Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1891)
- Date
- 1891-11-13
- Page
- Seite 551 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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551 „Ihren Vater kenne ich nicht," erwiederte der Baron, „ihre Mutter darf ich Ihnen nicht nennen. Ein furchtbarer Eid bindet mir die Zunge, und Niemand vermag ihn zu lösen. Mit meinem Leben und mit allem meinem Besitze habe ich mich verpflichtet, über Geburt und Herkunft meiner Pflegetochter das unverbrüchlichste Stillschweigen zu beobachten!" „Aber," erwiederte der Graf, „Sie können doch nicht das Schicksal Evas von pflichtvergessenen Eltern abhängig machen wollen, die ihr Kind fremder Obhut übergeben, uin es des Rechts der freien Entschließung zu berauben. Ob Eva mir die Hand reichen will oder nicht, darüber hat zunächst sie selbst zu entscheiden." Eva erschien. Ihr Antlitz erröthete leicht, als sie den jungen Grafen erblickte, und ihr dunkles Auge ruhte mit einem Blick auf ihm, der besser als alle Worte ihre Liebe verkündete. Ihre Erscheinung war wahrhaft bezaubernd. Ein weißes Atlasgewand schmiegte sich um ihre zarten Glieder, und in dem in starken Ringen herabfallenden Lockenhaar war eine weiße Rose als einziger Schmuck befestigt. Stanislaus war von der Erscheinung wie geblendet. Er stand wohl auf, um sie zu begrüßen, aber die Worte versagten ihin auf der Zunge. Es entstand eine lange Pause und tiefe Stille herrschte im Saal. Der Baron Frank brach das Stillschweigen und sprach feierlich zu Stanislaus: „Siehe, siehe, ist ineine Tochter nicht wie eine Prinzessin? Ja wahrhaftig, sie ist eine Prinzessin!" „Herr Graf," sprach er dann, „stehen Sie noch ab von Ihrer Werbung. Ich bin weit davon entfernt, Ihnen alle Aussicht benehmen zu wollen, allein Eva ist zu einer hohen Mission ausersehen, und in Rücksicht auf diese kann ich Ihnen heute nicht die Antwort ertheilen, welche Sie wünschen." „Eva," sprach der Baron dann, „traft des Eides, der Dich an mich bindet, und im Namen Deiner Mutter befehle ich Dir, in dem Grafen keine Hoffnungen zu ertvecken, welche gegenwärtig nicht verwirklicht werden können!" Evas Auge fiel auf Stanislaus, sie war unentschieden über das, was sie thun sollte. Da auf einmal leuchtete ihr Blick auf. Sie schien einen Entschluß gefaßt zu haben. „Vater," sprach sie, „erinnern Sie mich an keinen Eid, der mir durch Drohungen abgenöthigt wurde, den ich ablegte, als ich nicht frei war, als ich unter Ihrem persönlichen Einfluß stand, dem ich, so lange ich mit Ihnen unter einem Dache bin, inich nirgends zu entziehen verniag." „Ich habe ein Recht, ein wohlbegründetes Recht auf Dich," sprach der Baron, „ich bin der Stellvertreter Deiner Mutter." „Worauf gründen Sie, wodurch beweisen Sie dieses Recht," sprach Eva, „sagen Sie mir vor Allem, wer ist meine Mutter, wer ist mein Vater!" „Deine Mutter darf ich Dir noch nicht neunen, denn die Stunde ist noch nicht gekommen, wo es Licht werden soll über Deinem Schicksal; Deinen Vater darf ich nicht nennen in Gegenwart eines uneingeweihten Dritten." „Elende Täuschung, Gaukelspiel," erwiederte Eva heftig. „Ich will Aufklärung haben, ich will die Wahrheit hören. Ich habe alle Ursache zu glauben, daß man hier in diesem Hause etwas vor ineinen Augen verbirgt, was das Licht scheut und was den Lehren der Religion, zu welcher wir uns öffentlich bekannt haben, zuwider läuft. Welchen Grund hat Dein ganzes Benehmen? Zu welchem Zweck hält man hier im Hause geheime Konventikel, die man vor meinen Augen zu verbergen sucht, tvarnm nennen Dich Deine Anhänger den Messias?" Der Baron, der