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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-20 · Heft 47 (20.11.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 47 (20.11.1891)
Date
1891-11-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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55. Jahrgang. Nr. 47. Allgemeine Berlin» 20. November 1891. eitung des Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements--Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahrs. 3 M. Nedacteur: Gustav KarpeLes. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson-Bonn. Verlags-TrpMtion: GerUn, Lerusalemerftr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgeni. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3ltl)ftlt. Kettartikel r Randglossen zur Tagesgeschichte. — Die Kolonisationsfrage. Von Karl Emil Franzos. — Wiener Briese XIV. Von T. — Zu M. Joels Jahrzeitstage. — Wissenschaft lind Litteratur: Das Auge in Bibel und Talmud. Von Dr. Adolf Rosenzweig. (Schluß.) — Ludwig Philippfvn. Von Prof. Dc. Martin Philipvson. (Fortsetzung.)—Feuilleton: Der heilige Herr. Roman von Ferdinand Diessenbach. (Fortsetzung.) — Kitterarische Mittheilungen. Der «emeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Darmstadt, Gießen, Unter-Deilßstetten. Emmendingeu, Bielefeld, Hannover. Grätz. Schneidemühl, Allmstein. Wien. Budapest. Agram. Paris. Odessa, Grodno. — Bon Rah und Fern. — Sprechsaal. — Miscctten. Nandglossen zur Tagesgeschichte. Von einem hiesigen Prediger. Berlin, 17. November. Predigten sind in diesen Blättern bisher den Lesern nur selten geboten worden. Wir erinnern uns wenigstens nicht, außer den Reden, die Kollege Mahbamn bei besonders feierlichen Anlässen gehalten, Honiilien in der „Zeitung desIudenthums" begegnet zu sein. Und das mit vollstem Recht. Was die gesprochene Rede für den Hörer oft so eindrucks- und wirkungsvoll inacht, der geweihte Raum, die gehobene Stimmung, das ebcndige warme Wort: Das alles geht der gedruckten ab. So begründet mm auch, b: H. R., dieseJhre homiletischeEnthaltsamkeit ist,Betrachtungen, die unwillkürlich an die Kanzel erinnern, nur mit dem einen Unterschiede, daß ihr Inhalt durch seine Tiefe sich hoch über den Durchschnilt des üblichen Predigtinhalts erhebt, haben sicherlich auch solche Leser Ihres Blattes erfreut, die nicht eben zu besonderen Verehrern unserer heutigen Predigt gehören. Es sind, wie ich wohl nicht erst zu sagen brauche, die Artikel des allverehrten Prof. Steinthal, die ich im Auge habe. O, daß doch dieses Weisen herrliche Mahnungen — das ist meine Empfindung, so oft Sie einen Beitrag von diesem gefeierten Denker bringen — fiirtT könnte man sie angesichts des eigensten Forschungsgebietes dieses Philosophen nennen — von Alt und Jung in unserer Mitte gelesen und beherzigt würden! Wie bedenklich aber es auch ist, meine bescheidene Glosse zur Tagesgeschichte mit einer Erinnerung an Stcinthal einzuleiten, der innige Dank dafür, daß solch ein Mann von seinem jüdischen Herzen zu solcher Mitarbeit an diesen Blättern getrieben wird, und das Verlangen, diesem von Vielen sicherlich warmempfundenen Dankgefühle einen lauten Ausdruck zu geben, sie sind stärker in mir als die Furcht, mich mit dem Maßstabe gemesien zu sehen, den man an Steinthalsche Elueubrationen anlegt. Was mich nun, den, wie Sie, v. H. R., wohl Misten, wenig Schreibseligen zum Niederschreiben dieser Zeilen bewegt: es ist die Indignation, die ja nach dem bekannten Worte auch zur Muse wird des Dichters. Verse freilich hat die Entrüstung über die jüngsten Vorkommnisse in unfern Reihen mir, dem von der Natur nur mit der Gabe der dichterischen Anempfindung Bedachten, nicht eingegeben; nur von dem Verse will ich reden, den sich jeder wahre Jude zu solch einem Ereignisse selber macht, wenigstens machen könnte und müßte. Entrüstung — in dem einen Worte liegt die Haupignelle aller beklagenswerthen Erscheinungen unseres religiösen Lebens. Alles, worüber jeder echte Freund des Jndenthums gerechte Entrüstung fühlen muß, hat seine letzte Ursache darin, daß es inehr und mehr an der sittlichen Rüstung fehlt, ohne die wir den Versuchungen nicht Stand halten können, die der täglich schwieriger werdende Kamps mns Dasein unleugbar steigert und erhöht. Nach Abrüstung der mächtigen Heere rufen und sehnen sich alle Friedensfreunde in aller Welt: nach innerer idealer, moralisch religiöser Rüstung unserer Jugend Alle, in allen Bekenntnisse», die der Znknnft gedenken und ihrer unausbleiblichen Gefahren, wenn das Heranwachsende Geschlecht nicht bester geschult wird für den lebenslangen „Heeresdienst des Menschen auf Erden". Wie aber kommt mau heut in unseren Reihen dieser höchsten Verpflichtung jeder Gegenwart, die Zukunft vorzubereiten, nach? „Sieh gen Himmel", so spricht Gott zu Abraham, „wie die Sterne des Himmels werden deine Nachkonnnen sein"; nach einer Seite hin ist das alte Segenswort noch heute aller Juden Wahl- und Losungswort. Wohl hat der alte Tarschan eine Kühnheit gewagt, als er in der bekannten jesajanischen Schilderung des Sternenhiinmels das ns psKI Ü’JIK ans nicht auf Gott, sondern auf die Sterne bezog; aber wahr, unbestreitbar wahr und durch die Geschichte erhärtet ist der Gedanke, den er in des Propheten Ansspruch hineingedeutet: „wie keiner von den kleinen Sternen droben auf die großen weithinstrahlenden Weltkörper sich verläßt, wie jedes von den unzähligen winzigen Himmelslichtern droben zur Erhellung und Erleuchtung der Welt sein bescheiden Theil beiträgt, so hat stets unser Stamm den Sternenhimmel sich zum leuchtenden Vorbildc gelvählt, so hat auch in unserer Mitte das Bewußtsein der Verantwortlichkeit, das Gefühl der Pflicht, sich dem Ganzen zu weihen, auch den schlichtesten und kleinsten Mann stets beseelt, so hat auch der wenig Bemittelte mit seiner Spende darum nicht znrückgehalten, weil doch seine Gabe keinen Vergleich aushält mit den Opfern, die unsere Reichen stets freudig für die Gesammtheit gebracht haben." Wer den Bericht,denSiejüngstüberdieDelegirtenversammluiig beröfscutlicht,aufmerksam gelesen, derdurfteund mußte sich sagen: Wo auch immer der Fanatismus desGlaubens- und Rassenhaffes über die Inden herein bricht, da erfüllt sich die alte Verheißung, „gleich den Sternen wird dein Samen sein". Millionen legte ein nicht genug zu rühmender hochherziger Mann auf den Altar der Bruderliebe nieder; hat aber die von Fürsten und Völkern allüberall nach Gebühr und Verdienst gepriesene Großthat des Edlen die mäßig Begüterten abgehalten, auch ihrerseits an

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