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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-13 · Heft 46 (13.11.1891) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 46 (13.11.1891)
Date
1891-11-13
Page
Seite 547 (sequence 7)
Language
German
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547 ist ungelenk, und vorzüglich die Mittel im Gebrauche des Metrums sind häufig und bisweilen so stark, daß sie den ganzen Eindruck eines sonst ansprechenden und selbst ergreifenden Gedichtes zerstören — ein Fehler, den er ganz nie hat beseitigen können. Jndeß schon in dieser Periode treten bei einzelnen Schöpfungen die Schwächen derart zuriick, daß jene wohl der Erhaltung würdig find und wir sie zum ersten Male dem Drucke zu übergeben gedenken. Kehren wir einstweilen zu der Darstellung der wunderbar umfassenden Produktivität des hoch begabten Jünglings zurück. Die „Lieder griechischer Weisheit" enthielten noch eine pindarische Ode, „An Kronos, den König der Hesperiden", sowie eine Gegenüberstellung von Heraklit, dem Pessimisten, und dem die Thorheiten der Menschen belachenden Demokrit. Auch in Deutschland herrschte nach den Befreiungskriegen die Romantik vor, die hier im Gegensätze zu der altgriechischen, kosmopolitischen Klassizität der Schiller-Goethe'schen Zeit sich in die vaterländischen Geschichte, zumal während des Mittelalters versenkte. Die Gedichte Ossians, die man damals allgemein für echt hielt, fanden die lebhafteste Bewunderung, selbst bei Goethe, und erweckten die Begeisterung für altdeutsche und überhaupt für altnordische Mythologie, die gegenüber der griechichen mehr und mehr bevorzugt wurde. Diese Richtung erfüllte auch den Geist Philippsons; eine Menge von Balladen und Romanzen entsprang seiner nie ruhenden Feder. Zwei Cyclen traten hier in den Vordergrund: zunächst, noch in den ersten Monaten seines Hallc'schcn Aufenthaltes „Aus der anhaltschen Geschichte", recht unreif und unvollkommen; dann, später gedichtet, reiferund abgerundeter „Proben der Blüthen des Nordens". Da besingt er Wodan als Welterschaffer, als Sonne, als Schlachteugott, als Einherienvater, als Inhaber der Weisheit und Dichtkunst, als Weltcnrichter und Asenkönig, sowie in der Götterdämmerung. Balders Tod wird von dem Barden Wulf erzählt und betrauert. Die Norncn lehren die Nichtigkeit irdischer Leidenschaft und die Herrlichkeit festen und würdigen Edelsinnes. Der jüngste Bruder, Julius, der überhaupt mit rührender Bewunderung an dem überlegenen Geiste Ludwigs hing, sammelte diese nordischen Balladen, schrieb sie sauber in ein Heft znsamme» und trug sie in den Deklamationsstuuden des Dcssauer Gymnasiums vor, freilich ohne den Verfasser zu nennen. Immer höher ging der Flug des jugendlichen Dichters; er versuchte sich auch in einer umfassenden didaktischen Komposition „Die Natur" (1827—28). Allein zu einer so gewichtigen Schöpfung reichte doch seine Kraft nicht aus. Von seiner Umgebung gelobt und ermuthigt, wagte er „Die Natur" an den damals hochgefeierten Dichter der „Urania", Christoph August Tiedge, einzusenden. Derselbe antwortete in einem Briefe, in dem er dem Verfasser eine schöne Zukunft als Dichter vorhersagte, aber auf größere Reifung zumal in der Form drang. Philippson nahm mit Ehrfurcht die Lehren des erfahrenen Dichters entgegen. Von der „Natur" war fernerhin nicht mehr die Rede. Dagegen arbeitete er im nächsten Jahre (1829) mit vielem Fleiße eine bescheidene didaktische Schöpfung aus, „Die Jagd", die in jeder Beziehung der Vorgängerin überlegen ist, so daß sie verdient, auch jetzt noch einem weiteren Leserkreise vorgefuhr zu werden. Die ernste Betrachtung des Lebens und der Natur befestigt in