Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1891)
- Date
- 1891-11-13
- Page
- Seite 549 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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549 manche dieser Gelegenheitscarmina sind auf öffentliche Kosten gedruckt worden. Aber das war doch nur gelegentlich. Eine reichere Ausbeute gewährten Privatstunden, für die sich dem lebhaften und geistvollen Jüngling bald Gelegenheit bot. Endlich wußte er seine litterarischen Anlagen, seine besondere Begabung, Gelerntes und Gelesenes sofort selbstthätig und selbstschöpferisch umzugestalten, zusammenzufaffen und zu erweitern, auch materiell zu verwerthen. Der unter dem Namen Willibald Alexis noch jetzt bekannte Romanschriftsteller Georg Häring gab damals ein Blatt zur Unterhaltung und Belehrung, den „Freimüthigen", heraus, der, mit dem Bildnisse Ulrichs von Hutten geziert, sich schnell die Gunst des liberal denkenden Bürgerthums erwarb. Für diese Zeitschrift durste Philippson schreiben, und wurde für seine Artikel angemeffen honorirt. Hier veröffentlichte er „Parallelen zwischen der griechischen und der nordischen Mythologie", Auszüge und Bearbeitungen der Briefe des italienischen Humanisten Poggio Bracciolini aus dem 15. Jahrhundert, eine Würdigung des Philosophen Henrik Steffens,. Betrachtungen über die Unterschiede zwischen der Vorlesung und der Aufführung eines dramatischen Gedichtes u. s. w., kurz, Aufsätze, welche von der Mannigfaltigkeit seiner Studien und der Selbständigkeit seines Denkens in so jungen Jahren die günstigste Vorstellung geben. (Fortsetzung folgt.) Nus Auge in Bibel und Talmud. Ein Essay von Dr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner in Berlin. (Fortsetzung.) 4. Die Symbolik zieht das Auge als Organ des Gesichtes bald nach der Art, wie es sich äußert, bald nach der Wirkung, die es hervorruft, in Betracht. So wird das Auge bald ein Bild des Hochmuths und der Demuth, bald der unersättlichen Gier nach Habe und Genuß, bald der Engherzigkeit, bald des Wohlwollens nach allen Richtungen hin. Hoch emporblickende Augen sind ein Bild des Hochmuths, der in seiner Vermeffenheit selbst gegen den „Heiligen Israels" sich erhebt (2. K. 19, 22; Jes. 37, 23). Solche Augen sind der Sünde und der Sünder Feld;') ihnen entkeimt alles Böse (Spr. 21, 4) — ein Geschlecht, das hoch trügt seine Augen und dessen Wimpern stolz einherblicken (Spr. 30, 13), gehört zu den Gottlosen schlimmster Art. Zu den sechs Dingen, die Gott haßt, gehören auch stolze Augen (Spr. 6, 17), die deshalb der Fromme nicht gut erträgt (Ps. 101, 5); freudig rühmt sich der Psalmist (Ps. 131,1): „Ewiger, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz!" Und weil Gott die stolzen Augen haßt, darum sollen sie erniedrigt werden (Jes. 2, 11; 5, 15; Ps. 18, 28); hochmüthig war der König von Aschur, darum wird Strafe ihm verkündet (Jes. 10, 2); hochmüthig blickte mit seinem Augapfel, der deni Waffer gleicht, das Geschlecht der Sündfluth!, darum kam es über das Wasser, das dem Augapfel gleicht.') Hingegen erscheinen matt die Augen der Demuth, gebeugt ringen sie sich zur Höhe;"') ihnen wird Gott einst helfen und er wird sie erheben (Hiob 22, 29). 5. Das Auge ist das Bild menschlicher Unersättlichkeit — „Gruft und Unterwelt werden nicht satt und des Menschen Augen werden nicht satt" (Spr. 27, 20): Das Auge wird nicht satt des Sehens (Koh. 1,8) und des Besitzes" (id. 4,8). Ein späteres Sprüchwort lautet: Leicht ist's, sich einen Feind verschaffen, schwer aber einen Freund 0 "ü Spr. 2>, 4 muß als Feld genommen werden, wie Hos. IO, 12; Jer. 4, 3. 