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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-13 · Heft 46 (13.11.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 46 (13.11.1891)
Date
1891-11-13
Page
[Seite] (sequence 25)
Language
German
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. III ll|jlll 1IIWII11 —-1--»" 55. Äalsrgang. Nr. 46. Kerlin. 13. November 1891 Weil'age zur „Allgemeinen Zeitung öes ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. DentschlanÄ. G Berlin, 9. November. Der Zusammenbruch zweier der bedeutendsten Bankhäuser hat durch Nebenumstände, von denen er begleitet ist, in weiten Kreisen große Erregung hervorgerufen, denn die finanzielle Katastrophe hat zugleich die Thatsache enthiillt, daß die Inhaber jener bisher hoch angesehenen Firmen das ihnen vom Publikum entgegengebrachte Vertrauen aufs Schändlichste getäuscht und die ihnen zur Verwahrung anvertrauten Gelder zu eigenen Zwecken verwendet haben. Zu der allgemeinen Entrüstung Liber dieses Treiben gesellt sich aber für uns Juden noch das peinliche und beschämende Gefühl, daß jene Unwürdigen unfern: Glauben angehören. Bei der Solidarität, welche unsere zahlreichen Gegner uns namentlich in bösen Dingen aufzudrängen suchen, wird es nicht fehlen, daß für die verbrecherische Handlungsweise einiger Weniger von antisemitischer Seite wieder einmal die jüdische Gesammtheit verantwortlich gemacht werden wird, obwohl derartige Fälle gerade in letzter Zeit sehr häufig in nichtjüdischen Kreisen vorgekommeu. Haben auch von den Schuldigen zwei durch freiwilligen Tod ihre Sünden gebüßt, sehen auch die andern ihrer gerechten Bestrafung durch die Gerichte unseres Landes entgegen — das mag wohl eine Genugthuung für das verletzte Recht und für die armen Betrogenen sein, der Frevel, den jene Missethäter an der Judenheit begangen haben, bleibt bestehen, und der internationale Antisemitismus wird aus diesen beiden Fällen auf lange hin Stoff für seine bösen Zwecke schöpfen können. Und doch muß das Judenthum jede Verantwortlichkeit für solche Vorkommnisse entschieden ablehnen. Es darf sich sagen, daß nur der Mangel an religiöser Unterweisung und die Abirrung von seinen Lehren jene Leute zu ihrer verbrecherischen Handlungsweise führen konnte, und daß die Verschwendungssucht und die Nachahmung junkerhaften Treibens mit der Entfremdung vom Judenthum Hand in Hand zu gehen pflegt. Mögen unsere Väter und Mütter, unsere Söhne und Töchter die Lehren, welche das Leben hier mit so erschütternder Deutlichkeit ertheilt, beherzigen und stets dessen eingedenk sein, daß nur wahre Religiösität zur wahren Bürgertugend führt. O Berlin, 13. November. Der heutige Tag ist ein Ehrentag für j die jüdische Journalistik. Ein Blatt, welches bei dem Kampfe für! das Judenthum und seine Emanzipation, für Freiheit und Aufklärung,; in der erster: Reihe steht, der „Jewish Chronicle" in London, begeht die Festesfeier seines fünfzigjährigen Bestehens. Wir begrüßen die verehrte Kollegin ar: diesem Festtage mit den frohen Gefühlen des Dankes. Dank weihen wir ihr für die Tapferkeit und die Innigkeit, mit welcher sie ein halbes Jahrhundert hindurch die Interessen, welche auch uns heilig sind, vertreten hat. Dank für die Erfolge, die sie errungen hat und die nicht blos der englischen, sondern auch der kontinentalen Judenheil zu Gute gekommen sind. Dank auch für die Wiirdigkeit, mit welcher dieses Blatt die jüdische Journalistik Errglands repräsentirt und durch welche sie in Trefflichkeit des Inhalts und der Form ein klares Abbild der englischen Judenheit in ihrer selbstbewußten Würde bietet. Darun: haben auch die ersten Männer der englischen Judenheit sich vereint, uu: am heutigen Tage durch ihre Mitarbeiterschaft an einer Festnummer den: „Jewish Chronicle" ein Zeichen ihrer Anerkennung und Sympathie. zu geben. Wir werden unfern Lesern in der nächsten Nummer unseres Blattes einen ausführlichen Bericht über die Jubilarin und ihre Feier bieten; für heut begnügen wir uns damit, dem Jewish Chronicle und seinem verdienstvollen Redakteur, Herr Asher I. Myers, unsere herzlichsten Griiße und Wünsche für fernere segensreiche Thätigkeit zuzurufen. * Berlin, 6. November. Der Prediger der israelitischen Religionsgemeinde „Adaß Jeschurun", Herr Julius Landsberger, beging vorgestern die Feier seines siebzigsten Geburtstages und hatte dadurch Gelegenheit, einen Beweis der