Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1891)
- Date
- 1891-11-20
- Page
- Seite 554 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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* --- ' -—- 554 —— ' ■ '■ " ' beut Siclluuftötücvfc nuferer unschuldig leidenden Bruder mitznwirken? Der Juden heit gegenüber, wo sie auch immer in Engniß und Bedrängnis; geräth, erweist sich jeder Jude als Stern; die Leidensnacht der grundlos Berfolgten, ans ihrer Heimath Verjagten will Jeder vott ttns erhellen mit dem Lichte seiner theilnehmenden und helfenden Liebe; wie aber steht's mit dem alten Segensworte in Bezug auf das Indent hum? Ist das nicht der stolzeste Ruhmestitel unserer Vergangenheit, das; zu aller Zeit unsere religiöse Gemeinschaft den Sternen glich, das; keine Macht der Welt, keine Lockung, keine Drohung, kein Sturrn tmb keine Sonne, nicht Roth noch Tod, sie abdrängen konnten von ihrer Bahn; wie die Planeten um ihre Sonne kreisen, so verharrten sie unwandelbar in den Geleisen, die Gott in der Sinailehre ihnen angewiesen. Woher aber flammte in letzter Linie dieses vielbewimderte Heldenthum? Nach meiner Meinung ist die tiefste Wurzel dieser unerschütterlichen Standhaftigkeit unseres Stammes darin zu suchen, daß zu aller Zeit unsere Gesamintheit von dem Bewußtsein erfüllt war, die heilige Lehre, für die wir so viel leiden mtd dulden, ist in Wahrheit die höchste Geistessonne; die Ideale, die sie attfstellt für Glauben und Leben, können tricht überholt und übertroffen werden. Wer von den Lesern dieser Blätter auch nur die elementarste Kenntnis; unserer Geschichte besitzt, der weiß, wie das religiöse Wissen früher gehegt und gehütet wurde; in ihm sah man mit Recht die unentbehrliche Rüstung für des Israeliten schweren Glaubelts- und Lebenskampf. „Das jüdische Herz", das man jetzt so oft rühmen hört und des; ja atlch wir, wo wir seinen alten und warmen PulLschlag vernehmen, uns innig erfreuen, dies jüdische Herz, — das ist's, lvas man heut leider so wenig beachtet — ist eine Frucht des jüdischen Gedankens, der klar erfassten jüdisch-religiösen Weltanschauung. Wie Licht nnb Wärme nach den Aussagen der heutigen Wissenschaft nur Erscheinungsformen nnb Offenbarungen sind einer und derselben Natnrkraft, wie Licht in Wärme sich verwandelt, so wird das jüdische Herz mit all' seinen Erbtugenden da stets zunt Borschein kommen, wo eines Jtlden Geist und Seele den Wahrheitsgehalt des Judenthntns früh erkannt und ergriffen hat. „Gewaffnet zogen die Ahnen aus Aegyptett". „Gewaffnet," bemerken sinnig die Alten, „gerüstet mit ihrer Wehr, ihrer Kenntnis; der heiligen Schrift, betraten alle früheren Geschlechter den Kampfplatz" — itnb heute? Wenn wir die letzten unseligen Opfer der in erschreckendem Maße tun sich greifenden Verschwendungssucht nad; dem Umfange, der Klarheit nnb Bewusstheit ihrer jüdisch-religiösen Weltanschauung befragt hätten — ob nicht, was sie uns geantwortet Hütten, deutlich gezeigt haben mürbe, daß sie ohne Wehr tmd Waffe der Religion in die Arena eintraten, in der sie, sich und uns zur Schmach so traurig geendet? In ben Erinnerungen eines Schriftstellers fand ich jüngst eirten Satz, der mich tief traurig stimmte — der ihn niedergeschrieben, gehörte nicht ztt unterem Religionsbekenntnisse — ich aber musste unwillkürlich an meine Glaubensgenossen denken, ich legte mir die Frage vor: wieviele unserer Jünglinge werden nicht so, genatt.so reben müssen, wenn sie auf ihre Jugend zurückblicken. „Wentt ich so lautet dieser Satz — den Garten meiner Kindheit durchwandere, so finde ich keine Blume, die die Religion in denselben gepflanzt hat." Trifft das nicht heut auf viele jüdische Eltern zu? Mit alten und niodernen Völkern, ihrer Sprache, Geschichte nnb Litteratnr, mit den mamtigfachsten Wissenschaften und Künsten wird uttsere Jugend früh vertraut gemacht; die heilige Sprache, zu deren Gunsten jüttgst, wie zu meiner und sicherlich Vieler Freude Sie letzthin berichteten, ein verehrter Schulmann so wann Plädirte, die üdische