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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-13 · Heft 46 (13.11.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 46 (13.11.1891)
Date
1891-11-13
Page
Seite 2 (sequence 26)
Language
German
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ehrte ihn die 8labt buvd) Verleihung des Ehrellbürgerrechls: iiüeressiren dürfte auch die Thal suche, daß er, nach der V. []., der erste jüdische Physikus war, denn schon 1848 übernahm er interimistisch, 1841) endgültig das PHysitat seines Heimathkreises. Ein größeres Verdienst erwarb er sidstdurch die Reise n achO b er sch lest e rü 1848 zur ßeit des dort grasfirendeil Ftecktnphlls als Leibarzt des Standesherru Karl Prinzen voll Curland — eines der edelsten Menschen, der sein Leben dem Gemeinwohl weihte, und leider, in Oberschlesien angesteckt, anr Tnvhus in Breslau starb — und beauftragt von dem Kornitee zur Bekämpfung der Epidemie, an dessen Spitze Karl Prinz Birou von Eurtand, Professor Kuh lmd Fürstbischof Kardinal von Diepenbrock standen, errichtete er in Oberschlesien Kraukenunb Waisenhällser, Speiseanstalten, Begrabnistplatze, zog er Kollegen hin zum Ersatz für die erkrankten oder verstorbenen Aerzte und bot im Verein mit Anderen Alles auf, das grenzenlose Elend zu lindern. Trotz eines arbeitsreichen Lebens erfreute sich der Jubilar bis jetzt seltener körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische: leider mußte er sich vor einigen Wochen einer größeren AiMnoperation in der Klinik des Herrn Geh. Rath Schweigger unterziehen, die aber gut abgelanfen ist: hoffentlich ist dem früher so arbeitsfreudigen Manne, der eine lauge Reihe von Jahren schwierigster Berufsthätigkeit hinter sich hat, jetzt noch eine längere glückliche Muße beschieden! * Vertut, 8. November. Große Anstrengungen macht Herr Böckel, um den durch den Abg. Dr. Bamberg er im Reichstage vertretenen Wahlkreis Bingen-Alzen zu erobern. Böckel ist „entschlossen, den .Kampf gegen Bamberger aufzimehmen, und er, der so manchen für unbesieglich gehaltenen Gegner zu Boden geworfen, wird auch mit dem Juden Bamberger fertig werden . . . — Es gilt ein Werk, daß des Schweißes der Edlen werth ist." — Tie Antisemiten in ganz Deutschland ruft er zur Hilfe: es müsse unaufhörlich gearbeitet werden, damit „wir bei der nächsten Wahl eineil der gefährlichsten mib für unser Volk verderblichsten Juden aus dein Reichstage entfernen." — Tb man's nicht zur besseren Garantie vielleicht mit einem anderen .Kandidaten versuchen sollte, etwa Ahlwardt oder dem aus Fürth ansgewiesenen Webers H. Schwedt, 3. November. Ter gestrige Jubeltag des Herrn Rabbiner Kllttner brachte dem ehrwürdigen Greise zahlreiche Ovationen. Früh schon wurde er durch ein Ständchen geweckt: bald darauf cvfctjieu der Kalltor und Religionslehrer mit den Kindern der ReligionSschnle, die liach Absingullg des Psalms 150 und Vortrag des Festprologs dem Jubilar in einfachen Worten ihre Gratulation darbrachten. Später fanden sich die Vertreter der Spnagogen-Gemeinde ein, die ihren innigen Tank und Glückwunsch llnter Ueberreichung einer Adresse, sowie eines Ehrengeschenks abstattetell. Talln tarnen die Vertreter der städtischen Behörden und drückten ihre Gefühle der Hochachtling aus. 