Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1891)
- Date
- 1891-11-13
- Page
- Seite 4 (sequence 28)
- Language
- German
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4 kennt die Masse fcxunt dem Namen nach. Der Wissensdrang ist zwar in allen Schichten mächtig erwacht, selbst der Aermste würde sein Kind gern was Ordentliches lerne:: lassen, wenn er nicht gezwungen wäre, sich sein Kind so schnell als nur immer möglich vom Halse zu schaffen. Zur Jllustrirung des eben Gesagten diene folgendes Beispiel. Die hiesige israelitische Gemeinde gehört zu beit reichereil in Rußland und unterhält schon seit mehr denn fünfzig Jahren eine Freischnle für arme Kinder beiderlei Geschlechts. Dennoch ist die Armuth auch hier so groß, daß die meisten Eltern ihre Kinder nicht rnehr als 1—2 Jahre auf der Schule halten können, weshalb denn auch die vierte (unterste) Klasse der Knabenschule ea. 170, die dritte bloß 60, die zweite nur 25 und die erste gar 15 Schüler hat. Der Raununangel und die hieraus entstehende 2(mut sind an Allein schiild und so lange hierin keine Äilderung eintritt, ist uns eben nicht zu Helfer. Das Emigrationsfieber, welches im verflossenem Sommer so rapid iliii sich gegriffen hatte und zum Teil noch fortdauert, wurde durch die von den verschiedenen deutschen Komitees in so aufopfernder Weise geivährte Unterstützung mix noch rnehr genährt. Es flüchteten aber größtentheils nur solche Leute, die eben nichts zu verlieren hatten. Wie jede unnatürliche Erscheirnlilg, so wird auch diese sinnlose, sich überstürzende Auswanderung bald aufhören und. Dank den Bemühungen des hochherzigen Baron Hirsch rntd seiner Mitarbeiter, einer geordneten, plannräßigen Platz machen. Eirre solche würde doppelt heilbringend sein, einmal weil sie vielen hungernden Arbeitern die Möglichkeit geben würde, redlich ihr Brod zu verdienen, und dann, weil sie durch Befreiung des Marktes von überflüssigen Händen Angebot und Nachfrage in ein besseres Berhältniß bringen würde. Da es doch ein Ding der Unmöglichkeit ist, fünf Millionen Menschen nach einer anderen Gegend zu verpflanzen, so wird das Gros der russischen Juden doch in Rußland bleiben müssen. Im Allgemeinen hoffen wir wenig auf Hilfe von außen, sondern fügen tms in unser trauriges Geschick, von der Hoffnung beseelt, daß unsere hohe Regierung der Judenfrage dereinst eine günstigere Lösung geben und uns Freiheit und volles Bürgerrecht verleihen wird. Dann erst, und nicht vorher, werden wir an Selbsthilfe denken können. U Von Mab und Fern. 7 7 Dem Rentier Htm. Valentin Weisbach ist der Königliche Kronen-Orden vierter Klasse, dem Geheimen Kommerzienrath Hrn. Simon Cohn der Kronenorden dritter Klasse verliehen worden. — Sein siebzigjähriges Doktorjubiläum feierte in voriger Woche der Geheime Sanitätsrath Dr. Martin Steinthal. Ein solches Fest ist kaum je zuvor begangen worden. Steinthals Promotion fand am 5. November 1821 in Berlin statt. — Das Berliner Nabbinerseminar (Hildesheimer) wird gegenwärtig von 50 Hörern besucht, darunter 17 Ausländern. — Hrn. Ahlwardt, der neue Held der Antisemiten, ist wieder etwas Menschliches passirt. Er hatte kürzlich das Bekenntniß abgelegt, daß er seit dem Jahre 18 76 ein überzeugter Antisemit sei. Nun kommt aber der „Vorwärts" und publizirt ein vom 0. Februar 1885 datirtes „vertrauliches Bittschreiben", welches von dem damaligen Geh. Hofrath Manche, eurem israelitischen Bankier, einem freisinnige:: Redakteur und einigen anderen Herren an wohlwollende Menschenfreunde erlassen worden war, und in welchem zu mildthätigen Gaben für Ahlwardt aufgefordert wird. — Aus Köln wird gemeldet, daß von antisemitischer Seite sogar Reichskassenscheine mit einem Farbenstempel: „Die Juden sind unser Unglück" versehen werden. Num die Herren haben's ja dazu. — Die nltrarnontane Köln. Volkszeitung schreibt: „Unverkennbar tritt die antisemitische Agitation gegenwärtig in Berlin und auch „in der Provinz" mit erneuter Lebhaftigkeit auf. Man wird dieses Symptom nicht unbeachtet lassen können. Hoffentlich bleiben die katholischen Laudestheile, wie bisher, von dieser Bewegung verschont, welche wir, von allen anderen Bedenken abgesehen, nur dahin charakterisiren können: „ Viel Geschrei und wenig Wolle! " d. h. viel Erregung von Leidenschaft bei der Volksmasse, wenig positive Arbeit zur Beseitigung der thatsächlich vorhandenen Mißstände." Die leitenden Kreise des Ultramontanismus haben nicht immer so gedacht. — Auch die Dresdner