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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-13 · Heft 46 (13.11.1891) · p. Seite 552

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 46 (13.11.1891)
Date
1891-11-13
Page
Seite 552 (sequence 12)
Language
German
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552 Machtfülle über die Geister verleiht. Die Mefsiasseele hat sich in Jesus und Muhammed verkörpert, sie war in Sabbathai Zewi und — sie ist auch in mir! Die Weisheit, die mir anvertraut wurde, bin ich verpflichtet, geheim zu halten, wie sie von Adam an geheim gehalten wurde, und ich darf sie nur dem anvertrauen, dem einmal die Schlüssel zur heiligen Weisheit überliefert sind." Eva hörte die Rede mit Befremdung an, aber ihre Seele war doch nicht stark genug, um den Eindrücken zu widerstehen, welche der Mystizismus auf ein schwärmerisches Frauengemüth hervorbringt. In frischer Erinnerung war es ihr zugleich, wie hart sie den Baron angelassen hatte, und es überkam sie ein Gefühl, das man beinahe Reue nennen mochte. Dem feinen Blick ihres Pflegevaters entging die Veränderung nicht, welche sich in ihrer Gemüthsstimmung vollzogen hatte. „Eva," sprach der Baron, „ich verzeihe Dir. „Segnet, die Euch fluchen," heißt es in der Schrift. Aber habe ich Dir je Veranlassung gegeben, Uebles von mir zu denken? Ich lebe zurückgezogen und lebe nur für meine erhabene Mission und meine Wissenschaft. Sahst Du, daß jemals irgend Jemandem Uebles durch mich widerführ? Ueberhäuse ich nicht Alle, die in der Roth zu mir kommen, mit Wohlthaten? Gebe ich Dir nicht Alles, um was Du mich bittest? Gebe ich Dir nicht kostbareren und schöneren Schmuck, als ihn eine Fürstin ihr Eigen nennen kann? Wie konntest Du mir so wehe thun und bei dem Grafen so schlimmen Verdacht auf mich wälzen?" „Vater," sprach Eva, „ich stehe an dem Punkte, wo sich das Schicksal meines Lebens entscheiden soll. Da treten Sie mir in den Weg und hindern mich, dem Drange meines Herzens zu folgen, Sie hindern mich daran, ohne daß ich wüßte, welche Macht Ihnen über mich zusteht und wer diejenigen sind, welche Ihnen solche Gewalt über mich übertragen haben." „So wisse," erwiederte der Baron, „Du bist zwar nicht von meinem Fleische, aber in Deinem Fleische lebt derselbe Geist, der in dem meinen lebt, Du bist vom Geiste Gottes, in Dir lebt der Messias." Eva hörte mit wachsendem Staunen dem Baron zu, aber doch nicht, ohne daß ihr Hang zur Schwärmerei und ihre Eitelkeit durch diese Reden etwas berührt worden wären. Der Baron klingelte. Ein Diener erschien. „Rufe mir den alten Iwan und den Salomon Schor," sprach er zu dem Diener. „Deine Mutter," sprach der Baron zu Eva, „darf ich Dir, wie ich schon gesagt habe, nicht nennen, bis sie selbst die Zeit für gekommen erachtet, sich Dir zu zeigen. Aber wer Du bist, sollst Du erfahren." Die beiden Gerufenen traten ein. Iwan war der Diener des Barons, ein Sechziger, der schon mehr als dreißig Jahre in seinen Diensten stand. Sein Allssehen war sehr merkwürdig rmd sein Kopf höchst malerisch. Seine Gesichtszüge waren mild und sanft. Ein schneeweißes Haupthaar fiel in langen Locken von dein hochgewölbten, eine von der Stirn bis zur Schädelhöhe reichende Glatze zeigenden Kopf herab. Ein schneeweißer langer Bart machte die Erscheinung noch ehrwürdiger. Salonion Schor war ein noch rüstiger Fünfziger. Sein ganzes Wesen war im Gegensatz zu dem ruhigen, mehr pasiiven Iwan lebhaft lind energisch. Ein paar glühende, bewegliche Augen und das hervortretende Kinn verriethen die Thatkraft des Mannes, die hohe, tiefgefurchte Stirn zeigte den geistig vielbeschäftigten Denker. Das schwarze Haar, das in unordentlichen Locken um den Kopf hing, so tvie der wild gezauste