'Aachmittags 4l/2 Uhr fand in der Synagoge Festgottesdienst statt, Nach denn Vortrage einiger Gesänge mit Harlnoniulnbegleitung bestieg der Senior des Berliner Rabbinats, Herr Dr Ungerleider, die Kanzel ultd hielt die Festrede. Seine Oiede, all die Worte: Es ward Licht! anlehnend, schilderte er in geistreicher Weise den Lebenslauf und die Verdienste des Jubilars und schloß lniteinem Gebete für Kaiser, Vaterland und die Stadt Schwedt. Hierallf folgte ein Tankgebet des Jubilars. 'Aach eineln Gemeindegesange endete diese Feier. 'Auch die Regierilng hatte voll bem Feste Kenntnis; genommen, mld Seine Majestät der .König hat die Verdienste des Jubilars durch Verleihung des Königlichen Kronenordens IV. Klasse geehrt. * Marburg, 10. November, lieber die hier seitens des „Vereins zur 'Abwehr des Antisemitismus" am 20. October veranstaltete Versalllilllnng erstatten die „Mittheilungen" dieses Vereins einen Bericht, dem wir Nachfolgelldes entnehmen: Es warell über 1000 Personen aus allen Schichten der Bevölkerllng anwesend: auch der.Kurator der Universität llnd der Rector magnificus, sowie zahlreiche Notable der Stadt hatten sich eingefunden und begrüßten Herrn Lic. Gräbner, welcher der ml ihn ergangenen Einladung gefolgt war. Kaum war an; Sonntag vorher die Bekanntmachung seitens des Vereills veröffentlicht, so hielt die Gegenpartei einen Kriegsrath, was zu thun. Dr. Böckel wollte anfalrgs der Versanlllllung fern bleiben, jedoch zwangen ihn feine Leute, tin derselben Theil zu nehmen: er rief aber noch seinen Adjutanten, den Abg. Werner alls Kassel zu Hilfe. Gleichzeitig hatte er seine Boten auf die Dörfer entsendet und seine Anhänger aufgefordert, Mann für Mann zu erscheinen, da man ihm seinen Wahlkreis streitig machen wolle. Der Professor der Philologie an der Universität, Dr. Stengel, präsidirte der Versammlung. Lie. Gräbner sprach etwa zwei Stunden, ausgehend von dem bevorstehenden Gedächtuißtage der Reformation, all dem Lllther jene 05 Sätze all die Schloßkirche zu Wittenberg geschlagen. Diese Sätze beginnen mit dem Allfruf zur Buße. Luther habe die Reformativll mit der Buße begonnen. Wolle man heut reformiren, wie ja auch der antisemitische Reform-Verein in Marburg wolle, so müffe man auch mit der Buße allfallgen. sticht diesen oder jenen, nicht die Juden dürfe matt verantwortlich machen für das soziale Elnde der Gegeilwart. Der Dichter, der einst imfer Volk zu neuer Vaterlandsliebe lllld nationaler Kraft begeistert, habe gesungen: „Wir haben Alle schwer gesündigt." Redner beleuchtete die verschiedenen antisemitischen Richtungen llnd gelangte zu dem Resultat, daß die christlich-soziale Partei, von der der Antisemitismus feinen 'Ausgang genommen, bereits abgewirthschastet habe. Hofprediger Stöcker fühle das offenbar selbst; denn er suche 'Anlehmnlg all die sogenannte deutsch-soziale Partei llnd habe auch in Breslau bei einem Vortrage zum Eintritt in dieselbe, deren Führer bekanntlich der Abg. Liebermann von Sonnenberg ist, aufgefordert, dasselbe Geschick stehe der antiseillitischen Volkspartei früher oder später bevor. Eine solche Beweglmg könne unmöglich voll dauerlldenl Bestand sein- Die 'Antisemiten versuchten Anfangs zu ftöxen, und nur mühsam kowlte der Redner bei dein Lärm sich Gehör verschaffen. Allmählich aber wurde die Bersanlinliulg ruhiger, der Redner wußte die Hörer so zu fesseln, daß