Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-20 · Heft 47 (20.11.1891) · p. Seite 555

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 47 (20.11.1891)
Date
1891-11-20
Page
Seite 555 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227925--48393-3270912
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

5f)5 fallen: „Wir schicken ftc auä dem Dunkeln ins Dunkle! Was wird aus ihnen?!" Wir wollten also Vorsorgen, kolomsiren, wie die Andern, mit den Andern. Denn daß nur anch in diesem Zweig des Hilfswerkes die ganze Arbeit leisten sollten, war ja schon durch dasselbe Dloment ausgeschlossen, welches uns die gesmnmte Beförderung anferlegt: die geographische Lage Deutschlands. Nicht minder aber durch die Beschränktheit unserer Kräfte und Mistel gegenüber der Größe der Ausgabe. Diese Aufgabe ist eine ungeheure und steht in der Weltgeschichte ganz ohne Beispiel da. Das ist buchstäblich wahr, selbst wenn man mm den: schlimmsten Falle absieht. In Rußland leben so viele Inden, als in allen andern Ländern des Erdballs, also annähernd genall die Hälfte unserer ganzen Glaubensgenossenschaft. Angenonnuen, c$ müßten Alte aus Rußland fort, dann würde die eine Hälfte für die andere zu sorgen haben. Dieses Schlimmste ist zum Glück höchst unwahrscheinlich, ganz ebenso wie das Beste: daß eine ungewöhnlich starke Emigration nur noch kurze Zeit fvrtdanern wird. Die Wahrheit ist: wir können die Zahl heute nicht bemessen, aber nur der Leichtsinn kann die Möglichkeit ansschließen, daß wir für Hundert- und aber Hundertlausende, fiir eine Million Menschen und darüber zll sorgen haben werden. War Aehnliches je da?! Es giebt in der Geschichte des H). Jahrhunderts einen einzigen Fall, wo plötzlich und jählings eine Massenemigration stattsinden mußte; ich meine die Auswanderung aus Irland llach Amerika nach den großen, wiederholten Hnngersnöthen in den Vierziger Jahren. Aber sie wurde von einer Regierung geleitet, mit der Autorität, den Mitteln, dem Verwaltungsapparat eines der reichsteil lttld geordnetsten Staatswesen der Welt. Und die Auswanderer wurden in Lebensbedingnngen hineingeführt, welche von jenen ihrer Heimath nicht allzu verschieden waren. Wie anders hier! Wir haben keinen Staat; private Wohlthätigkeitsansschüsse ohne die Autorität, das Geld, den Kredit, die Verwaltungsmaschine eines Staates sollen eine Aufgabe lösen, die auch mit alledem erdrückend groß wäre! Ja noch mehr, wir sind ja auch kein einheitliches Volk lnehr, der Jude irr bcn Kulturländern ist heute ein Deutscher, Franzose, Engländer jüdischen Glaubens und Gottlob, daß er's ist! Wir sind mix noch eine Glaubensgenossenschaft, verstreut in alle Länder der Welt! unser überaus inniger Zusammenhang unter einander, unser herrschender Einfluß auf unsere Mitglieder anderen Glaubens besteht nur in der Phantasie unserer Gegner; in Wahrheit haben nur, so überaus verschieden sonst unsere Verhältnisse sind, fast überall den Kampf mit dem Vorurtheil 31t bestehen. Und unsere Geldmittel?! Tie reichsten Menscher: der Erde sind nicht unter den Juden zu suchen, wohl aber höchst wahrscheinlich die ärmften; der Durchschnitt er giebt ein Resultat, welches Anderen keinen Neid, uns kein allzu großes Selbstvertrauen einzuflößen vermag. Nm aber die Schwierigkeiten vollends ins Ungeheure zu steigern, sind auch die Lebensbedingnngen, in welche wir unsere Schutzbefohlenen hineiuzusühren haben, von ihren bisherigen überaus verschieden; sie müssen es sein und sollen es sein. Aber die Nolhwendigkeit gebietet! Und so müssen wir Alle unsere schwache .Kraft an deni Werk versuchen, dessen Gleichen die Welt noch nicht gesehen! Was aber nun insbesondere unser deutsches Eentral-Kornitee betrifft, so fassen wir feine Aufgabe nach dieser Hinsicht als eine doppelte ans: Wir wollen mit allen Anderen volle Verständigung über Arbeitsgebiet, Arbeitsweise, praktische Arbeitstheilung anzubahnen versuchen. Wenn irgendwo, so ist hier intimste Fühlung aller Arbeiter unter einander nothwendig. Die Erfahrungen müssen fortdauernd ansgetauscht werde::, die guten zur Ermunterung, die schlinnnen zur Warnung der 'Anderen. Zweitens wollen wir selbst aus den uns erreichbaren Mitteln eine Kolonie begründen, deren Ausdehnung natürlich von diesen Mitteln abhängt. Was die erste Aufgabe, die Verständigung über die 'Arbeit, betrifft, so war sie bisher deshalb nicht so leicht erfüllbar, weil die Meisten — so wollen wir hoffe:: — ihre Projekte noch im Stillen zu erwägen svrziehen. Denn daß das Schweigen auf der ganzen Linie daher rührt, weil überhaupt noch nichts geplant wird, fiele zu glauben schwer. Es wäre zu schnrerzlich! . . . Daß wir mit jenen beiden Faktoren, die