Antisemiten haben mit ihren „hervorragendsten Größen " entschiedenes Pech. Der ehentalige antisemitische Landtagsabgeordnete, Bezirksingenieur Bartholomäus, hat sich vergiftet, weil seine Verhaftung bevorstand und ihm eine beträchtliche Freiheitsstrafe drohte, wie sie der Paragraph des Strafgesetzbuches festsetzt, der von Unzucht mit Minderjährigen handelt. Sein Vorgänger in diesem Landtagsmahlkreise, der ebenfalls antisemitische Rechtsanwalt Robert Schnndt, der seiner Zeit den langjährigen verdienstvollen Vizevorsteher der Stadtverordneten und Vertreter dieses Wahlkreises, den rein makellos dastehender: Rechtsanwalt Eutil Lehmann, im Wahlkampf schlug, hakte merkwürdigerweise auch das „kleine Malheur", wegen bedeutender Unterschlagung er: in: Amt eine lärrgere Freiheitsstrafe zu verbüßen. — In Bielefeld erläßt eine Anzahl christlicher Bürger einen entschiedener: Protest gegen das rreuerliche Hineintragen der antisemitischen Bewegurrg ir: die Kreise der dortiger: Bürgerschaft. — Zum Coöxaminator beim zweiten medizinischen Rigorosum an der deutschen Universität in Prag wurde für das Studienjahr 1891—92 der ordentliche Universitäts-Professor Dr. Arnold Pick und zu dessen Stellvertreter der außerordentliche Universitäts-Professor Dr. Alois Epstein, ebenso rvurde zum Stellvertreter des Cotzxaminators beim dritten medizinischen Rigorosum der außerordentliche Universitäts-Professor Dr. Philipp Josef Pick ernannt. — Zum Rabbiner in Brnr wurde Hr. Dr. Adolf Biach, bisher Rabbinatsverweser in Pilsen, erwählt. — Der bekannte Begründer der judenchristlichen Sekte in Südrußland, R. Rabbinowitsch, treibt, wie berichtet wird, zur Zeit sein Misstonsunwesen in B n d ap e st. — Der Herzog von Vallombrosa in Paris beantragte die Entmündigung seines Sohnes, des Marquis de M o r e s, welcher sich als Antisenrit und Arbeiterführer versucht hat. — Während seines Aufenthaltes in Amsterdam besichtigte der Kronprinz von Italien die ehrwürdige portugiesische Synagoge, wo er über eine Stunde blieb. Hierauf besichtigte er die portugiesische Schule, Ez Ghaim, wo er die berühmte Bibliothek, die durch die Herren Montezinos dem Institut gespendet wurde, einer genauen Besichtigung unterzog. Die Bibliothek enhält zahlreiche italienische Werke, die auf die italienische königliche Familie Bezug haben. — Die Sammlung der enlischen Juden für die russischen Flüchtlinge hat bereits die Höhe von 1,500,000 Mark erreicht. — Inder französischen Kammer kam es am 29, Oktober zu einem durch den bekannten Deutschenfresser Deroulede veranlaßten Disput antisemitischen Charakters mit dem Deputirten Dreyfuß. — Eigenartigen Besuch empfingen jüngst die jüdischen Wohlthätigkeitsinstitute in Paris. Der Prinz Damrong, der Bruder des Königs von Siam und Ministerpräsident dieses Reiches, besichtigte dieselben, darunter auch das Rothschild'sche Waisenhaus. — Den Juden, welchen der Aufenthalt in Kiew gestattet worden war, weil ihre Kinder die dortige Universität und das Gymnasium besuchen, wurde nunmehr mitgetheilt, sie müßten in kürzester Zeit die Stadt verlassen. — Die Kölnische Zeitung meldet aus Petersburg: Auf dringenden Wunsch des Finanzministers wurde das von einer besonderen Kommission als neue Reichsrathvorlage bearbeitete Judengesetz vor« läufig zurückgestellt. Wir vermögen jedoch an diese Notiz, selbst wenn sie sich bewahrheiten sollten, noch keine weitgehenden Hoffnungen zu knüpfen. — Dieser Tage veröffentlichte die „Now. Wr." namens des Kommandanten der Festung Jwangorod eine Annonce bezüglich Fleischlieferungen für die örtliche Garnison und Stadtbewohner. In der Annonce heißt es u. A.: „Es ein wirdrussischer Lieferant gesucht, bei dem auch alle Angestellten Russen sind. Juden und andere Nationalitäten werden nicht zugelassen." — In Pozarevatz (Serbiens hat die Stadtgemeinde einen weiblichen Arzt, Dr. Anna Epstein aus Rußland, als Stadtarzt angestellt. — Bei einem zu Ehren des Herrn Jesse Selig mann in New-Jork, der sich zun: Winteraufenthalt nach Aegypten begiebt, veranstalteten Bankett, dem Herr Jakob H. Schiff präsidirte, wurden von den etwa 200 Teilnehmern 30 000 Dollars (120,000 Mark) zu Gunsten der russischen Juden gespendet. — Die Anzahl der Hörer im Hebrew Union College ist für das Schuljahr auf 46 angewachsen. 42 derselben sind geborne Amerikaner aus verschiedenen Theilen des Landes und vier eingewanderte Russen. Druck und Verlag von Rudolf MoNe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.;