Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1891)
- Date
- 1891-11-20
- Page
- Seite 557 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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557 überaus starke antisemitische Strömung erwägen, die bereits hellte dort besteht, wo die Zahl der Juden eine geringe ist und trotz des makellosen Verhaltens dieser Welligen. Viel häufiger als unser Erdtheil wird Australien genannt, und die Gründe, welche die Freunde dieses Projekts anführen, sind nicht kurzweg abzuweisen. Aber Sie wissen, unsere Kommission hatte nicht die Frage zu entscheiden: „Dies Land eignet sich zur Unterbringung russischer Juden und jenes nicht", sondern zu untersuchen: „Ist hier ein Arbeitsgebiet für mlser Berliner Komitee?" Beziiglich Australiens also glauben wir, daß es üllsere englischen Freunde dort ernstlich versuchen sollten, wir können's nicht. Schon daß sich die Transportkosten für uns sehr hoch stellen würden — lnehr als doppelt, ja dreimal so hoch, als z. B. nach Nord- Amerika — ist ein ernster Hinderungsgrund für uns. Noch weit schwerer wiegt die Haltung der australischen Arbeitervereine, die eine große thatsächliche und moralische Macht in Händen haben; sie haben sich aus Gründen der Konkurrenz sehr entschieden gegen die Einwanderung russischer Juden ausgesprochen. Auch das Studium solcher Vorlagen, die an sich gewiß nicht die Tendenz verfolgen, vor Australien abzuschrecken, also z. B. der Broschüre: „Aclvance Australia!“ hat uns Bedenken eingeflößt. Nach Handwerkern, heißt es dort, herrsche geringe Nachfrage; Farmer lnüßten ein Kapital von etwa 4000 Mark haberr, llnter den Arbeitern würderr die zunr Waldroden geeigneten bevorzugt — eine Arbeit, lvelche' die körperlichen Kräfte unserer Schützlinge übersteigen dürste, — zrlln lohrrendsten Erwerbszweig, der Viehzucht, seien größere Mittel nvth> wendig. So viel ist gewiß: ohne energisches Wohlwollen der Regierung ginge es in Australien nicht, und dies könnten'die Londoner Komitees erwirken, wir nicht. Was Afrika betrifft, so haben wir an Tripolis und Marokko, wie Sie sich denken können, nicht gedacht; dagegen ist ja selbst Rußland noch ein Kulturstaat. Wiederholt wurde uns Algier und Tunis proponirt. Wenn dort etwas zu machen ist, so kann es nur von Paris aus geschehen. Irr einer französischen Provinz resp. einem französischeil Schutzgebiet können und wollen wir von Berlirr aus nicht kolonisiren. Noch öfter wurden wir auf Aegypten hingewiesen; aber auch in diesem Lande fomitm aus verschiedenen und sehr triftigen Gründen nur die Juden jeiles Reiches operiren, dessen Schutzgebiet es ist, also die Engländer. Madiarr hat bereits fernen Pfleger gefunden — mit welchen: Erfolg, wird die Zeit lehren. Nicht übergehen will ich, während die anderer: afrikanischen Länder kaum in Betracht kommen, die Empfehlung für die Barka, die alte „Cyrenaica", die der Türkei untersteht. Diese Empfehlung kam von so ernstlich wohlmeinender Seite, daß wir uns näher iuformirten. Das Resultat war nicht günstig. Es herrschen da sehr traurige Wirthschaftsnnd Rechtszustände. Ferner könnte nach Ansicht von Autoritäten dort die Landwirthschaft nur bei ganz ungemeiner Erfahrung und Tüchtigkeit - der betreffenden Ansiedler nutzbringend sein. Endlich aber ist der Boden schon jetzt trotz aller Verwahrlosung ein ziemlich theurer; wenn man gut kauft, kostet 1 Hektar etwa 80 Mark. Das ist für deutsche Verhältnisse lächerlich billig, aber zu theuer für ein Komitee, welches für Tausende und Abertausende sorgen soll. Gegen Mittel-Afrika spricht selbstverständlich das Klima sein Veto; betreffs Süd-Afrikas hingegen sind wir allerdings der Meinung, daß dies Land ernstlich in Betracht zu ziehen wäre, doch kömrte auch dies entschieden nur von England aus geschehen. Nun zu Asien. Ich beschränke mich da auf die uns proponirten Länder, da es gewiß nicht notwendig ist. Ihnen zu sagen, warum wir die Leute nicht nach China oder nach Vorder- und Hiuter-Jndien schicken. Das meist genanrrte Land ist Palästina und Transjordanien. Unt dieses Kolonisationsziel ist ein überaus heftiger Streit entbrannt. Es ist dies ein