Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1891)
- Date
- 1891-11-13
- Page
- Seite 542 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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542 lind unsere Hilfe deshalb in Anspruch nehmen. Kurz, um allen an uns herantretenden 'Anforderungen gerecht zu werden, müssen die Büttel in eine Hand gelegt werden. Ich stelle deshalb folgenden Zusatzantrag: „Sämmtliche gesammelten Gelder sind, soweit nicht besondere Bestimmungen der Geschenkgeber entgegenstehen, dem geschäftsführenden 'Allsschuß des deutschen Eentral-Komitees in Berlin Zn übermitteln." In der Debatte über diesen Antrag sprachen Herr Dr. Bamberg er (Königsberg), Herr Dr. Nahm er (Magdeburg), Herr Dr. Stern (Wien), der folgenden Antrag stellte: „Die sämmtlichen, für die russischen Juden gesammelten Gelder werden zu einem Hilfsfonds vereinigt und der Verwaltung des Berliner Eentral-Komitees unterstellt. 'Aus diesem einheitlichen Hilfsfonds werden die gesummten Ausgaben für die gemeinsame Hilfsaktion bestritten." Der Vorsitzende empfiehlt im Eintrag Stern an Stelle des Wortes „Verwaltung" die Worte „Verwaltung und Verwendung" zu setzen, da Verwaltung nur Konservirung des Bestehenden bedeute. Gegen diesen Antrag sprach zunächst Herr Rechtsanwalt Plotke «Frankfurt a. M.): Ich fcuut die Kompetenz der Versammlung nicht anerkennen, einen solchen Beschluß bezüglich 'Abführung der Gelder nach Berlin zu fassen, sondern diese Kompetenz reicht nur so weit, den einzelnen Komitees das, was vorgeschlagen ist, zu empfehlen. Wenn Sie gleichwohl den Antrag Stern annehmeu, fömteti wir ihn als für uns bindend nicht anerkennen, sondern werden an unserer Autonomie wie früher festhatten, aber bei jeder einzelnen 'Angelegenheit zum Zwecke der 'Anfrechterhaltung der Einheit uns Ihnen anschließen. Herr Dr. Auerbach (Cöln> beantragtdaß den Provinzial-Komitees der Auftrag ertheilt werde, innerhalb ihres Bezirks Aufrufe zu erlassen und nach den hier ausgestellten Grundsätzen Gelder zu beschaffen, damit die Kollision zwischen den Provinzial- und den Haupt- und kleineren Komitees aufhöre. Es entspinnt sich nun eine lebhafte Debatte, au der Rechtsallwalt Breslauer, Dr. Simonsen, K. G. Franzos sich betheiligen. Sodann erklärt der Vorsitzende: M. H. Ich möchte zunächst eine Erklänmg abgeben, die unsere weitere Debatte möglicherweise sehr fördern wird. Die Frankfurter Herren haben erklärt, sie würden sehr gern bereit sein, mit uns Hand in Hand zu gehen, wenn nicht blos ihrem Komitee, sondern auch den andern deutschen Komitees ein größeres Bestimumngsrecht eingeräumt würde. Ich habe schon gestern mitgetheilt, daß es uns nur erwünscht sein kann, möglichst mit den andern Komitees zusarnmenzugehen. Der geschäftsführeude Ausschuß kann sieh durch Kooptation jederzeit verstärken. Ich bitte, daß die Herren die Güte haben, anzugeben, wen sie in den geschäftsführenden Ausschuß kooptirt haben möchten! Uns liegt vor 'Allem daran, eine einheitliche ^lbstimmung herbeizuführen. Es ergreift nun das Wort Herr Rechtsanwalt Plotke «Frankfurt a. M.): M. H. Nachdem der Herr Vorsitzende die eben gehörte Erklärung abgegeben, noch ein Wort für die Frankfurter. Dieselbe Empfindung, die Herr Franzos zum Ausdruck gebracht hat, ist auch die uusrige. Wir wollen nichts anderes, als daß unsere unglücklichen Brüder unterstützt und gefördert werden, so sehr wie möglich. Von diesem Gesichtspunkte aus haben die Frankfurter gearbeitet, sind von Haus zu Haus gegangen und haben angefeuert. Und es ist uns gelungen. Tenn wir haben die Hälfte der Mittel aufgebracht, die von dem übrigen Deutschland zusannnen eingegangen sind. Unter diesen Umständen haben wir wohl ein gewisses Recht zu sagen: thun wir so viel, dann wollen wir auch mitreden. So wie die Sache jetzt liegt, so gut auch das Komitee gearbeitet hat — und ich bin der Letzte, der das in Abrede stellen möchte — so war es doch immer nur ein Berliner Komitee. Wir im Westen und im übrigen Deuschland, die wir ihm unsere Mittel geben, wir werden nicht die Möglichkeit haben, mitzureden, da können Sie wählen, wen Sie wollen. Aus dem Berliner Komitee muß ein deutsches werden und vorn deutscher: zrrm internationalen sich errtwickelrr. Aber daß wir einige Herren in das Komitee wählen, das wäre für diese Sachlage nur eine halbe Maßregel, die zwar gut gemeint, aber nicht entsprechend ist. Das ganze Judenthnm muß sich betheiligerr und dadurch das Komitee sich ergänzerr zu einern wirklichen Central - Komitee. Was bisher geleistet worden ist, ist nur ein