Geschichte, das reiche Schriftthum unseres Stannnes bleibt ihr fremd nnb verschlossen. Wollen wir tut* da wundern, daß das „jüdische Herz" intmer mehr verarmt üttb verödet, daß es all' die Tttgenden mehr und mehr verliert und einbüßt, auf die wir neben der Wohlthütigkeit bisher mit so berechtigtetn Stolze hinweisett tonnten? Man wende mir nicht ein, das; die intellektuelle Bildung nicht immer auch die Herzensbildung im Gefolge habe. Wahr ist an biefern Satze nur das „nicht immer". Weitaus in den meisten Fällen — das ist meine tlnmaßgebliche Meinung — wird dvr Kopf, der mit den rechten, reinen nnb erhabenen jüdisch-religiösen Gedanken erfüllte Kopf, seine Wirkung auf das Herz nicht verfehlen. Wett freilich bleibt dann immer itoch der Weg zur echten sittlichen That. „ist ja kein Weg so weit im ganzen Land, als der non Kopf und Herz zur — Hand." Doch diese vom Hause attsgehende Kräftigung und Stärkttng des sittlichen Willens führte mich auf das Gebiet der häuslichen Erziehung — davon, wenn Sie werther Herr Redaktettr, es gestatten, eilt ander Mal. Heut lag mir nur daran, die Eltern eindringlich zu. mahnen: versäumt und vergesset nicht euere Hauptpflicht gegen euere Kinder-- lehrt sie das Jttdenthmn kennen und ehren. — Das Judenthum kennen lernen — so sagte einer unserer edelsten Vorkämpfer — heisst es anerkennen. So führt euere Kinder nur früh genug unfercit Religionsschulen zu, zeigt ihnen, das; ihr diesem Unterrichte den Werth beileget, der ihm gebührt, und auch euere Söhne und Töchter werden den Sternen gleichen; wie der Juden heit gegenüber durch ihre warmherzige Brüderlichkeit, so attch dem Indent hum gegenüber sich stets bewähren burdj ihre Festigkeit im Glauben, ihre Reinheit und Lauterkeit im Leben und Streben. Die Kolonisationsfrage. Bon Karl Emil Franzos. Referat, vorgetr. in der Sitzung der Delegirtm-Kvüferenz vom 21. Oft. Meine verehrten Herren! Ter Bericht, welchen ich Ihnen Namens der.Kolonisations-Kommission, beziehungsweise jener Körperschaft, welche uns aus ihrer Mitte gewählt und beauftragt hat, unseres geschäftsführenden Ausschusses, zu erstatten habe, bezweckt durchaus nicht, die gesammte Frage der Kolonisation der russischen Inden in allen Punkten und bezüglich aller Länder, die hier in Frage kommen können, gleich eingehend und erschöpfend zu kritisiren und ktarzustellen. Der Zweck der Ausführungen, zu welchen ich beauftragt bin, ist viel bescheidener. Allerdings waren wir Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses von Anbeginn darüber einig, daß die schwere Pflicht, welche die Noty unserer russischen Glaubensbrüder allen Juden auferlegt, für unser Theil nur dann voll erfüllt sein werde, wenn wir uns nicht etwa nur auf den Transport beschränken, sondern auch für die dauernde Versorgung der Unglücklichen bemüht sein würden. Aber daß wir beiden Aufgaben in nicht gleicher Vollständigkeit und Ausschließlichkeit würden Nachkommen können, war uns von vornherein klar. Die geographische Lage Deutschlands legt die Last der ersten Fürsorge fast ausschließtich auf unsere Schultern; diese Aufgabe haben nur zunächst zu erfüllen, und wenn es sein müßte, wir allein. Anders die zweite, gleich dringliche, aber noch unendlich schwerer zu erfüllende Pflicht, für die Heimathlosen neue dauernde Heimstätten zu begründen. Sie liegt uns in keinem höheren Ausmaß ob als Andern. Ob nicht vielleicht sogar in einem geringeren Ausmaß?! Wohl wäre es menschlich — ja noch mehr: wohl wäre es durchaus nicht unwürdig gewesen, wenn wir unseren Glaubensgenossen in den anderen Kulturländern Europas gesagt hätten: „Theilen wir die Arbeit! Jene erste Aufgabe erfüllen wir allein für Euch Alle, erfüllt Ihr die zweite Aufgabe für uns mit!" Aber ich sagte schon: Dieser Gedanke lag uns von Anbeginn ganz fern. Denn unendlich groß ist die Noth; da darf Niemand glaubender thne genug; selbst der Fleißigste thut noch zuwenig. Ferner aber: wer, wie wir, die Unglücklichen zu befördern hat, wer sie täglich sieht, dem muß auch mit doppelter Wucht die Frage auf's Gewissen