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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-11-06 · Heft 45 (6.11.1891) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 45 (6.11.1891)
Date
1891-11-06
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 H Pleschen, 1. November. Die Mitgliederzahl der hiesigen israelitischen Gemeinde ist nach dem Endergebnis der am 1. Dezember v. I. stattgefundenen Volkszählung gegen diejenige der vorletzten von 700 auf 050 Seelen znrückgegangen. Die Ursache dieser Verminderung liegt in dem massenhaften Wegzug der wohlhabenden Familien nach größern Städten und in der Auswanderung ganz armer Familien nach Amerika. Es macht sich diese Kalamität jedem einzelnen Gemeindemitglied um so fühlbarer, da die Gemeinde, um die etatsmäßigen nothwendigen Erfordernisse anfzubringen, genöthigt ist, 80 Proz. der Staatseinkommensteuer an Kultusabgaben anfzubringen. Um so anerkennenswerther ist es, wenn sich hochherzige Männer finden, die, obwohl schon seit Jahren fern von ihrer Gebnrtsstadt, derselben doch ein liebevolles Andenken bewahren. — So hat vor Kurzem Herr Bankdirektor Salo Karminski zu Straßbnrg i. E. seiner Vaterstadt Pleschen zur Erweiterung, resp. Umzäunung des hiesigen Friedhofs 2100 Mark und zur Gründung einer zum Andenken an seine hier ruhen den Eltern errichteten Stiftung 1000 Mark, sowie zwei ihm eigenthi'nnlich gehörige Synagogen-Sihstellen geschenkt. * Posen, 2. November. Die Einweihung des liniere Mnhlenslraße Nr. 3 errichteten Heims für die seit 19 Jahren hier bestehende israelitische Wai se n -M ädch e u (§ x 3iei)u n g §an ft a 11 fand am 20.v.M. Mittags im Beisein des Synagogenvorstandes, der Gemeinde-Repräsentauteu uitb eingeladener Gäste statt. Ein Psalm, gefangen von zwölf Anstattszöglingen leitete die Feier ein, worauf Herr Heilbroun im Namen des Vorstands die Gäste willkommen hieß imb Mittheilnngen über die Gründung, die Leistungen und die Aufgaben der Anstalt machte Derselbe dankte auch Herrn Stadtbanrath Grnder für seine Unterstützung bei der Ausführung des Baues. Herr Gemeinderabbiner Dr. Fei Ich eil - feld hielt sodann die Weihrede linb Herr Rabbiner Dr. Bloch sprach den Segen für das kaiserliche Haus. Nachdeni vier Anstaltszöglinge eine Dichtung vorgetragen, dankte Herr Gvldenring im Namen der Gemeinde dem Vorstande für die Mühen uiib Opfer, welche er gebracht habe, um den früh verwaisten Kindern ein eigenes Heim zu schaffen, und für die günstigen Erziehllngsresnltate, worauf ein Chorgesang der Zöglinge die Feier schloß. Auf dieselbe folgte Besichtigung der Anstalt seitens der Gäste. Die Hellen schönen Räume siild einfach, jedoch sehr praktisch ansgestattet. Die Einrichtungen sind derart hergestellt, daß jedes Kind sich schon zeitig an Selbständigkeit, Ordnung und Sauberkeit gewöhnen muß. In gesllndheitlicher Beziehung ist für die Kinder bestens gesorgt, indem große, luftige Arbeitsuub Schlassäle reichliche Wasch- und Badeeinrichtungen, sowie ein Turnzimmer vorhanden sind, uub ein hübsches, gepflegies, znm Theit schon schattiges Gärtchen sich an das Anstaltsgebäude allschließt. Wir wünscheil dem thätigen Vorstalld eine fernere günstige Entwickelung der Anstalt, damit gute Erfolge ihn für seine Mühen entschädigen. — Der Vorstalld der hiesigeir Synagogeil-Gemeinde beabsichtigte, vor denl