Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1891)
- Date
- 1891-11-20
- Page
- Seite 556 (sequence 4)
- Language
- German
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- 556 darüber zu fassen und präcise Anträge darüber z»» stellen, welche Länder sich überhaupt zur Anlegung von Kolonien russischer Juden eignen und welche nicht. Schon unsere kurze und trotz unseres Pflichteifers noch tauge nicht zureichende Beschäftigung mit dieser Frage hat uns vielmehr gelehrt, daß mau mit einem Urtheil über die Tauglichkeit eines Landes zu diesen Zwecken nicht vorsichtig genug sein kann, und zwar nicht blos »»ach der positiven, sondern auch nach der negativen Seite hin. Wir müssen erklären, daß es nach unserer Ueberzeugung kaum ein Land giebt, welches absolut ungeeignet, und kein Land, welches absolut und in jeder Beziehung geeignet ist. Es kann sich also immer nur darum handeln, Vorzüge und Nachtheile sachlich ltitb gewissenhaft abzuwägen und kein Land ohne genaueste Prüfung ganz zu verwerfen. Ferner aber ist bei Beantwortung der Frage, ob in einem Lande die Kolonisation zu versuchen ist oder nicht, auch der Faktor, der als Kolonisator auftritt, voll zu berücksichtigen. Es giebt eine große Reihe von Ländern, welche, wenn überhaupt, dann nur von einem bestimmten Punkte, also von der Judenschaft eines bestimmten Landes kolouisirt werden können, während die K olonisation von anderen Punkten aus von vornherein ein erfolgloses Werk wäre. Es giebt aber auch Länder, in denen mit Rücksicht ans die Preise von Grund und Boden und andere Verhältnisse die Kolonisation nach unserer Ueberzeugung großen Schwierigkeiten begegnen wiirde, wo aber andererseits kein Grund vorliegt, den freiwilligen, mit genügenden odergar reichen Mitteln versehenen Emigranten von diesem Landstriche abznrathen. Als unsere Ausgabe haben wir nur betrachtet, das Land herauszufinden, wo sich die von unserem Eentral-Komitee angestrebte Kolonisation relativ am besten durchführen ließe. Ich habe mir die wichtigsten Schlagworte deshalb schriftlich sirirt, weil ich in das, was ich bisher bei gebracht habe und noch folgen lasse, in keiner Beziehung irgendwie meine persönliche Meinung einfließen lasse. Ich stehe hier als Referent der Kommission und spreche nur aus, wozu ich ausdrücklich beauftragt bi»t. Die Gesichtspunkte, die uns bei dieser Arbeit geleitet haben, sind folgende. Von vornherein ausgeschlossen haben nur jene Länder, wo bereits andere potente Kräfte eine Emigration russischer Juden einströmen lassen, welche die Aufnahmefähigkeit jener Länder an Juden vorallssichtlich erschöpfen dürfte. Ebenso haben wir von jenen Ländern abgesehen, welche bereits von einer ail Zahl oder Mitteln starke»: Judenschaft bewohnt sind, der auch die Leitung einer solchen Emigration in das betreffende Land zil tiberlassen »väre. Endlich haben »vir auch jene Läirder ausgeschlossen, »velche politisch als Kolonien k. von den oben genan»»teu abhängig sind. Bei der Sichtu»»g der übrig gebliebenen Länder »varen folge»»de Gesichtspurrkte entscheidend. 1. Möglichst geringe antisemitische Strömung. Trotz jener Lockrufe in den Offerten habe»» »vir diese Fassung ge»vählt, »veil »vir »rnseres Errachtens n»it den russischer» Juden nirgend»vohin »vüßten, »venn »vir ein La»»d suchen »vollten, »vo gar feine Abneigung gegen sie besteht. Und z»var fraglos — es ru»iß ausgesprochen sei»», denn eine Täusch»l»»g darüber »väre verhängnißvoll — eine weitaus größere Abrreigung, als etwa gegen die Juden a»»derer Länder. Aber als Waffe gegen die Unglücklichen »vird diese Thatsache »»ur von Jenen zu ver»ve»»den sei»», dee vergessen, unter »velchen Verhältnissen die russischen Juden bisher gelebt haben. 2. Möglichst geordnete und günstige politische Verhältrrisse, günstig aber sind »mseres Erachtens die politischen Verhältnisse eines La»»des »»ur dann zu nmnen, »ve»»n es sich in a»lfsteige»»der Ent»vickelung befindet, nicht i»n Rückschritt, geschlveige denn in» Verfall. Sicherheit des Lebens und des Eigeuthmns. 3. Möglichst geeignetes Klima. Auch auf diesen Punkt haben »vir besorrderes Geivicht gelegt. Man hört ja oft, der Jude sei besonders accli»natisir»mgsfähig. Ge»viß, meine Herre»», aber i»n»ner »mr bis zu einem gewissen Grade! Auch »nuß da scharf u»»terschieden werde»» zwischen der Möglichkeit des Hinvegetirens i»nd der Fähigkeit kräftigen Lebens »md Wirkens. Unz»veifelhast ist gerade der »mssische J»»de zäh gen»»g, u»n selbst urrter sehr ungünstigen kli»»»atische»» Verhältnissen sein Dasein elend fortzufristen. Das genügt »»icht; er »»»»»ß in ein Klima ko»»»»»»e»», »vo ertüchtig arbeiten, selbst gesund bleiben und gesunde Ki»»der zeugen ka»»n. 4. Möglichste Wahrscheinlichkeit, die Leute bei geordnete»n dauernden Er»verb durch Bodenkultur und Viehzucht zu erhalten. Wir richteten also in erster Linie unser Augenmerk auf solche Länder, deren Verhältrrisse eine geivisse Gewähr dafür biete»», daß die Kolonie nicht binrren kirrzer Zeit veröde u»»d die Leute wieder Härrdler »verden. Wie viel Geld ist schon nutzlos vergeudet »vorder», »veil »nan diesen P»»»»kt übersah! 