Bart gab dem ganzen Kopfe ein Phantastisches Aussehen und stimmte zu dem Eindruck religiöser Schwärmerei, welchen die ganze Erscheinung hervorbrachte. Als Beide in dem Salon erschienen, fielen sie vor den: Baron auf die Knie und kreuzten nach orientalischem Brauch die Hände auf der Brust. „Heil, Heil Dir, Herr, Heil Dir," riefen Beide wie aus einem Munde. „Ich danke Euch," sprach der Baron. „Ich habe Euch gerufen, ein Zeugniß abznlegen vor dieser Jungfrau, die hier vor Euch steht. Ihr war't zugegen, als ich sie empfing, Ihr sollt mir bezeugen, wo und wann ich sie empfing!" „Emlina, Emuna," rief Iwan, „sie ist das Kind Gottes, sie ist der Glaube, der in die Hülle einer schönen Jungfrau einging." „Emuna," wandteer sich, immer noch auf den Knien, zu Eva, „Emuna, laß' mich küssen den Saum Deines Kleides." Und Iwan rutschte auf den Knieeu zu Eva heran und er küßte ihr Kleid, wo es den Boden berührte. „Ja," rief Salomon Schor, „so ist denn die gesegnete Stunde gekommen, wo wir Dich vernehmen dürfen. Laß mich Dir nahen und Dir huldigen, Emuna!" Eva ließ die beiden Alten thun, wie ihnen gefiel. Der Baron blieb ruhiger Zuschauer bei der Szene. Endlich unterbrach er die Stille und sprach: „So erzählt nun, wie es sich begab, daß diese Jungfrau mir anvertraut wurde." Salomon Schor (sprach: „Du und Dein (Weib, die schon seit fünfzehn Jahren bei Gott ist, und wir beide, Iwan und ich, wir waren in einer Höhle am Fuße des Berges Karmel und beteten. Wir hatten schon sieben Mal sieben Tage gebetet, da trat eine schöne, große stattliche Frau in die Höhle, geschmückt mit einer Kaiserkrone." (Fortsetzung folgt.) O Litterarische Mittheilungen. . Liebmann Adler: Siebenundfünfzig Vorträge über Texte den nachmosaischen biblischen Büchern entnommen. Dritter Band des unter den: Namen „Z'öuah Ur'Mah" erschienenen Belehrungs- und Erbauungsbuches. (Frankfurt et. M. 1891. Kommissionsuerlag von I. Kanffmann.) Bibelbelesenheit müßte man eigentlich bei jedem Juden voraussetzen, tu Wirklichkeit aber ist bei ben meisten unserer westeuropäischen Glatlbensgertossen Bibelunkenutniß die Regel, namentlich bezüglich der nachmosaischen Schriften. Auch die meisten unserer Prediger, die ans der Bibel für ihre Vorträge Texte wählen, wenden sich mit Vorliebe den pathetischen, sentenzreichen „letztet: Propheten" zu und lassen die lebensvollen, historischen Bücher der „ersten Propheten" fast unbeachtet. Und doch enthalten gerade die Bücher der „ersten Propheten" eine reichhaltige Sammlung von Charakterbildert:, zu denen selbst der vorerwähnte Israelit des neunzehnten Jahrhunderts, so sein Sinn für Geist uttd Poesie noch nicht erstarrt ist, mit Ehrfurcht und Bewtmderung emporblicken muß. Der Verfasser der vorliegenden Schrift hat sich daher ein großes Verdienst sowohl um die Homiletik, als auch um die jüdische Litteratttr im Allgemeinen erworben, daß er sein Augemnerk nicht blos auf die großen Reden der „letzten Propheten" und die sinn- und poesiereichen „Hagiographen" gerichtet, sondern auch die schlichten Erzählungen der „ersten Propheten" homuletisch bearbeitet hat, die, obwohl in ihren Mittheilungen zu weilet: dem Geschmack des modernen Menschen nicht entsprechend, doch immer frisch und ansprechend, wie das Leben selbst bleiben werdet:. Was auf ut:s beim Lesen dieses Buches einen besonders günstigen Eindruck gentacht hat, ist: die schlichte Ausdrucksweise, sowie die Wahrnehmung, daß diese wahrhaft situ:- und geistreichen Vorträge frei von jenem salbungsvolle:: Tot: sind, der dem Laien das Lesen einer derartige:: Predigtsammlung verleidet. Wir empfehlen das Buch aufs Wärmste! Albert Katz.?) Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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