Kölligsthor Hierselbst ein großes Krankenimb 6 iechenhaus in massiver Bauart Herstellen zu lassen, zli welchem Zweck er eine vier Morgen große Flüche angetanst hatte, erhielt jedoch dazu nicht die Geliehmigullg der Kommandantur. Ein in dieser Angelegenheit an den Kaiser gerichtetes Immediatgesuch wilrde gleichfalls abschläglich beschieden, so daß das Gebäude in Fachwerk hergestellt werden muß. 0 Hechirrgeri, 2. November. Die „Hohenzvll. Blätter" schreibeil: „Ein seltenes Fest wurde gesterll voll unseren israelitischen Mitbürgern gefeiert. Am 20. Oktober 1861 wurde nämlich Herr Baruch sen. in den israelitischeil Gemeindevorstand gewählt, welchem er seiLdeni imunterbrochen angehörte. Fast ebenso lange ist er auch Mitglied des Lokalschulvorstands; in beiden Körperschasteil führt er seit etwa 10 Jahren den Vorsitz. Obwohl sich Herr Baruch jedwede festliche Begehung des 30jährigen Gedenktags seines Wirkens für die Gemeillde entschieden verbeten hatte, ließ es sich dieselbe nicht llehmen, eine eillfache aber würdige Feier des Tages zu veranstalten. Um 11 Uhr begabell sich die Vorstandsuub Ausschußmitglieder mit dem Herril Oberamtmann Longard in die Wohnung des Jubilars. Auch einige Gemeindemitglieder hatten sich allgeschlossen. Dort hielt das älteste Mitglied der Gemeindevertretung Herr Fabrikant Julius Lern eine warm empfundene Allsprache, in welcher derselbe der segellsreichell Verdienste des Herrll Baruch gedachte, uub überreichte im Namen der Gemeinde eine kunstvoll ansgesührte Gedenktafel mit passender Jilschrift sowie einen silbernen Pokal mit Widmung. Herr Oberamtmann Longard brachte dem Gefeierten im Namen des Oberaints nub der Königlichen Regierung. Glückwünsche dar und betonte die Verdienste des Jubilars als Bürger llnd Industrieller, besonders als humaner Arbeitgeber, yiameus des Rabbinats, der Schule lind des Vorbeteramts sprach Herr Lehrer Levi den gebührenden Dank und rückhaltlose Anerkennung für die mühevolle 30jährige Thätigkeit für das Gedeihel, der Gemeinde aus. Bei einem darauf folgenden, Volt der Familie des Jubilars dargebotelleil solenllen „Frühschoppen" wurde' iloch manch heiterer Trinklpruch ansgebracht. Des Nachmittags machte die israelitische Schuljugend mit ihrem Lehrer einen Ausflug irach Stetten, wo sich der Gefeierte und die übrigell Vorstandsmitglieder mit ihren Familien einfanden." Hinzufügen wollen wir noch, daß Herr Baruch — Chef des bekannten Hauses B. Baruch und Söhne in Hechingen — bereits 10 Jahre Mitglied der Centralstelle für Landwirthfchaft uub Gewerbe für die Hohenzollernschen Lande ist. Am 1. Oktober ist er 60 Jahre alt gewordeil. Möge ihm noch eine lange Reihe von Jahren beschieden sein! D Kreuznach, 2. November. Die Katze kann das Mausell und Herr Stöcker das Hetzell nicht lassen. Beim Familienabend des hiesigen „Evangelischen Vereins" hatte der einstige Hofprediger einen Vortrag gehalten und dabei — wer weiß aus welchen Ursachen — es unterlassen, sein Müthchen an den Juden zu kühlen. Diese Unterlassungssünde drückte den friedliebenden Mann so sehr, daß er sich schnell beeilt hat, bei der später erfolgten Drucklegung der Rede in Form einer Rede das Versäumte um so gründlicher nachzilholeu. Wir können es uns nicht versagen, hier Einiges zu wiederholen, was der geistliche Herr über uns böse Menschen sagt: ., . .. . Dieses