sie ihre Parole, Lärm zu machen, gänzlich vergaßen und gespanrlt zuhörtell. Der Vorsitzende bat, obgleich sich Freunde unseres Vereins zuerst znm Worte gemeldet, zu Gunsten des Dr. Böckel vorerst daraus zil verzichtell. Ter Letztere natgu das Wort. Seine Aussi'chrnngeu enthielten nur persönliche Insulte gegen den Vortragenden, so daß Lic. Gräbner dem Redner zurief: „Das ist unverschämt." Gleichzeitig rief der Vorsitzende den Tr. Böckel wegen solcher Kampfesweise zur Ordnung. Darüber erhob sich seitens der Antiselniten ein solcher Tutnult, daß der Vorsitzende die Versammlung schloß. Dr. Böckel schnaubte Wuth und Rache. Dem Vorsitzenden, der sein Universitätslehrer gewesen, erklärte er, er habe für ihn nur Verachtung. Ein Jurist, ben er für sich interessiren wollte, erwiederte ihln: „Sie haben weder die Formen des gewöhnlichen, noch die des parlamentarischen Allstandes beobachtet." So zog Dr. Böckel, der zweite Luther, wie er sich ill feinem „Reichsherold" einmal nennen ließ, ab, den Rnhtnestrauz, mit dem er sich fast ill jeder Nummer seines Blattes schmückt, mühsaln znsammenhaltend. -j- Fürth, 10. November. Die hiesige Stadt gehört zu jenen, in welchen das Verhältnis; der Israeliten zu ihren christlichen Mitbürgern selbst in der Hochfluth des Antisemitismus ein durchaus friedliches geblieben ist. Um so mehr ist man hier empört über das Treiben des Redakteurs des „Freien Beobachter" und „Begründers des süddeutschen antisemitischen Volksbund", Johann Adam Weber hier, dessen in Nr. 44 d. A. Z. d. Judeuth. Erwähnung geschieht. Was von dieser „Zierde des Antisemitisnms" zu halten ist, erhellt ans der Sitzung des hies. Magistrats vom 29. Oktober er., in welcher die Ausweisung W.'s behandelt wird. Der Referent, Herr Rechtsrath Kaufmann, äußerte: Weber ist von; obersränkischen Schwurgericht zll 2 Monaten Gefängniß wegen Vergehells gegen die Sittlichkeit verurtheilt und feine Revision verworfen worden. Diese Bestrafung bietet die Handhabe zur Ausweisung. W. ist 28 mal vorbestraft, darunter 3 mal wegen Vergehells gegen die Sittlichkeit, 1 mal wegen Vergehells gegen die Religion ilnd 1 mal wegen Betrugs. W. ist Herausgeber einer Zeitschrift, die in jeder Nummer den Klassenhaß gegen einen hochachtbaren Theil der Bevölkerung in dämonischer Weise predigt llnd hiezu unbebentenbe Familienereignisse in aufgebauschter Weise benützt. Daß dieses Skandalblättchen auch ill Preußenfresserei und Pornographie macht, hat Ihr Berliner Korrespondent bereits erwähnt. Lübbecke i. Westfalen, 11. November. In unserer Gemeinde hat sich kürzlich auf Anregung des Provinzial-Komitees in Bielefeld ein Lokal Komitee zu Gunsten der russischen Flüchtlinge gebildet, dessen Mitglieder sich zu einem bestimlllten Beitrage, sei es in monatlichen oder vierteljährlichen Raten, verpflichten. Auf diese Weise werden wir der Mühe uberhvben, die bisher üblichen Haussammlurlgen abzuhalten, welche bei häufiger Wiederholung das Interesse für die gute Sache schmälern und abstumpfend wirken, und außerdenr lvird ein viel besserer ilnd sicherer Erfolg erzielt. Sehr erfreulich war es zu sehen, daß auch nicht ein einziges Gemeindemitglied hier sich von dem Liebeswerke ausgeschlossen, sondern Jeder gern und freudig gegeben hat, so daß wir im Stande

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