Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1891)
- Date
- 1891-11-13
- Page
- Seite 548 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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548 wieder die Heiterkeit und der Humor Bahn, welche den Grundzug von Ludwigs Wesen nusmachten. Wenn er, die Nächte durchnrbeitend, sich die lange Pfeife anzündete und zur Ermunterung von feiner Wirthin eine Tasse Kaffee kochen ließ, so schien das ihm, dem wenig Verwöhnten, der Gipfel der Behaglichkeit und fröhlich stimmte er seine lustigen „Kaffee- und Pfeifenlieder" an. Neben vielem Ernsten dichtete er auch Schwänke, zum Theil übermüthiger Natur, wie der „Die Götter" betitelte, der uns des Abdrucks nicht unwerth scheint. In der That hatte sich seine Lage nicht ungünstig gestaltet, viel glücklicher, als er es zu hoffen gewagt. Der Verdienst aus dem rasch sich ausdehnenden Religionsunterricht deckte alle Bedürfnisse, mit Ausnahme des Mittagstisches, und den erhielt der Jüngling reichlicher als ihn die Mehrzahl der Studenten genießt, in einer wohlhabenden jüdischen Familie, gegen die Verpflichtung, an einem Abend in der Woche dem Hausherrn mündlichen Vortrag aus dem Reiche der Natur oder über Reisen zu halten, Auch war Ludwig durchaus kein Pedant, kein „Duckmäuser", dem nur bei seinen Büchern wohl ist. Häufig zog er über Land, in Gottes schöne Natur hinaus, nach Thüringen, in die Sächsische Schweiz, nach Dresden, selbstverständlich alles zu Fuß, wobei sieben, acht, auch neun deutsche Meilen täglich zurückgelegt wurden. Die Schönheiten eines Sonnenaufganges von dem Gipfel eines höheren Berges gesehen, sowie die herrliche Aussicht vom Winterberge und Prebischthore machten auf das empfängliche Herz und die lebhafte Phantasie des Jünglings einen tiefen und unverlöschlichen Eindruck. Fast noch mehr ergriffen ihn die vorzügliche Gemäldesammlung und das Alterthumsinuseum in der sächsischen Hauptstadt; hier sah er in Wirklichkeit die Kuust vor sich, die er bisher nur aus Büchern gekannt, und die Lehren Winkelmanns und Lessings gewannen hier Form und Gestalt. Die Betrachtung der antiken Meisterwerke lenkte ihn wieder von der nordischen Mythologie ab und auf das geliebte Griechenthum zurück, das bei ihm keineswegs der Ueberlieferung der israelitischen Lehre und des hebräischen Schriftthums widersprach, sondern vielmehr deren Ergänzung bildete und mit ihnen zu einer hohem, harmonischen Einheit zur Totalität des Menschengeistes zusammenfloß. In dieser schönen Zeit, vielleicht der ungetrübtesten seines Lebens, hatte Philippson auch zum ersten Male die Genugthuung, eine seiner Arbeiten gedruckt zu sehen. Im September 1827 erschien sie; der Verfasser war damals fünfzehn Jahre alt! Es war eine Publikation biblischen Inhalts: „Die Propheten Hosea, Joel, Obadjah und Nahum in metrisch-deutscher Uebersetzung" (Halle, Friedr. Ruff, 1827). Man klage den jungen Autor nicht der Ueberhebung an: kein Geringerer als der berühmte Geschichtschreiber der Medizin, Professor Kurt Sprengel in Halle, der auch ein trefflicher Hebräer war, hat die Veröffenlichung veranlaßt und den Buchhändler dafür gewonnen. Da Ludwig noch Gymnasiast war, mußte der Name seines älteren Bruders anstatt des seinigen auf dem Titel erscheinen. Aber sogar die Vorrede hat der kaum dem Knabenalter Entwachsene selber schreiben müssen, — für ihn die größte Verlegenheit. Judeß, er kam auch hiermit zu Stande, und der Gedanke, mit dem er das Vorwort schließt, hat ihn sein ganzes ferneres Leben hindurch geleitet: „Erreiche ich aber, daß ich in dem Geiste nur einiger, vorzüglich unter den Israeliten, wo der Sinn für ihre alterthümliche Schriften und ihre ehrwürdige ehemalige Muttersprache jetzt so sehr gesunken ist, die Liebe zu derselben etwas erwecke, so wird dies mein schönster, größter Lohn sein." Unter so mannigfacher Beschäftigung und unter Bethätigung solcher,^ bei einem Heranwachsenden Jüngling bewundernswerthen Schöpferkraft vollendete Philippson, nach dreijährigem Besuche, seine