Tropfen! Die Frankfurter haben alles Mögliche zur Abhilfe der Noth gethan. Sie haben zu 5000 und 3000 Mk. gegeben, und zwar auch vom Vermögen, nicht blos , oonr Einkommen« Der Herr Vorsitzende leitet nun die Abstimmung ein. Der Antrag des Ausschusses wird in nachstehendem Wortlaut einstimmig allgenommen: „ Jedes Land veröffentlicht einen 'Aufruf: für Deutschland wird eine einheitliche Form festgesetzt. Die Veröffentlichung erfolgt möglichst zu gleicher Zeit. Es bleibt jedem Komitee überlassen, zu bestimmen, ob der Aufruf konfessionell oder interkonfessionell unterzeichnet werden sott und ob Zusätze den lokalen Bedürfnissen entsprechend zu machen sind. " Vorsitzender: Es liegt demnach nur der Wiener Antrag und der 'Alltrag Dr. Auerbach-Cöln vor. Der letztere Antrag lautet: „In der Voraussetzung, daß das Central-Komitee die Komitees, die sich ihm angeschlossen haben llnd nach feinen Grundsätzen verfahren, stets mit seinen Geldmitteln unterstützt, erklärt die Delegirten - Versammlung es für dringend erforderlich, ihre Mittel, soweit keine besonderen Bestimmungen oder vorauszusehenden dringenden Lokal - Anforderungen entgegenstehen, dem Central - Komitee zuzusellden! " M. H., der weitergehende Antrag ist der erstere, sollte dieser angenommen werden, so entfällt jener des Herrn Dr. 'Auerbach. Der Wiener 'Antrag lautet: „ Die sämmtlicheu für die russischen Juden gesammelten Gelder werden zu einem Hilfsfonds vereinigt, der der Verwaltung und Verwelldullg des Berliner Central-Komitees untersteht. 'Ans diesem einheitlichen Hilfsfonds werden die gesanunten Allsgaben für die gemeinsame Hilfsaktion bestritten. " Der Antrag erscheint einstimmig angenommen. Die Sitzung'wird um i2l4 Uhr vertagt und um 1. Uhr wieder ausgenommen mit einer Erklärung des Vorsitzenden. Meine Herren» Ich habe Ihnen namens des geschäftsführenden Ausschusses eine Mittheilung zil machen. Als ich gestern die Ehre hatte, die Versannnlung zu eröffnen, habe ich bereits Veranlassung genonrmen, Ihnen unsere Stellullg zu der Sache klar zu legen. Es ist eine Sache der Unmöglichkeit, daß ein Komitee wie das unsrige belastet werden sott, llnd daß ein jedes andere Komitee die Befugnis; hat, zu sagen, wir lehnen diese oder jene Maßregel ab Wir erwarteteil Seitens der auswärtigeil Komitees möglichst ein gemeinsames Arbeiten. Aber gerade von denjenigell Herren, die der Pariser Alliance angehören, ist hier erklärt worden, daß ein Antrag, wie der voll dell Wiener Herren Delegirten gestellte, keitlesfalls auf Sympathie zu rechnen habe. Diese Anschauung, die hier zu Tage getreten ist und die Misere ganze 'Aktion in Frage stellen dürfte, hat uns zu der Erwägung geführt, ob wir in der Lage sind, die Geschäfte fortzuführen. Wir sind nicht willens, nur ein Lokal-Komitee zu bilden, das von dem guten Willen und dem Gntdüllkell der Einzelllell abhängt. Schon bei Beginn der heutigen Sihllng habe ich mir zil bemerken erlaubt, daß der geschästsführende Ausschuß sehr gerll bereit ist, alls anderell Koinitees Mitglieder zu kooptiren, darnit die Herren ailch so weit als thunlich mitberathen und nicht blos zahlen. Wir haben daher folgende Resolution gefaßt: „ Wir sehen uns rlicht in der Lage, die Geschäfte weiterzuführen, wenn uns nicht auch die genügenden Mittel dazll gewährleistet werden. Wir haben uns daher entschlossen, urlser Amt irr corpore niederzulegen wenn uns rlicht £>imien vier Wochen die Zustimmung der deutschen Konritees, welche heute denr 'Alltrag Stern nicht zugestimmt haben und die Unterstützung voll ausländischerl .Komitees, soweit für Misere Zwecke nothwendig, gewährleistet wird." Es soll das keineswegs eine Drohung sein; aber so wie bisher geht es wirklich rlicht mehr. Wenn Sie etwas wollen, so müssen Sie es auch ganz wollen, und die einzelnen Komitees sich unterordnen. Gegen diese Resolution sprachen nun die Herren Geh. Sanitätsrath Kristeller (Berlin), Isidore Loeb, Professor Dr. Lazarus (Berlin), Julius Kauffmann «Hannover), M. W. Hinrichsen «.Hamburg) und Herr Dr. Auerbach, der folgende Resolution vorschlügt: „ Ullter Anerkellnung des lebhaften Dankes für die bisherige Tätigkeit des Central-Komitees ersticht die Delegirten-Versammlung den geschästsführerlden Ausschuß, innerhalb zweier Monate eine Versammlung nach Berlül mit Tagesordnung einzuberufen, zu der die verschiedenen Paupt-Komitees aller Länder, Herr Barorl von Hirsch und die deutschen Hrovinzial- und größeren Lokal-Komitees einzuladen sind behufs Bildung eines internationalen Konritees und eines erweiterten geschäftsführeuden Ausschusses."