Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1891)
- Date
- 1891-11-13
- Page
- Seite 550 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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550 feit ]\\ finden — die Engel sind neidisch gegen die Menschen; ernstes Gebet aber macht diese Engherzigkeit wirkungslos*). Dein engen, mißgünstigen Auge entgegengesetzt ist das gute Auge-). Das gute Auge segnet und wird gesegnet) (Spr. 2, 39). Werden dem Ewigell wohlgefälligen Weg wandeln will, der mache das gute Auge zum Leitstern für sein Lebens; ein solches Auge besaß Moses-'); es ist das Kennzeichen der AbrahamsjüngerO). Nur Wohlwollenden reicht man den Becher, über den die Benediktion gesprochen nnriv). (Schluß folgt.) d . FEUILLETON Ber heilige Herr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. (Fortsetzung.) Siebentes Kapitel. Die Werbung. Die Tage von Lublin ivaren vorüber. Längst waren die zahlreichen Theilnehmer des großen Festes, das dort stattgefundcn hatte, wieder nach ihrer Heiinath zuriickgekehrt. Die polnischen Großen, darunter der Großkronmarschall und sein Sohn, welche die Königsresidenz Warschau verlassen hatten, um die alte schmutzige Stadt in Lublin anfznsucheu, waren in der Hauptstadt des Reiches versammelt. Reich Baron Frank besaud sich mit seiner Pflegetochter wieder Warschau und zeigte durch seine Theilnahine am Gottesdienst den Eifer des Neubekehrtcn. Bormittags erschien er bei der dritten Messe in einer der Kirchen der Hauptstadt; Sonntags war er bei dem Hochamt in der Kathedrale anwesend. Jedesmal verrichtete er seine Andacht an einer allen Theilnehmern sichtbaren Stelle, in unmittelbarer Nähe des Hochaltars, und legte eine ungemein tiefe Devotion an de» Tag. Nicht so Eva. Gewöhnlich verrichtete sie in einer stillen, abgelegenen Kapelle ihre Andacht, lind meist wählte sie die Stunden des Tages aus, an welchen, ivie zur Vesper, die Gläubigen nicht in so großer Zahl zugegen ivaren. Sie erschien mehrmals in der Woche im Luboniirski'schen Palast und außerdein wußten die Liebenden cs cinzurichten, daß sie sich täglich begegneten und sprachen. Die Gräfin Luboiuirska sah die Liebe ihres Sohnes mit Wohlgefallen. Allein die Gräfin Lubomirska war weit entfernt davon, die Liebe ihres Sohnes nur aus mütterlicher Zärtlichkeit für denselben zu begünstigen. Auch sie liebte das schöne, reich begabte Mädchen und würde Stanislaus gern ihre Zustimmung zu einer Verbindung mit Eva gegeben haben. Ihrem Gatten war die Angelegenheit seines Sohnes ziemlich -gleichgiltig. Er behandelte dieselbe als eine einfache Liebschaft, wie er deren gleichfalls in großer Zahl gehabt hatte, ehe er in den Hafen der Ehe einlief. Die Staatsgeschüfte waren für ihn viel zu wichtig, als daß er es für angemessen hielt, mit diesen Allotriis seine Zeit zu versäumen. Eva selbst sah er mit Vergnügen in seinem Hause verkehren, und wenn sie erschien, begegnete er ihr mit jener ausgezeichneten Galanterie und zarten Aufmerksamkeit, welche namentlich die Aristokraten des vorigen Jahrhunderts dem schönen Geschlecht f> Ier. Tan. :■). -■) i’i? aits. naits jT auch ns’ pr. *) Sota 38 Ir. st Ab. 2, 14. ■>) Red. 38a. «) Ab. 5, 22. 