Studien auf dem Gymnasium. Nachdem er seine Maturitätsprüfung bestanden,^siedelte er Ostern 1829 nach Berlin über, um an der dortigen Universität zu studiren; er traf dort den älteren Bruder wieder, der ein Jahr vorher in Halle zum Doktor der Medizin promovirt war und nun in der Hauptstadt Preußens die Staatsprüfungen bestand. Die Berliner Hochschule war so recht für einen strebsamen, ernst thätigen und universell angelegten Geist, wie den unseres jungen Dessauers geeignet. Sie wurde fast ausschließlich von schon älteren Studenten besucht, welche die akademische Freiheit anderswo zuin Vergnügen und „Bummeln" ausgenutzt hatten und nach Berlin kamen, um dort ernsthaft zu arbeiten und ihre Examina abzulegen. Eine Reihe vorzüglicher Professoren, die hervorragensten und berühintesten Gelehrten Deutschlands bildeten den Lehrkörper: in der Philosophie Hegel, und der damals sehr bewunderte, jetzt verspottete Naturphilosoph Steffens, in der Rechtswissenschaft die beiden Amipoden Savigny und Gans, in der Theologie Schleiermacher, in der Philologie Böckh, Lachmann und Zumpt, in den Naturwissenschafteu Mitscherlich, Erman, Ehrenberg, Lichtenstein u. A. Solche Männer mußten den Lernbegierigen zu eifriger Thätigkeit anspornen. Die Zeit selber war eine geistig bewegte, treibende, hoffnungsreicher Die Reaktion, welche dem Strirze Napoleons gefolgt, war inzwischen iurrerlich überwunden, ein ungeduldiges und dabei siegesgewisses Streben nach Herbeiführung eines neuen, besseren Zeitalters erfüllte die Herzen aller Völker. Die politischen Ideale, noch nicht abgenutzt, weil noch nie verwirklicht, bewahrten ihre volle Anziehungskraft: die Begriffe Freiheit, Verfassung, Volks recht erschienen als unzweifelhafte Verheißungen vollkommenster' Glückseligkeit. Sie in das Leben einzuführen, waren in Italien und Spanien Revolutionen ausgebrochen, die zwar niedergeworfen worden, deren Donner aber immen noch drohend durch die schwüle Luft der heiligen Allianz klangen; den Aufstand der Griechen hatten schließlich die Regierungen der Großmächte selbst unterstützen müssen. Bald siegte dann die Julirevolution in Frankreich, erhoben sich Polen, Italien, Belgien, jagten selbst deutsche Stämme ihre legitimen Fürsten fort. „Auch in den jüdischen Jünglingen," berichtet Philippson, „lebte die Ueberzeugung, daß die drückenden Beschränkungen und Ausnahmen, unter welchen unsere Glaubeusgenossenschaft noch stand, nicht lange mehr bestehen könnten. Gewissermaßen der Instinkt sagte es uns, da äußere Anzeichen dafür noch nicht vorhanden waren. Wir arbeiteten in dem Sinne, als ob keine bürgerliche Schranke für uns da wäre. Dieser Gedanke war in uns so heimisch geworden, daß man ein Bedenken für die daninls noch so geringe Opportunität nicht hegte. So war die damalige jüdische Jugend durchaus höchst ideal angelegt und gestimmt, aber nicht träumerisch, nicht sentimental, sondern auf die Wirklichkeit im edelsten Sinne, insbesondere auf methodisch-wissenschaftliche Bildung gerichtet." Ludwig warf sich mit vollem, undermüdlichem Eifer in den breiten und majestätischen Strom der Wissenschaften. Philosophie, Jurisprudenz, Naturgeschichte — Alles umfaßte er mit innigem Behagen : aber vor Allem widmete er sich der klassischen Philologie, die er zu 'seiner Lebensaufgabe erkoren hatte. Freilich setzte er auch seine jüdisch-theologischen Studien bei einem gründlich gelehrten Talmud- Gelehrten fort, den er von den eigenen kärglichen Mitteln honoriren^ mußte; seine eigentliche Bestimmung schien ihm jedoch die Erforschung des griechischen und lateinischen Alterthuins zu sein. Jndeß die erste Frage war: wovon leben? Die kärglichen Hilfsquellen der Familie waren durch das kostspielige medizinische Studium des älteren Bruders versiegt. Die allgemeinen Stipendien waren nur Christen zugänglich; besondere Stipendien für Israeliten gab es damals noch nicht. Später hat Philippson sich einige Unterstützung von dem heimischen Fürstenhause durch Gedichte auf dessen Familienereignisse verschafft;