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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-13 · Heft 46 (13.11.1891) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 46 (13.11.1891)
Date
1891-11-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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55. Jahrgang. Ar. 46. Allgemeine Berlin, 13. November 1891. ettung des Zudenlbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nablrrner Dr Ludwig Philippson-Bonn verlags-Grpe-ition: Lerlm, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthnms", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel r Die Deleairlen-Versammlung.—Wolf und Lamm. Von Dr. Adolf Jellinek. — Moralischer Unterrichtszwang. Von Bernhard Traubenberg. — Ludwig Philippson. Von Prof. Dr. Martin Philippson. (Fortsetzung.) — Wissenschaft und Litteratur: Das Al' e in Bibel mtb Talmud. Von Dr. Adolf Rosenzweig. (Fortsetzung.) — Feuilleton: Der heilige Herr. Roman von Ferdinand Difffenbach. (Fortsetzung.) — Literarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Schwedt, Marburg, Fürth, Lübbeckeu i. W., Osnabrück, Capentras. Riga. — Bon Nah und Fern. — Miscetten. — Geschäftliches. — Notizen. Me Nelegirten - Uersammlung. Berlin, 9. November. War der erste Tag der Delegirten-Versammlung den Berichten des Central-Komitees gewidmet, so galt die Arbeit der zweiten und wichtigeren Sitzung den großen Fragen, wohin die Kolonisation der russischen Juden zu lenken und woher die Mittel für dieselben zu nehmen seien. Die Sitzung wurde durch den Vorsitzenden, Justizrath Meyer, der zunächst die Frage der Beschaffung der Geldmittel zur Debatte und Beschlußfassung zu stellen erklärte, eröffnet. An der Debatte betheiligten sich die Herren Moritz Joseph (Halberstadt), und Generalkonsul Eugen Landau (Berlin), der im Namen des geschäftsführenden Ausschusses beantragte: „Jedes Land veröffentlicht einen Ausruf; für Deutschland wird eine einheitliche Form festgesetzt. Die Veröffentlichung erfolgt zu gleicher Zeit. Es bleibt jedem Komitee überlassen, zu bestimmen, ob der Aufruf konfessionell oder interkonfessionell unterzeichnet werden soll." Die erste Frage, also, die wir zu entscheiden haben, ist die, ob an die Oeffentlichkeit appellirt, ein Ausruf erlassen werden soll. Wir haben uns für den Erlaß eures Aufrufs entschieden, der bereits entworfen ist. Die Bestimmung darüber, ob der Aufruf konfessionell oder interkonfessionell sein soll, möchten wir jedem einzelnen Komitee überlassen, weil für die eine Provinz etwas zweckmäßig sein kann, was es für die Reichshauptstadt oder eine andere Provinz nicht ist. Vorsitzender: Der Antrag des Eentralkomitees geht auch wesentlich dahin, daß es wünschenswerth ist, für Deutschland einen gleichlautenden Aufruf zu erlassen. Mit der Entwerfung desselben haben wir Herrn Karl Emil Franzos beauftragt. Ich ersuche ihn, seinen Entwurf vorzulesen. Herr Karl Emil Franzos (Berlin): M. H. Ich bin bei der Abfassung des Aufrufs von keiner konfessionellen Anschauung ausgegangen, und habe ihn so gehalten, daß er von Jedermann, der ein Herz für unverschuldetes Elend hat, unterzeichnet und beherzigt werden kann. Handelt es sich doch hier überhaupt um keine konfessionelle, sondern eine Frage der Menschlichkeit. Ich habe mich ferner auf die nothwendigen Thatsachen beschränkt und sie möglichst ruhig vorgebracht, weil ich der Ansicht bin, daß leidenschaftliche Klagen und Anklagen nicht nöthig sind, wo das Unglück so unermeßlich ist und daher am wirksamsten selbst für sich spricht. Mein Entwurf lautet: „Schwere Drangsale sind über die Juden in Rußland herein gebrochen. Veraltete Gesetze, selten vorher gehandhabt, werden jetzt mit äußerster Strenge durchgeführt, und jeder Tag bringt neuen, noch härteren Druck. Schon sind Tausende aus Heimath und Erwerb vertrieben; glücklich, wer die Reste seiner Habe rettet; die Meisten verlassen als hilflose Flüchtlinge die Statte, wo sie als fleißige Bürger, den Ihren zum Segen und Niemand zu Leide, ihr Brod erworben. Daß man sie nicht über die Grenze verweist, was frommt es ihnen?! In den überfüllten Bezirken, wo sie vielleicht geduldet würden, erwartet sie nur der Hunger. Sie müssen auswandern und mit ihnen Alle, die sich durch geistiges Streben ein menschenwürdiges Loos zu erringen gehofft. Denn gleichzeitig sind den russischen Inden alle gelehrten Berufe verschlossen worden. Die ganze gesittete Menschheit ist einig in ihrem Mitgefühl für dies große und imverschuldete Elend. Dieses Mitgefühl hat uns, deren Vaterland die Flüchtlinge zuerst betreten, die Mittel zugeführt, durch die wir bisher die Noth gelindert: wir haben die Unglücklichen bis an die fernen Gestade ihrer neuen Heimath geleitet und sie auch dort nicht hilflos gelassen. Diese Mittel gehen zu Ende, die Noth aber ist im Wachsen. Die Zahl der Flüchtlinge, die Schwierigkeit, ihnen neue Wohnstätten, neuen I Unterhalt zu schaffen, wird immer größer. Darum haben wir uns entschlossen, auch auf diesem Wege das Erbarmen für die Unglücklichen anzurufen. Möge das werkthätige Mitleid gleich groß sein, wie die Noth, die gelindert werden soll. Und so bitten wir Alle, Alte, die menschlich fühlen, uns ihre Spenden bald und reichlich zukommen zu lasseil." Herr Kommerzienrat!) Goldberger: M. H.! Wir wollen einenröglichst eiliheitliche Fassung des Aufrufes zur Berathung bringen und annehmen. Mir ist aber die einheitliche Fassung des Aufrufes nicht das Wesentlichste; ein Wort mehr oder weniger ist nicht von solcher Wichtigkeit. Herr Franzos hat einen nach Form und Inhalt gleich schönen 'Aufruf verlesen, der mit unwesentlichen Aenderungen jeden: Land wird angepaßt werden können. Für mich ist der Schwerpunkt vielmehr in der einheitlichen Zuführung der gesammelten Gelder an das deutsche Ceutral-Komitee. Wenn wir Ihnen die Frage vorgelegt haben: wie werden die Mittel beschafft? so haben wir gedacht: wie werden die Mittel für die Centralstelle in Berlin beschafft? denn hier sind die hauptsächlichsten finanziellen Aufgaben zu bewältigen. In diesen: Sinne und in Uebereinstimmung mit dem Herrn Vorsitzende:: erlaube ich mir Ihnen einen Antrag zu unterbreiten; einer langen Begründung wird es wahrlich nicht bedürfen. Sie wissen, wozu wir das Geld brauchen, daß wir es nicht zu Spezialzwecken verwenden. Sie wissen, daß die Beförderung der Auswanderer von hier aus in die richtigen Wege geleitet wird und alle Kosten durch uns bestritten, werden. Sie haben den Antrag der Wiener Herren gehört, welche erklären, die nöthigen Fonds nur mit großer Schwierigkeit aufbringen zu können.

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