7) Sota 38b. gegenüber an den Tag legten. Die Vertraute des jungen Stanislaus aber war seine Mutter. Sie war es, die den Sohn auch dazu drängte, den alten Baron Frank zu einer Erklärung zu veranlassen. Sie könne es, sagte sie, bei der jungen Dame nicht verantworten, wenn sich hier eine Liebschaft entspinne, die ihr Sohn doch wieder schließlich auflösen müsse, im Falle sich derselben Hindernisse entgegenstellen sollten, die Niemand zu beseitigen im Stande sei. Der junge Graf sah das Zutreffende der Gründe seiner Mutter ein und legte eines Tages die Paradeuniform an, um den Baron Frank aufzusuchen und ihn zu einer Erklärung zu veranlaffen. Als Stanislaus im Hause des Barons erschien, fand er dort nichts verändert. Die Diener begegneten ihm mit gewohnter Unterwürfigkeit, und einer derselben führte ihn in den Empfangssalon, uin ihn dann dem Herrn zu melden. Stanislaus hatte kaum eine Weile gewartet, als der Baron erschien. Er trug sein früheres Kostüm und empfing den Grafen mit einer ausgesuchten Freundlichkeit, die aber dem jungen Mann beinahe die Kehle zuschnürte. „Es ist mir eine große Freude, Herr Graf," begann er. „Wenn Sie wüßten, wie viele Sympathie ich für Ihre mir so werthe Person habe, würden Sie errathen, wie hoch ich die Ehre Ihres lieben Besuches zu schützen weiß und wie lebhaft ich alter Mann es schvn so oft bedauert, daß mich die Jugend, der ich so sehr zugethan bin, mein Alter entgelten läßt." Der junge Graf war von dieser Anrede wenig erbaut, da es ihm nie eingefallen war, den obskuren, nunmehr getauften jüdischen Baron, dessen Vergangenheit eine völlig dunkle war, als einen ihm gesellschaftlich Gleichstehenden anzusehen. Er unterdrückte jedoch seinen Widerwillen und antwortete dem Baron so höflich wie möglich. „Man sagt, Herr Baron, daß Sie sich mit tiefen und ernsten Studien in Wiffenschaften beschäftigen, für welche uns jungen Leuten das Verständniß abgeht. Wie möchte ich es wagen, die Meditationen eines würdigen Herrn zu stören, für den jede Minute kostbar ist." „Wenn Sie von der Kostbarkeit, welche die Zeit für mich besitzt, überzeugt sind," erwiederte der Baron, „so haben Sie schon den ersten Schritt gethan, der Sie für das Verständniß meiner Geheimnisse empfänglich machen könnte. Schließen Sie sich meinen Studien an. Sie dienen aller Welt. Sie sollen das Glück der Menschheit begründen." Die letzte Redensart schien dem Grafen günstig, um mit seinem Antrag hervorzukommen. Das Zusammensein mit dem Baron war ihm unbeschreiblich widerwärtig; er wünschte daher, so rasch wie möglich den Zweck seines Besuches zu erreichen. „Wenn Sie, Herr Baron," sagte er, „dieses schöne und edle Ziel verfolgen, so bietet sich Ihnen eine günstige Gelegenheit, die Theilnahme, welche Sie für das Wohl Ihrer Mitmenschen zeigen, zu bestätigen. Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, daß ich Ihre Pflegetochter Eva liebe. Ich liebe Eva heiß und innig und hoffe, daß sie zur Zierde unseres Hauses werden wird. — Herr Baron, ich bitte Sie um Ihr Jawort!" Der Baron schien zu überlegen. Dann klingelte er. Ein Diener erschien, dem er befahl, Eva zu rufen. „Herr Graf," erwiederte der Baron, „ich bin nicht Herr über das Schicksal Evas. Man hat mich zu ihrem Hüter bestellt, dieses ist Alles. Ich habe mich verpflichtet, sie in mein Haus aufzunehmen, für ihre Bedürfnisse zu sorgen und sie auch nicht den geringsten Mangel leiden zu lassen." „So sagen Sie mir, an >ven ich mich wenden muß, um die Zustimmung zur Hcirath zu erlangen. Nennen Sie mir Evas Vater und Mutter."