2) Sanh. 108a. 3) Hiob 22, 29; vgl. Midr. Spr. 4 u. ö. erworben; leicht ist's, die Höhe hinansteigen, schwer aber von der gewonnenen Höhe herniedersteigen müssen; die größte Schwierigkeit aber für den Menschen liegt in seinem Auge'). — Alexander der Große so erzählt der Talmud"), gelangte auf seinen Eroberungszügen bis zu den Pforten des Paradieses. Dort machte er Halt und rief: Oeffnet mir die Pforten! Von Innen aber tönte es ihm entgegen: „Das ist die Pforte des Ewigen, nur Gerechte ziehen durch sie ein!" Nun denn, sprach Alexander, ist der Einlaß mir nicht gestattet, so reichet mir etwas, was mich an das Paradies erinnert! Da ward ein Menschenschädel in seine Hand gelegt. Alexander legte den Schädel auf die Wagschaale, aber alles Gold und Silber wog ihn nicht auf. Staunend fragte er seine Weisen, was dieses' bedeute. Da sprach Einer derselben: Sieh hin, o König, in dem Schädel befindet sich das Auge, das des Goldes und Silbers nicht satt wird, dieweil es immer mehr wünscht; streu' ein wenig Erde auf das Auge und der Schädel wird alsbald leicht werden. Alexander tat, wie der Weise gesprochen und federleicht schnellte die Wagschaale mit dem Schädel zur Höhe. Aus der Unersättlichkeit der Menschen stammt der Neid — „das untreue Auge ist neidisch" (Sir. 31,14,15) —, die Habsucht — „hastig trachtet nach Habe der Mensch mit mißgünstigem Auge" (Spr. 28, 22) und die Engherzigkeit, im Talmud charakteristisch Engäugigkeit genannt'). Wer den Weg des Bösen meiden will, der hüte sich, ein mißgünstiges Auge zu haben'). Ein solches Auge ist das Kennzeichen der Bileamsjünger'), selbst von den Vögeln werden sie daran erkannt"). Wer da giebt, aber nicht will, daß andere geben, dessen Auge ist mißgünstig gegen den Besitz Fremder; wer da will, daß Andere geben, selbst aber nicht giebt, dessen Auge ist mißgünstig gegen den eigenen Besitz') — ein solcher Reicher schwindet hin mit seinem Vermögen von der Erde"). Engherzig wird Efron genannt"); engherzig war Saul gegen David'"), engherzig war Nebukadnezar, der große Schätze besaß und als er sich dem Tode nähe fühlte, sprach: Ich will meinen Reichthum nicht zurücklassen, auf daß kein Anderer durch ihn geehrt werde! Er machte einen Kasten aus Kupfer, füllte ihn mit seinem Golde lind versenkte ihn in die Erde"). Engherzig sind häufig Frauen ihren Gästen gegenüber"). Engherzigkeit gehört zu den zehn Merkmalen, die den Aderlasser kennzeichnen"). Von solchen Menschen soll man nichts genießen"); um ihretwillen kommen Plagen über die Welt"); uni ihretwillen muß das Opfer der „eglah arufa" (Deute. 21, 1—9) dargebracht werden"). Besondere Strafe trifft Jene, die gegen einen Gelehrten engherzig sind; die Augen solcher werden im Jenseits mit Ranch erfüllt sein"). Auch im Himmel ist Enghvrzig- 0 Jalk. Deutr. 845. 2) Tam. 32 b; Gen. r. 33. vgl. Ntdda 24. 8) iit, rr nx, auch nm?v- *) Ab. 2, 14. 5) Ab. 5, 22; vgl. Sanh. 105a, Nidda 31 a. Die Aunahme, daß Bileam auf einem Auge blind war, beruht auf dem Schriftworte, das ihn bald den Manu mit verschlossenem Auge (Num. 24, 3, 15), bald den Mann mit offenem Auge (ib. 24, 4, 16) nennt. 6) Sota 38 b. 7) Ab. 5, 16; vgl. Sota 9a, Tan. 21a; Jer. Pea 21b; Lev. r. 17, 3. s) Ex. r. 31. “1 Gen. r. 58. lu) Tauch. Emor 4. “) Jalk. Esth. s. v. Beharoto. ") B. mez. 87 b. ") Kid. 82 a. u) Vgl. Spr. 23, 16 mit Sota 38 b. ") Erach. 16 a. ") Sota 38b. ") B. batr. 75a.