bis dahin ruhig war, schien durch diese Worte sichtlich außer Fassung gebracht. Er entfärbte sich und schwieg eine Weile, wie wenn er überlege, wie er diesen unerwarteten Angriff erwiedern sollte- Man lies; ihm jedoch keine lauge Zeit zur lleberlegung, denn Stanislaus sprang sofort seiner Geliebten bei. „Ja," rief Stanislaus, „das ist es, was wir wisse» wollen. Ich will wissen, wessen Händen meine Liebe anvertraut ist, sagen Sie uns zunächst, wer sind Sie, was wollen Sie hier im Königreich Polen?" „Darauf, Herr Graf," erwiederte der Baron, der seine Fassung wiedergewonnen hatte, „bin ich Ihnen keine Antwort schuldig. Ich bin russischer Unterthan rmd stehe unter dem Schutze des Gesandten Ihrer Kaiserlichen Majestät. Sie aber sind hier Gast in meinem Hause, und ich bin weit davon entfernt, mich da gegen Anklagen zu vertheidigeu, wo ich Herr bin und mein Hallsrecht gebrauchen kann." „Gut," erwiederte der junge Graf, „ich gehe, aber wissen Sie, diese junge Dame steht unter meiner Obhut; sie gehört mein, kraft des Bundes, den unsere Herzen geschloffen. Wehe Ihnen, wenn ihr nur ein Haar gekrümiirt, oder wenn Sie durch Drohuugcn oder Gewalt nur den leisesten Versuch machen, die Selbständigkeit ihres Handelns zu beeinflussen!" „Adieu, Eva," sprach der Graf, „ich wache über Dein schönes Haupt." Er drückte ihr herzlich die Hand, verbeugte sich gegen den Baron und verließ das Gemach. Eva war mit dem Baron allein. Es entstand eine lange Panse. Der Baron kniete nieder und betete inbrünstig. Darauf erhob er sich und sprach: „Ich will Deine Fragen beantlvorten. Höre mich an: Geheime Lehren der Weisheit sind es, welche die Guteil aller Völker und jeden Glaubens mit einander verbinden, denn der Geist Gottes, der heilige Geist, er ist überall, er offenbart sich unter Christen, Inden und unter den Anhängern des Islam. Aber es lvaren immer nur wenige, denen die höchste Weisheit anvcrtraut war. „Ais Adam aus dem Paradiese war," lehrt das heilige Buch Sohar, „ließ ihm Gott durch den heiligen Engel Rastel, dem Vorgesetzteil der oberen Geheimnisse, ein Buch zustellen, lvorin die obere heilige Weisheit beschrieben war. In diesem Buche waren zweiundsiebzig Arten der Weisheit in sechshundertundsiebenzig Abschnitten beschrieben. Mittelst dieses Buches mürben ihm fünfzehnhundert Schlüssel zur Weisheit übergeben, die keinem der oberen Heiligen bekannt lvaren, rmd alle blieben geheim, bis das Buch an Adam gekommen ist. Als m»i Adam das Buch erhalten hatte, versammelten sich die höchsten Engel um ihn her und sprachen: „Adam, Adam! halte geheim die Schätze deines Herrn, denn es ist keinem von den höchsten Engeln erlaubt, von den Schätzen deines Herrn so viel zu wissen, als dir bewußt ist". Von Adam kamen die heiligen Lehren bis auf Abraham, dem' der Herr neue Geheimnisse enthüllte, die Abraham niederschrieb in dem Buche „Jezirah". Salomo kannte die heiligen Geheimnisse. Jesus Christus kannte sie, und es besaß sie Sabbathai Zewi, der andere Messias aus dem Hanse Davids, dein Krone unb Reich gegeben war." Der Baron sprach langsam und feierlich. Eva hörte ihn rllhig an. Sie mußte ihn anhören, denn sie hatte ihm ja selbst die Frage vorgelegt, wer er und wer sie wäre. „So wisse denn," fuhr der Barvir fort, „die Seele des Messias, die einen Theil der Gottheit bildet, wirkt auch auf Erden immer noch fort. Sie sucht sich einen Körper zum irdischen Aufenthalte aus, um direkt ihre Wohlthaten unter den Menschen zu verbreiten. Die Gottheit hat sich zu jeder Zeit in Fleisch- und Leibesleben in dem Körper eines vollkommenen Menschen dargestellt, welchem sie eine besondere