Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1891)
- Date
- 1891-11-13
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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M!W«WMWWW»MWN«FWWMWWD^^WWWMMWMMMMMMMM^^ - 54 6 -- köpfigen Schlange „Jndifferentismus", dem schleichenden Nebel, an dem alles religiöse Leben unserer Zeit krankt, ein Ziel gesetzt werden, so muß der Hebel mit aller Kraft an diesem Punkte einsetzen. Ich möchte meine Auseinandersetzungen in folgenden Forderungen gipfeln lasten: 1. die Religionsschulkommission muß eine alljährlich zu ergänzende Liste sämmtlicher schulpflichtigen jüdischen Kinder führen; 2. sott allen Eltern der die Religionsschule nicht besuchenden schulpflichtigen Kinder halbjährlich eine Aufforderung zur Einschulung zugehen; 3. sott diese Aufforderung von dem Ersuchen begleitet sein, über etwa anderweitig ertheilten Religionsunterricht auf einem beiliegenden gedruckten Formular eine Mittheilung zu machen, welche auch den Namen des betr. Lehrers der Religionsschule enthalten sott. Ich wollte hiermit nur andeuten, wie die äußere Organisation beschaffen sein muß, soll ihr anders die Lösung unserer wichtigsten inneren Frage in befriedigender Weise gelingen. Daß noch eine wirksame innere Organisation zu dieser äußern treten müßte, ist selbstverständlich. Einen Einwand, der nicht ausbleiben dürfte, sehe ich voraus. Ata» wird solches von keinen Machtmitteln unterstütztes Vorgehen als dem Ansehen der Gemeinde schädlich betrachten, es wird Manchem bedenklich scheinen, die Autorität des grünen Tisches solchen Proben auszusetzen. Ein wirkliches Hinderniß können solche Bedenken aber nicht sein. Weitblickende Leiter größerer Gemeinwesen werden mit Freuden ein Partikelchen ihrer Würde einem wohlthätigen Fortschritte opfern und gern eine vielleicht kleine Schmälerung ihrer Autorität hinnehmen, wenn dieser geringe Verlust den allgemeinen Interessen einen außerordentlichen Dienst zu leisten vermag. Auch mag die stete Fühlung, in die Gemcindemitglieder und Gemeindevorsteher zu einander treten, zu einem innigem Verhältniß zwischen beiden führen. Aber kleinliche Gesichtspunkte werden bei der Be- »rtheilung dieses Vorschlages gewiß nicht maßgebend sein. Gilt es doch nichts Geringes, nämlich gegen den Abfall und gegen den nicht minder schädlichen Jndifferentismus anzukämpfen, und gegen beide wird in einem blühenden Religionsschulwesen der stärkste Damm errichtet. d Ludwig Philippson. Eine biographische Skizze von Professor Dr. Martin Philippson. „Jene schwere Trübsal," schrieb er als sechsundsiebzigjühriger Greis, „welche durch meine Knabenzeit auf mir und meiner ganzen Familie ruhte, hatte doch auch ihre gute Wirkung, — eine Wirkung, welche sich wahrend meines ganzen Lebens fühlbar machte. Sie senkte niir früh den Ernst des Lebens ein, ohne doch das Gemüth zu erdrücken; sie entfaltete in mir eine Fülle von Empfindungen und gewährte inir doch zugleich die Kraft, meine Gefühle zu beherrschen. Oft saß ich stundenlang an dem Krankenbett meiner Schwester, lauschend auf jede ihrer Bewegungen, ob sie nach etwas verlange, und doch dabei eifrig arbeitend, meinen Cornelius Nepos oder den Bibelkommentar von Abarbanel studirend. Die Kraft, selbst in den schwersten Prüfungen den nie rastenden Anforderungen des Lebens zu geniigeu und unter den schmerzlichsten Empfindungen die einmal übernommenen Pflichten zu erfüllen, ward mir nie untreu. Die Zeit, welche von meinem Abgang von der Franzschule bis zum Eintritt in das Gymnasium verlief, benutzte