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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-13 · Heft 46 (13.11.1891) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 46 (13.11.1891)
Date
1891-11-13
Page
Seite 3 (sequence 27)
Language
German
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3 sind, alljährlich eine recht nette Summe an das Provinzial-Komitee abzuführen. 'Möchten viele kleinere resp. mittlere Gemeinden diesem Beispiel folgen und der: überall gebildeten Provinzial - Komitees sich anschließen, dann wird der schöne Erfolg sicher nicht ansbleiben. W. Elberfeld, 10. November. Vorigen Mittwoch Abend eröffnete der vor etwa Jahresfrist hier ins Leben gerufene „Mendelssohn-Verein" seine Wintersaison. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Hermann Strauß, welcher die zahlreich erschienenen Damen und Herren begrüßte, konnte erfreulicher Weise konstatiren, daß der Verein schon während seines kurzen Bestehens innerhalb drr Gemeinde großen Einklang gefunden habe, so daß die Mitgliederzahl, die bei Gründung des Vereins ca. 30 betrug, jetzt schon auf 140 gestiegen sei, wodurch es den: Vorstand ermöglicht wurde, zur heutigen Sitzung einen hervorragenden auswärtigen Redner, ben Herrn Schriftsteller Dr. Adolph Kvhut aus Berlin, zu berufen. Der Vorstand wolle es sich auch für die Folge angelegen sein lassen, alles Mögliche zu thun, den Verein zu förbevu und alle Vereinsabende anregend und interessant zu gestalten, was ihn: wohl schon dadurch nicht schwer fallen würde, da der Herr Rabbiner Dr. 'Auerbach bereitwilligst zugesagt habe, sich, wie in den: abgelaufenen Vereinsjahre, auch fernerhin für den Verein zu interessier:, Vortrüge zu halten und an den in den Vereinssitzungen stattfindenden Diskussionen sich belehrend zu betheiligen. Rach den: der Vorsitzende die Mitglieder noch gebeten, sich recht zahlreich zu den fermerer: Vereiussihungen einznfinden, ertheilte er denr Herrn Dr. Kohut das Wort zu seinem Vortrage über „Alexander von Humboldt und das Judenthum". In geistreicher und fesselnder Weise behandelte nun der Vortragende in mehr als einstündiger Rede dieses Thema, so daß die ansehnliche Versammlung, die dem Vortrage in gespannter Aufmerksamkeit gefolgt war, der Aufforderung des Vorsitzenden — durch Erheben von den Sitzen den: Herrn Dr. Kohut ihren Dank für seinen vortrefflichen Vortrag zu bekunden — freudig nachkam. Für die Folge werden die Sitzungen des Vereins wieder regelmäßig alle 14 Tage in: Vereinslokale abgehalten werden. Hoffen wir, daß das Interesse für den Verein innner mehr erstarke, damit er das vorgesteckte Ziel: „Pflege und Förderung aller das Jndenthunr interessirenden Angelegenheiten, besonders der Kenntniß der jüdischen Litteratur" voll und ganz zu erreichen im Stande ist! * Osnabrück, 19. November. Seit einiger Zeit schenken die Antifent11eit dem Lande Hannover rege Aufmerksamkeit; besonders unsere Stadt und Hildesheim werden mit häufigen Versammlungen bedacht, und die dabei der Centrumspartei an den Kopf geworfenen Artigkeiten lassen schließen, daß es nach dieser Seite hin auf Simpelfang und vielleicht noch auf mehr abgesehen ist. Vergebliche Mühe! Gestern sprachen hier laut „Köln. V.-Ztg." Dr. König (Witten) über die „Verjudung der Justiz" und Dr. Daneil (Bielefeld) über den „Existenzkampf des Mittelstandes". Hierbei äußerte Letzterer: „Es sei eine Schmach, daß Sozialdemokraten und Juden geduldet würden, während Jesuiten vertrieben blieben, derer: Zurückrufung mm: befürworten müsse u. s. w." Das „W. Vb." fügt chinzu: Wer merkt da nicht die Absicht und wird verstimmt! Auch in Bielefeld fand eine Antisemitenversamnrlung statt, die nicht den geringsten Anklaug in der dortiger: Bürgerschaft gefunden hat und init einen: Masco endete. Fraulrrrich. * Carpentras, 3. November. Zur hundertjähriger: Feier der Vereinigung der Grafschaft Venaissin mit Frankreich haben Feste in Carpentras stattgefunden, an welchen Herr Constans, der Minister des Innern, theilnahm. Der Minister hat der: ersten Steirr zu eir:en: Rath Haus gelegt, welches auf der Stelle des alten Ghetto gebaut werden soll. Bei dieser Gelegenheit hat Herr Michel, Abgeordneter rn:d Bürgermeister vor: Carpentras, eine Arffprache gehalten, der wir Folgendes entnehmen: „Auf diesem Theil unseres Geburtslandes, wo wir in dieser:: Augenblick vereinigt sind, machte sich besonders das Bedürfnis; nach Freiheit fühlbar: grade.auf diesem Platze, wo Tausende vor: Personen sich heute rrach Belieben bequem bewegen und athmen können, befand sich die verpestete ur:d ungesunde Schlammgrube, in welcher ein strenges Ausnahmegesetz die zahlreiche israelitische Bevölkerung zusammer:gehäuft und eingepfercht hatte, losgetrennt vor: der: übriger: Mitmenschen. Eine der letzten Thater: der Volksvertretur:g der Grafschaft bestand darin, die erniedrigenden Zeichen