Kampf der Weltanschauung, der gesummten religiösen, politischen, nationalen Anschauungen unter den Juden geworden. Ich habe hier, in meiner Eigenschaft als Referent, nicht das Recht, in diesen Kampf einzutreten. Aber es ist weine Pflicht als Referent, Ihnen zu sagen, warum unsere Kommission es abgelehnt hat, die Frage überhaupt unter dem Gesichtspunkte der Weltanschauung zu behandeln. Erstlich deshalb, weil ein Kampf der Weltanschauungen ein niemals zu schlichtender ist. Hier giebt es kein Vermitteln, kein Ueberzeugen. Wir aber wollten einträchtiges Wirken. Zweitens sind wir überzeugt, daß da, wo die Weltanschauung ins Spiel kommt, die Objektivität in der Beurtheilung der rein sachlichen I Momente gefährdet ist. Wer wollte leugnen, daß heute Unzählige von vorn herein für Palästina und gegen Palästina sind, eben weil es sich um die einstige religiöse und politische Stammesheimath handelt, die es nach der Anschauung Vieler wieder werde:: sollte? — Ein blindes Für oder Gegen aber erschwert die Beurtheilung der rein sachlicher: Momente. (Fortsetzung folgt.) O Wiener Briefe. XIV. T. Dank der Großherzigkeit des Aarons Albert von Rothschild ist die seit Jahren von dem Beth-Hamidrasch-Verein propagirte Gründung der Lehranstalt zur Heranbildung von Rabbinern und Rcligionslehrern in die Nähe gerückt. Baron Rothschild widmete zu dein hiezu erforderlichen Fonds 100,600 fl., wodurch derselbe eine Höhe von 250,000 fl. erreicht hat. Rechnet man die Beitragsleistungen der hiesigen isr. Knltusgemeinde und den in Böhmen und Mähren bestehenden jüdischen Landesfonds, sowie einzelner Privaten hinzu, so darf ohne Weiteres behauptet werden, daß in jedem Falle für den Anfang die nöthige» pekuniären Mittel ausreichend vorhanden sind. Darf doch nicht vergessen werden, daß eine solche Anstalt sich konzentrisch anfbaut, und daß mit dem Fortschreiten des Baues auch die Zuflüsse sich mehren. Die Möglichkeit, ein Bedürfniß zu befriedigen, verallgemeinert dasselbe lind erhöht das Interesse darall. Ob schon bei dem Jnslebentreten der Anstalt eine Staatssubvention erfolgen wird, oder erst ilach längerem Bestände, ist unentschieden; daß ein eminent staatliches Interesse hier mit engagirt ist, geht unzweidelitig aus inehreren Bestimmungen des Gesetzes zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Juden hervon. Thatsächlich ist auf Grund eines kaiserlichen Reskripts und mit Bewilligung des Reichsrathes in den 70 er Jahren ein Betrag zu Gunsten einer solchen Anstalt in das Budget eingestellt worden; freilich wurde damals daran gedacht, von Staatswegen eine solche Anstalt zu errichten. Es liegt auch ein Elaborat vor als Ergebniß der diesbezüglich im Schooße des Unterrichts-Ministeriuins gepflogenen Berathung. Leider scheiterte damals die Ausführung des von der Regierililg mit großem Wohlwollen behandelten Planes an dein in Galizien zu Tage getretenen Widerstande. Gegenwärtig dürfte ein solcher kanm mehr zu fürchten sein; man ist in Galizien auch in dieser Beziehung opportunistischer geworden. Biel, sehr viel wird auf die Organisation ankommen; im Ver hältnisse zu deren Güte wird das der Anstalt sich zuwendende Vertrauen stehen. Wenn den Mittheilungen Werth beizumessen ist, welche gerade bezüglich dieses Punktes in die Oeffentlichkeit dringen, so suchen manche auseinandergehende Anschauungen zur Geltung zu gelangen. Sie betreffen ebenso sehr die Disziplinen und deren Ausmaß als die Leitung der Anstalt. Bedauerlich ist es, daß die Schablone hiebei eine Rolle zu spielen scheint. Kein Wunder auch! Anstatt die Eigen- und Verschiedenartigkeit der österreichischen Kultusgeineinden bei der organischen Gestaltung des Instituts zu berücksichtigen, glaubt man, mit Nachahmungen sein Auslangen finden zu können. Als Kuriosum wird sogar erzählt, daß ein junger Kandidat, der kaum den Seminarstaub von seinen Sohlen abgeschüttelt hat, als Inspirator extra muros in dieser hochwichtigen Frage frmgirt. Es war das von jeher ein Grundübel, hier zu Lande, daß man die Scheu hat, eigene Bahnen zu wandeln und gern ausgetretene beschreitet. Wohlthuend wirkt das Verhalten des Barons Rothschild in dieser