ihm nur den festen Gottesglauben, der ihm aus dem elterlichen Hause überkommen war. Freilich blieben ihm, wie jedem Denkenden, ernste Zweifel nicht erspart; die Summe des Elends und des Bösen auf der Welt schien dem Dasein eines allgütigen und allweisen Gottes zu widersprechen: allein schließlich löste sich ihm alles Hebel zn einer höheren und reineren Harmonie, zu einer vollkounnenen Gesetzinäßigauf. Diese tröstliche Ueberzeugung hat er in den Gedichten „Gotteserkenntniß", „An Madame Bondi", „Herr, Deine Sonne glänzet hell", lind anderen mehr ausgesprochen. Der Gedanke der Unsterblichkeit begeisterte ihn zu Versen, die offenbar den Klopstockschen Oden nachgebildet sind. Die allgemeinen Studien haben seinen treuen Sinn nicht, wie sie bei so vielen anderen jungen Israeliten jener Zeit gethan, der angestammten Religion entfremdet; die Sabbathfejer besingt er und das Streben, in der Gotteslehre, wie die Bibel sie enthält, rastlos voranzuschreiten. Die schweren und harten Kümpfe, die seine Familie seit dem Tode des Vaters zu bestehen gehabt, und die er selber täglich ausfechten muß, die Unsicherheit der Zukunft für ihn, den armen jüdischen Studenten, trüben begreiflicher Weise oft genug seine Stimmung. In dem Gedichte „Mein Leben" klagt der noch nicht Fünfzehnjährige: „Und so weit ich in dem Leben wallte, War nie lichtesheller Tag, war Nacht, Meine Memnonsharfe nimmer hallte, Wenn der Strahl der Sonne ist erwacht." Und in den Versen „All Madame Bondi": „Sieh', der Himmel meines Seins, umwöltet, War von keinem goldnen Streif erhellt; Wie die Blum' im heißen Sommer welket. Wenn des Quelles Tropfen ihr gefehlt! Und so schaut' ich finster in die Zeiten, Die der Sterne Schleier mir verhüllt: Ob mich Schmerz und Kummer stets geleiten Durch des Lebens enge Bahnen will." Die einzige Person, welche sich der bedrängten Familie annahni, war eine treue Freundin des verstorbenen Vaters, die Dresden bewohnte, Clara Bondi, eine wahrhaft edle, hochherzige und im schönsten Sinne »vohlthätige, dabei fein gebildete Frau, für die der Gymnasiast seine erste schwärmerische Zrureigung gehegt zu habeil scheint. „Sieh!" so redet er sie an, „Sieh, da trat ein Stern aus diesem Dunkel, Brach sich golden eine Strahlenbahn, Und in seinem himmlischen Gefunkel, Eilt er dem Gewölle schnell zn nah», Und mit seinem hehren Kranz zn malen Pupurroth, in Regenbogenlicht, Meines Seins umdüstert trübe Strahlen: Staunend schaut' ich dieses Sterngesicht! Und wie's herrlich übers Thal gelangte, Freude lächelnd, lieblich, immer näher, Und der Stern zn einem Bilde Prangte, War es Dein Bild, Dein Bild, götterhehr! Ach, wie lächelt es ans mich hernieder, Streute Ruh' der Tugend Hochgefühl In die wildnmtoste Seele nieder, Sinn für Reinheit, für das wahre Ziel!" Die letzten Worte beweisen jedenfalls, daß die jugendliche Leidenschaft Ludwigs für Clara Bondi eine durchaus verklärte und ideale war, wie heranreisende Jünglinge sie häufig für noch junge, ihnen aber an Jahre» immerhin weit voran geeilte Frauen zu einpfindeu pflegen. Noch in späten Zeiten gedachte Philippson dieser trefflichen Frau nicht ohne Rührung. „Solchen Menschen begegnet zu sein," sagte er dann, „wird ein wahres Besttzthum des Geistes, das über jede trübselige Erfahrung von Menschenschwäche, ja Entartung hinweg hebt." Anderer Art war die Dankbarkeit, die er seinem ältesten Bruder widmete: er verehrte ihn mit glühender Ergebenheit als den Leiter lind Beschützer seiner arinen Jugend. Immer wiederholt besingt er ihn, der ihm mehr war als Bruder, „seines Herzens Freund." Durch alle Trauer und trübe Sentinientalität brach sich aber immer

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