Volk, durch Abstammung und Natur, durch Glaube und Sitte von uns geschieden, an Zahl kaum ein Achtzigstel der deutschen Bevölkerung, hat mit seinem schlauen Verständnis; für eigen eil Nutzen und fremde Schwäche den deutschen Mangel all Nalionalgefühl und an christlicher Energie dazu benutzt, fiel) eilte Stellung zu erobern, die sich für die Jndell uictjt geziemt und unser Bolksthnm bedroht. Auf die beiden Pulsadern des irdischen und geistigen Verkehrs, das Geld nub die Presse, haben sie ihre Hand gelegt nub weite Kreise unseres Vaterlandes geradezu unterjocht. An der Börse sind sie die Könige, im Handel die Herren; in Stadt und Land üben sie durch schlechte Geschüftsgrnndsätze und gewissenlose Handlungsweise, durch das Magazin-Unwesen und das Hausiren. durch Bankerott und Wucher vielfach einen verhäilgnißvollen Einfluß uub bringen Tausende von Bürgern und Bauern an beu Bettelstab. In der Presse, die zu drei Vierteln in ihren oder ihrer Christenstlaven Händen ist, verderben sie den Geist der Nation, da sie Alles lediglich nach dein Jilteresse des Judenthums benrtheilen und Fürsten wie Völker, Staaten wie Kirchen, Menscheil wie Dinge unter ihre Macht zu beugen suchen. Mit ihrem Geld und Gut verführen sie, mit ihren Zeituiigen und Journaleil bedrohen sie Jeden, der ihneil nicht zn Willen ist. Viel haben sie erreicht; deutsches Wesen und christlicher Glauben haben feit Langem durch sie gelitten. Ihre Presse ist voll voll Kirchenfeindschaft uub Umsturz; in der politischen wie in der sozialen Demokratie sind sie Führer; eiil Jude, obwohl derselbe Großindustrieller und Großkapitalist ist. ließ sich ans dem sozialdemokratischen interuatioualeu Kongreß zum Präsidenten ansrufen. Es erscheint mir unwürdig und für die deutsche Zukunft bedrohlich, daß die Juden ans der einen Seite die Mammvnsherrschaft und damit die soziale Gefahr verschärfen, auf der anderen Seite in ihren Zeitungen das Volk gegen seine weltlichen und geistlichen Ordnungen aufhetzen und damit den sozialen Umstllrz schüren....." Die Phrasen sind ja die alten; ein Fortschritt ist jedoch, daß der Herr Hofprediger a. D. es nicht mehr für opportun hält, dieselben mündlich vorzutragen, sondern sie dem geduldigen Papier anvertraut. Er ist wohl selbst schon zu der Einsicht gekommen, daß iit einem Vorträge das hiesige Publikunl solche hulldertmal widerlegten Unwahrheiten nicht wiedersprnchslos hingenonlmen hätte. Oesterreich- Ungarn. w Wien, 19. Oktober. Der sattsam bekannte Ernst Schneider wurde dieser Tage in offener Parlamenlssitznng als Fälscher und Lügner gebrandmarkt. Seine Freunde uub Genossen thun so, als wenn nichts geschehen wäre : ja sie arrangieren Wählerversammlungen, die natürlich aus den erprobten Anhängern bestehen, welche dem Fälscher und Lügner das Vertrauen votiren. Schneider geht jedoch als Gezeichneter herum, uub obschon er eine eiserne Stirn hat, so wird ihm Niemand das Brandmal wegwischen und über kurz oder lang wird er vom Verhängniß ereilt werden. — Die ganze Sippe der Antisemiten wurde überhaupt in letzterer Zeit von harten Schicksalsjchlägen getroffen. Der Kaiser hob bei seiner jüngsten Anwesenheit in Prag der jüdischen Deputation gegenüber beu Patriotismus der Inden hervor.und nun widerfährt iliiiiiT-i'?'irtr-\ T^TiilriiWi riV>

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