Beliebtheit und Verehrung, deren er in weitesten Kreisen sich erfreut, zu erhalten. Wir unterlassen es, die Einzelheiten der Feier aufznzühlen und zu berichten, wie Verwandte, Freunde, Schüler, Gemeindeangehörige und Vereinsgenossen in ihren Ovationen vom einfachen Begrüßungstelegramn: bis zum glänzenden Festmahl wetteiferten, und wollen nur den zahllosen Glückwünschen für Gesundheit und Wohlergehen des verehrten Jubilars hier den unsrigen anschließen, der, wenn auch spät, so doch nicht minder aus vollem Herzen kommt. £££ Berlin, 11. November. Kurz vor Schluß des Blattes erhalten wir aus Bonn die Trauerkunde, daß dort Frau Mathilde Philippson, die Wittwe des unvergeßlichen Ludwig Philippson, in ihren: 69. Lebensjahr nach kurzen Leiden gestorben ist. Die. Verblichene war die treneste und hingebendste Gattin; sie war eine feingebildete Frau, dielheilnehmend einwirken konnte auf das geistige Schaffen ihres Mannes; sie war die Freude seiner Jugend, der Trost seines Alters. Die treffendste Charakteristik hat ihr eigener Sohn von der Dahingeschiedenen in der Lebens- Skizze seines Vaters entworfen, die eben in unserem Blatte erscheint. Frau Mathilde Philippson hat ihren Gatten nur um zwei Jahre überlebt; ihr Andenken wird stets ein gesegnetes bleiben! * Berlin, 10. November. Das Mädchenrettungshaus „Siloah", ein christliches Institut in Pankow, versendet seinen Rechenschaftsbericht pro 1890 91. Ohne eine andere Absicht, als uns darüber zu freuen, daß sich die besten jüdischen Kreise vorurtheilslos auch au diesem segensreichen, von Pastor Wießner geleiteten Institute als gründende und unterstützende Mitglieder betheiligen, nahmen wir den Bericht zur Hand. In der That fanden wir unter den Spendern die Namen: Kommerzienrath Israel, Jacob Landsberger, Gebr. Simon, Levy und Nathan, Hermann Gumpel, Jacob Landau, Gebrüder Friedländer, Goldberger, Samelsohn u. s. w. Umsomehr waren wir von der weiteren Mittheilung überrascht, daß Hofprediger a. D. Stöcker beim Stiftungsfeste dieser Anstalt am 21. Juni 1890 die Festrede hielt. Nun kann es nicht mehr Wunder nehmen, wenn in den: Berichte als ein Ereigniß der „Freude" erzählt wird, „daß ein aufgenommeues Kind auf den Antrag der jüdischen Mutter und des (christlichen) Stiefvaters und Vormundes von Herrn Pastor Wießner durch die hl. Taufe in die christliche Kirche ausgenommen wurde." Welche Gründe die jüdische an einen Christen verheirathete Mutter dazu bestimmt haben, ihr Kind der christlichen Religion zuzusühren, welche ihr zu ihrem eignen Heile nothwendig erscheint, wissen wir nicht. Auch der Bericht schweigt hierüber. Das aber wissen wir, daß die oben genannten Wohlthäter und Gönner der Anstalt jene Freude über die Konvertirung eines Judenkindes keineswegs theilen. Die jüdische Barmherzigkeit keünt keinen Unterschied des Glaubens und der Nation. „Einerlei Recht sei dem Einheimischen wie dem Fremden", dem Glaubensgenossen wie dem Nichtjuden. Aber es bleibt eure ernste religiöse Pflicht jedes Juden, ehe er seinen Beitrag für solche Anstalten giebt, sich zu Liberzeugen, wie derselbe verwendet wird. Andererseits aber ergeht hieraus die ernste Mahnung an unsere Berliner Glaubensgenossen: 0")$ ^22 nnn- „ Achtet genau auf die Kinder der Armen und Elenden!" Es geschieht in Berlin sowohl von der jüdischen Gemeinde, wie' auch seitens rnannigfacher Privatanstalten viel für Erziehung jüdischer Waisenkinder, recht viel für Arnrenpflege, und es bedarf wohl nur einer Anregung, um auch die ureist ohne ihre Schuld verwahrlosten Kinder vor- Bekehrungsversuchen und Vergewaltigungen zu schützen. * Berlin, 7. November. Gestern beging der seit etwa 5 Jahren hier lebende Kreis-Physikus a. D. Dr. Moritz Altmaun sein 50jähriges Doktor-Jubiläum; länger als 45 Jahre wirkte er als praktischer Arzt und fast 40 Jahre als Physikus in Wartenberg bei Breslau; in humanster Weise stand er einer großen Praxis vor und sorgte mit großem Erfolge für eine gute Hygiene in dem ausgebreiteten Kreise Wartenberg. Wie schwierig diese doppelte Aufgabe war, kann man daraus ermessen, daß sowohl die Wege des Kreises, wie die Verkehrsmittel meist schlecht und unzureichend waren, die Hygiene aber sich damals erst in den kleinsten Anfängen befand. Als der Jubilar vor 5 Jahren Amt und Beruf niederlegte, um hier einige Jahre der wohlverdienten Ruhe noch zu genießen.

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