5. Wir s»lchten solche Länder zu finde»», »vo für die Boderrkultur etit Arlfrvarrd von körperlicher Kraft gerrügt, welche schon von der ersten Gerreration gefordert »verden kann; also r»a»nentlich Gartenkultur oder solche Bodenkultur, »velche dieser zunächst verrvarrdt ist. Ausgeschlosse»» »nnßten dabei jene Länderstriche bleibe»», »vo dem Hanpterwerbszweig oder der Haupternährung rituelle Bedenke»» entgegenstehe»», »vo also der »vichtigste Errverbszrveig die Sch»veinez»»cht und das einzige billige Fleisch das Sch»vei»»efleisch ist; ferner jene Länder, »vo »n»r der Großbetrieb der Laud»virthschaft, uarnentlich die Maschiner»la»»d»virthschaft »nöglich ist. Unser Ziel geht auf Schaffung eines selbständige»», tüchtigen Bauernstandes. 6. Arlsführbarkeit des Projekts in materieller Bezieh»»»»g. Zunächst »varen »vir darauf bedacht, ein Land zi» sinder», wohin sich die Tra»»sportkosten »»icht allzu hoch stellen oder »vo zu dieser» von der betreffenden Regierung gesetzlich zum »nindesten ein Beitrag geleistet »vird, sofern sie ihn nicht ganz trägt. Weitere Gesichtspunkte in dieser Hinsicht »varen: Billiger unb reichlicher Boden, also eilte größere territoriale Ausdehnung; »r»»d errdlich solche Verhältnisse, »velche die berechtigte Hoffnung znlasserr, daß sich die Kolonisten in möglichst kurzer Zeit »vürden selbst ernähre»», also ohne nllz»»große u»»d dauernde Zuschüsse prosperiren können. Unter diesen Gesichtsp»»nkten erfolgte »»»»sere Sichtung. Hier ihr Ergeb»»iß. Ich habe die ei»»zelnen Welttheile i»» der Weise geordnet, daß ich von den für unsere Zwecke unrvichtigeren zu den »vichtigeren aufsteige. A»n »veuigsten ge»»a»»»»t »vird Europa. Natürlich »»»it volle»»» Recht. Ich brauche nicht die Grür»de anzuführe»», »varu»n wir nicht i»» Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Frankreich, E»»gland kolonisiren. Ab und zu vorgeschlagen »v»»rde freilich a»»ch eines dieser Lä»»der. Aber »vas »vird nicht Alles vorgeschlagen! Ernsthafter zu nehmen »varen Projekte bezüglich einer Kolonisation in der europäischen Türkei, Aber gegen diese sprach zunächst schon die Haltrrng der türkischen Regierung der jüdischen Ei»»»vanderurrg geger»über. "A»»ch ist ja die europäische Türkei bereits relativ stark besiedelt, der Grund u»»d Boden drrrchaus nicht billig. Ferner schienen uns jene Erfahrungen, »velche andere, narnentlich deutsche Kolonisten dort gemacht Habel», gleichfalls bedenklich; sie gingen haltptsächlich an der Willkür des Ben»»»te»»th»»»ns, de»»» Mangel an Rechtssicherheit zu Gr»»»»de. E»»dlich die U»»sicherheit der politischen Zukunft dieser La»»dstriche! Wir glaubten i»l»s »»och lange nicht als politische Propheten a»»fzuspielen, »ve»»»» »vir Bedenken dieser Art berücksichtigten. Sind es doch sehr kaltblütige »»nd vernünftige Staatsinänner, »velche meinen, daß diese Landstriche beretnft eutweder griechisches oder russisches Gebiet werden. Russisch, — das ist keine Lockung für »»ns, aber ebensowenig griechisch; die Griechen haben sich überall als arge Feinde der Juden errviese»». Recht oft »vrrrden »vir auch cutf die römische Campagna aufrnerksa»»» geinacht. Wir »varen der Mei»»»»ng, »venn das ginge, so rnüßten es u»»sere italienischen Freu»»de mache»», »»icht »vir. Darauf wurde r»»»s allerdings entgege»»gehalten, die italienischen Juden »vollten dies nicht, sie schützten das S»»»npffieber vor, fürchteten aber iu Wahrheit die Einschleppung des A»»tise»»»itisr»»us. Angenommm, dies »väre richtig, so ist es doch gleichgiltig, ob unsere römischen Glaubensbrüder aus Sorge vor de»»r »virkliche»» oder de»»» »noralischen Sumpffieber dagegen sind! Gegen ihren Wille»» fintnen doch »vir von Berlin aus nicht die Campagna kolonisiren. Sehr nachdrücklich »v»»rde endlich von einer Seite Spanien e»npfohle»r der die Herren Antragsteller gingen weniger von sachlichen Gründen aus, als »veil sie darin eine Art Witz der Weltgeschichte fa»»den: gerade »veil die Juden einst aus Spanien verjagt worden sind, sollten sie n»»n dort eine Heimath finden. Nun, meine Herre»», ich glaube, es ist sehrschön, »venn die Weltgeschichte spo»»tan einen solchen Witz »nacht; aber »»»an soll ihn »»icht »nit de»»» Gut unb Blut ar»»»er Le»»te künstlich insce»»irerr »vollen. Uns scheint Spanien vollko»»»»»»en ausgeschlossen, schon i»n Hinblick auf eine Reihe materieller Verhältnisse, noch »»»ehr, »ve»u» »vir die