ich eifrig. Ich benutzte das Bet-Hamidrasch (hebräisches Lehrhaus) des Herrn Cohn und arbeitete aufs Fleißigste Latein, bald auch bei einem Freunde meines Bruders Griechisch, für welche letztere Sprache ich eine große Vorliebe gewann. Ich hatte so Gelegenheit, die Bedeutung der Selbsthilfe frühzeitig zu erfahren." Lange währte diese schwierige Zeit des Ueberganges nicht. Bald nach dem Tode der Schwester wurde beschlossen, den Knaben auf das Gymnasium in Halle zu senden, wo er unter Aufsicht und mit Unterstützung des ältesten Bruders am schicklichsten seine Studien fortsetzen konnte. Aber nur mit Mühe, und durch den Einfluß des berühmten Kanzlers der Universität, des edlen Hermann August Niemeyer, erhielt er, als der erste Jude, zu Ostern 1826 die Aufnahme in die „Lateinische Schule" der großen Franckeschen Stiftung. Die nöthigeü Mittel für den Unterhalt brachte Religionsunterricht, den der Vierzehnjährige in mehreren jüdischen Fainilien ertheiltc. Drei glückliche, wenn auch arbeitsvollc Jahre verlebte Ludwig in Halle; aber die unabhängigste und mannigfaltigste Thätigkeit war diesem schöpferischen Geiste Bedürfnis; und Genuß. In der Schule einer der besten, schnell in die höchsten Klassen aufsteigend, dabei das Hebräische nicht vernachlässigend und Religionsunterricht ertheilend an Zöglinge, die älter waren als er selber, ließ er sich noch von seinem Bruder in die Anatomie führen, mit den Knochen und Bändern des menschlichen Körpers, mit Physik und Physiologie bekannt machen. Und außerdem fand der Knabe Zeit, eifrig die Klassiker aller Nationen zu studiren; und da er nie ganz rezeptiv sein konnte, da sich bei ihm alles Gelernte und Aufgenonnnene, wenn es ihm kongenial war, sofort in eigene Schöpfung umsetzte, können wir an seiner dichtenden Thätigkeit noch genau die Schriftsteller erkennen, die ihn in diesen Jahren beschäftigten. Unglaublich, was er hervorbrachte, und wo er die Muße hergenommen, um es hervorzubringen. Da finden wir den Versuch einer poetischen Uebertragung von Miltons „Verlorenem Paradiese"; einen Dialog „Gott, nicht Herr der Vergangenheit", zwischen einem Einsiedler und einem Atheisten, offenbar nach Byrons Vorbild. Das Altfranzösische des sechzehnten Jahrhunderts, das gerade damals durch die Pariser Romantiker wieder zu Ehren gebracht wurde, las er in den Gedichten von König Franz I. Hofdichter Clement Marot; flugs dichtet er „Epigramine in Marots Manier". Auch Schiller, der ihn schon in der Jugend begeistert, veranlaßt ihn zu Romanzen, mit wiederkehrenden oder leise variirten Schlußversen nach jeder Strophe. Das klassische Alterthum, zumal Griechenlands, büßte nichts von dein Schimmer ein, der es in der Seele des Gymnasiasteil seit lange umgab: so dichtete er „Lieder griechischer Weisheit". Ein Cyclus ninfaßte das Leben des Anaxagoras, und sein Inhalt und sein Ziel wird am besten durch die Worte bezeichnet, welche Philippsoir dem weiseil Fürsten in den Muild legt, als die Athener ihn wegeil seiner neuernden Philosophie auf den Tod anklagen: „Meiner Väter Purpilr warf ich hin, Den ererbten Schatz, mit freiem Sinn; Der Gedanke ist mein höchstes Gut, Nicht der Körper und sein dunkles Blut: Freiheit suchend kam ich nach Athen, Gut, die Freiheit soll ich wirklich sehn!" Diese Verse find überaus charakteristisch für die gesammten Dichtungen Philippsons in dieser friihen Zeit. Es spricht sich in ihnen eine bei dem jugendlicheil Alter des Verfassers ganz erstaunliche Tiefe des GedanenkS ans; die Sprache ist kräftig und bezeichnend, aber sie