sie befreiten vom Aberglauben. Wodurch gelang ihnen diese Wirkung? Durch den Umstaud, daß sie etwas Positives au die Stelle setzten. Warum wirken heute Männer, ivelche Aberglauben und Mißbräuche bekämpfen, nichts? Weil ihnen das Positive fehlt. Ja, gegen das Nichts ist selbst der Aberglaube 0 Geiger: Zu Schutz und Trutz S. 22. 5) Zeitfrageu S. 40. 3) Demnächst wird der I. Bd. der auf 6 Bde. berechneten „Predigten aus dem Nachlaß v. M. Joöl" vor der Öffentlichkeit erscheinen. Tie nachfolgend nicht naher bezcichneten Tilgte sind dem in Aussicht genommenen 2, Bd. entnommen.