auf diesem Gebiete der dauernden Fürsorge bereits energisch thätig sind, dem Herrn Baron Hirsch und den uordamerikanischen Komitees, in intimster Fühlung stehen und ihnen in der Ausführung als treue Mitarbeiter zur Seite stehen, wissen Sie bereits. Beginnen auch Andere zu arbeiten, so hoffen wir das Ziel einer Verständigung auch mit ihnen zu erreichen, und zwar schon aus dem äußeren Grunde, weil jedes Kolonisations- Komitee in beständigem Verkehr mit uns bleiben muß. Geht doch das Material zunächst durch unsere Hände, die Emigration von unseren Häfen ans. Was unsere eigene Kolonie betrifft, so haben wir zwei Schritte gethan. Zunächst haben nur, dringlichen Rathschlägen des Herr:: Baron Hirsch und einer uns in der ersten Delegation seitens der Pariser Allianz gegebenen Anregung folgend, zum Zwecke der Erforschung der Kolonisationsverhältniffe in Brasilien eine geeignete Persönlichkeit, Herrn Boxer, nach diesem Lande entsandt. Zweitens haben wir zur Prüfung der Kolonisationsvorschläge, die bei uns eingelaufen sind, eine Kommission eingesetzt, welche ans vier Mitgliedern unseres geschäftsführenden Ausschusses besteht. Die allererste Frage, über welche sieh unsere Kommission klar werden mußte, war die, ob wir uns durch die Entsendung eines Beauftragten nach Brasilien bereits irgendwie, vorwiegend oder gar ausschließlich, für Brasilien bestimmt fühlten. Die Antwort war: fßku\! Tie Thatsache hat uns nicht zu beeinflussen." Und so sind wir mit voller Unbefangenheit an unsere Berathn::gen gegangen. Die Schwierigkeiten, welche wir dabei zu überwinden hatten, habe ich Ihnen in Folge eines dahin gehenden Beschlusses unserer Kommission rückhaltslos nlitzntheilen. Es ftnb die folgenden. Zunächst die kurze Frist, welche uns 31t unserer Thätigkeit gegeben war. Wir sind erst am 10. September gewählt worden; am H). September fand unsere erste Sitzung statt. Allerdings trifft die Leitung des geschäftsführenden Ausschusses nicht die geringste Schuld daran. Unsere ganzen Kräfte waren in der ersten Zeit durch den Transport und die Durchführung der Organisation in Deutschland in Anspruch genommen: dann traten die Ferien ein, es waren nicht die nöthigen Herren hier, u:n die Kommission zu bilden: in der ersten Sitzung, wo dies möglich war, geschah es auch. Ferner: wir haben insgesammt einer derartigen Aufgabe gegenüber keine praktische Erfahrung. Wohl haben nur uns natürlich insgesammt, ehe wir in die Kommission eintraten, bereits mit diesen Fragen beschäftigt und nauientlichdas ineist ventilirteKolonisationsprojekt, das palästinensische, ist Einzelnen von uns schon seit Jahren Gegenstand sorgsamer Beachtung gewesen, aber keiner von uns hat noch eitle Kolonie angelegt oder geleitet. Endlich aber war das Material, welches wir erhielten, ein völlig ungesichtetes, und was schlimmer, ein fast unbranchbares. Denn dieses Material bestand fast durchweg aus Offerten von den verschiedenstell Seiten, Anerbietungen aller erdenklichen Art. Die Eitlen botet: uns Land zum Ankauf an, die Andern wollten Städte für unsere Schützlinge gründen, wieder Andere — und ihre Zahl ist nicht allzu gering — eigene Staaten. Ein unkritisches Gennith hätte sich dllrch die Lektüre dieser Anerbietungen sehr leicht erhoben und zu einem ungestümen Glückgefülsi hingerissen fühlen können. Denn in allen stand: es sei ein Eldorado, tvas uns da angeb oten würde, und es werde uns nnr aus Menschlichkeit gegen geringes Entgelt angeboten; endlich aber war in: Gegensatz zu deil sonstige:: Berichte::, die uns zugekotutnen, tu allen diesen Offerten zu lesen, daß die eingeborene Bevölkerung sich herzlich danach sehne, endlich russische Juden zu erhalte::, daß sie ihnen mit weit geöffneten Armen entgegenharre. (Heiterkeit.) All die freundlichen Menschen stehen, so weit es von uns ab hängt, anch heute noch in dieser liebenswürdigen, aber unbequemen Stellung da. Denn Sie werden begreifen, daß wir, über diese seltene Sehnsucht verwundert, :nit doppelter Vorsicht an die Prüfung solcher Offerten gegangen sind. Und diese Vorsicht hat sich nie als liberflüssig erwiesen. Diese Schmierigkeiten haben wir nach beste:: .Kräften anszugleichen gesucht, vor Allen: durch unseren Fleiß — und der Fleiß ist ja nach Lessing eine Tugend, deren :nan sich rühmen darf, — ferner durch Heranziehung von geeigneten Fachleuten, deren in Berlin viele und ausgezeichnete zu haben sind, endlich aber dadurch, daß wir unsere Aufgabe von vornherein möglichst präeise abgrenzten. Die Aufgabe der Kommission haben wir etwa, wie folgt, umschrieben: Wir betrachten es nicht als unsere Aufgabe, definitive Beschlüsse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.