abzuschaffen, welche die israelitische Bekleidung befleckten. Sie durfter: endlich das Leben der Andern führerr, zu Pferd ir: die Stadt einziehen, Herren ihrer Bewegung sein, rvie ihre Mitbürger. Diese Menschen, dener: rnan nichts vorwerfer: konnte, als ihre Anhänglichkeit an Glaubenssätze, welche vor: denjenigen der Mehrheit der Bevölkernr:g abweichen. Unsere Väter Haber: die Israeliten in alle ihre Menschenrechte wieder eingesetzt; unserer Generation blieb es Vorbehalten, die Sparer: der ehemaliger: .Knechtschaft gänzlich zu vernichten. In der Thal, grade auf der Stelle, wo die Parias unserer Gesetze, rrach dem Völkerrecht unsre Brüder, rrrrgerecht litten, stehen Sie, Herr Mirrister, im Begriff, derr Grundstein zrrrr: künftigen Gemeindehause zu legen." Nußlnud. R H. Riga, 2. November. Die Nr. 30 der Allgemeinen Zeitung des Jndenthums bringt einer: sehr beachter:swerthen 'Artikel vom Justizrath Herrn H. Mako wer, mit der Ueberschrift: Die russischen Inden. Es ergeht in demselben ar: uns, russische Inden, der Mahnruf, nicht auf Andere unsere Hvffnur:g zu setzen, nicht auf fremde Hilfe zu warten, sondern ir: der Selbsthilfe unser Heil zu suche::. „Besser" sollen wir werden, „wohlerzogen, gesittet, gebildet und tüchtig dazu", wir sollen „die schlechten Gewohnheiten beseitigen, welche uns verhindern, ir: Tracht, Benehmen und Sitten der: Völkern uns zu nähern, unter welcher: unlieben", wir sollen,„das freiwillige (?) Absperrnngsspstein ausgeberr." Jeder denkende russische Jude begreift gar wohl die Richtigkeit und Wichtigkeit obiger Prinzipien, demgemäß haben auch alte ir: Rußland erscheinenden, speziell jüdischer: Organe in der: letzter: Jahren mit Fleiß und Nachdruck gewirkt. So hat die in St. Petersburg in russischer Sprache erscheinende jüdische Zeitschrift Woschod «Aufgaugj seit den zehr: Jahren ihres Bestehens unentwegt mit Begeisterung ur:d wahren: Feuereifer die vor: Herrn Mako wer ausgesprochener: Ansichten vertreten. Die besten und berufensten Feder::, sowohl jüdische als christliche, Haber: ir: diesen: Blatte mit ihrem Herzblut geschrieben und auf jede mögliche Weise für die Hebung und Aufklärung der jüdischer: Massen gekämpft und gearbeitet. Aber was hat das geholfen? Was helfen uns die weiser: und wohlmeinender: Rathschläge hochherziger und edler Männer, wenn die Ausführung und Bethütigung derselben bei gegebener: Verhältnissen rein unmöglich ist? Wer das Leben der russischen Inder: in der: unzähliger: kleiner: Städter: und Flecken des großer: Ghettos, des unseliger: 'Ansässigkeitsrayons kennt, den: wird es auch einlenchten, daß jede geistige ur:d moralische Hebung dieser großer: Volksmassen unmöglich ist, so tar:ge ir: sozialer und ökonomischer Hinsicht keine Besserung Antritt Die Arrnnth und das Elend ir: allen dieser: Ortschaften spotten jeder Beschreibung. Hunderte von blassen, hohläugigen Gestalten, meist Handwerker ur:d 'Arbeiter, schleiche:: tagsüber auf der: Straßen umher nach irgend einer 'Arbeit, einer): Verdier:st suchend, um sich und die Ihriger: vom Hungertode zu retten. Aus jedem Gebiet übertrifft das 'Angebot von Arbeitskräften die Nachfrage wohl um das Zehnfache. Aus eine schreckliche Weise znsammer:gepfercht, ohne Aussicht auf Erleichterung, fristen diese Armen und Aermster: hungernd und frierend ein unsäglich elendes Dasein. Aus allen Dörfer:: des ganzer: Reiches, aus aller: Ortschaften, welche innerhalb fünfzig Werst von der Westgrenze liegen, und ans der:: ganzer: Gouvernement Moskau, der gleichnamigen Stadt mit inbegriffen, werden nunmehr alle Juden nüt einem Eifer ausgewiesen, der einer bessern Sache würdig gewesen wäre. Wer vor: diesen Unglücklicher: das Vaterland nicht verlassen will, muß nachdem ohnehin übervölkerter: Ansäßigkeitsrayou und jeder neue Ankömmling vergrößert das Elend in den: betreffenden Orte. Jüdischen Har:drverkern, die sich mit ihrem Fache befasse::, gestattet zwar das Gesetz, sich auch außerhalb des Ansässiigkeitsrayons (mit Ausnahme von Sibirien, der asiatischen Besitzungen und des Gouvernements Moskau) anzusiedeln, jedoch ist ein solches Unternehmen mit so großer: Kosten nnb Schwierigkeiten aller Art verbunden, daß nur verhältnißmäßig Wohlhabende eine Nebersiedelung nach der: inneren und östlicher: Gouvernements, wo mehr Arbeit zu finden ist, bewerkstellige:: können. Die meisten Gemeinden sind zu arm, um eine Schule unterhalten zu können, und selbst wenn dieses auch geschehen könnte, so ließe sich doch aus Kinder::, die ewig hungrig sind, die vielleicht in ihren: ganzen Leben keinmal satt geweser:, nichts Gescheidtes u:acher:. Mit derr: sogenannten „Lernen" befaßt sich nur ein ganz geringer Theil, ur:d selbst den C'heider besucher: die Kir:der armer Leute rmr so larrge, bis sie beten und -im besten Falle den Pentateuch übersetzen können. Den Talrnud

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