Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1891)
- Date
- 1891-11-06
- Page
- Seite 540 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- 540 - In den aristokratische» Kreise», wo die Lektüre Voltaires »nd der Euryklopädisten verbreitet war »nd wo jene Ideen einer Menschenverbrüderung außerhalb der Kirche, welche gerade iiy der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts so raschen Anklang fanden, bereits zahlreiche Anhänger gefunden hatten, legte man dem' Vorgang keinen großen Werth bei; vielfach belachte man sogar die mit so großem Pomp in Szene gesetzte Judentaufe. Auch der Großkronmarschall Graf Lubomirski gehörte zu jenen Skeptikern, welche an dem großen Freudenfest, welches man heute beging, nicht den. gebührenden Antheil nahmen. Als sich des Abends in dem bischöflichen Palaste bei Bischof Dambrowski ein kleiner Zirkel, zu welchem der Primas Lubienski und der Großoffizial Turski gehörten, gesellig zusammenfand, machte er ans seinen Zweifeln kein Hehl. „Meine Herren," sagte er, „ich weiß es, die Kirche denkt hierüber anders, aber ich vermag dem Uebertritt der Juden zum Christenthum, dessen Zeugen wir heute waren, keine große Bedeutung beizumessen. In früheren Jahrhunderten wäre das anders gewesen, aber heute sehe ich nicht ein, zu was uns das nützen soll. Unsere Philosophen sehen in dem Glaubensbekenntniß nur eine Schranke, welche die Menschen von einander trennt. Unser Bemühen ist es heute, diese. Unterschiede, welche die Menschen trennen, zu überbrücken. Mit so viel Ehrfurcht ich daher von unserer Religion denke, so sehe ich doch nicht ein, worin das Hemmniß liegen soll, welches uns hindert, Anders-' gläubige in unserem Staat als gleichberechtigt anzuerkennen." „Herr Graf, diese Ansicht gehört zu den Jrrthümern unserer gegenwärtigen Philosophen," erwiederte Turski. „Ich spreche hier, nicht als Priester, ich spreche einfach als Bürger der Republik über das von Ihnen angeregte Thema. Jeder, der sich mit dem Staat und seinen Aufgaben näher beschäftigt hat, wird mit mir zur Erkenntniß kommen, daß die Religion unmöglich etwas für den Staat Gleichgiltiges sein kann. Jedem Staat liegt bei seiner Politik ein bestimmtes Moralsystenr zu Grunde. Das Moralsystem ist aber wesentlich abhängig von der Religion. Was die Politik der nach dem Znsammensturz des römischen Reiches entstandenen Staaten in moralischer Hinsicht wesentlich von denen' des Alterthums unterscheidet, ist der Einfluß des Christenthums. Würden wir uns, anstatt uns darauf zu beschränken, gläubige Christen zu sein und gehorsam allen Aeußerlichkeiten nachzukommen, welcher uns unser Kultus vorschreibt, uns bemühen, wie dieses unsere Voreltern thaten, unser öffentliches und häusliches Leben auf christlicher Grundlage einzurichten, so würden wir nicht überall der Verschwörung, der Bestechung, dem Raub, der Gewaltthat und der Lüderlichkeit begegnen, welche unser Staatswesen: untergrabeil und am Marke unseres Landes zehren." „Aber Hochwürden," erwiederte der Graf, „damit ist mir noch nicht bewiesen, warum die Taufe von Juden unserem Staate, der doch einen christlichen Charakter trügt und der Bekehrung einiger. Juden nicht bedarf, Vortheile bringen soll." „Verehrter Herr Graf," sprach der Generaloffizial, „denken Sie, - eine furchtbare Schlacht sei über Ihre Güter hinweg gebraust und, Sie seien genöthigt, Alles nach neuen Grundsätzen einzurichten. Werden Sie sich da um einiges alte Mauerwerk kümmern, das zufällig aus der Zeit vorher noch zurückgeblieben ist? Sie werden's umreißen und sich dadurch bei dem Plan der Eintheilung Ihrer Felder nicht beeinflussen lassen. So ist's mit dem Judenthum. Es ist eine Ruine aus einer um achtzehn Jahrhunderte hinter uns liegenden Kulturepoche, welche zu der Gegenwart auch gar keine Beziehung mehr hat. Es ist gar kein Grund vorhanden, warum wir diesem Volk, das sich der neuen Kultur mit einer bewunderungs-, würdigen Zähigkeit cntgegenstellt, Rechte einräumen sollen, die wir Niemand in unserem Staate gewähren; warum soll es eine eigene Kaste in unserer Mitte bilden und sich hochinüthig non uns abschließen?" „Hochwürden," sagte der Graf, „ich vermag mich zu dieser Ansicht darum nicht zu bekehren, weil ich in der seitherigen Abschließung der Juden keinen Nachtheil für unsere christliche Kultur erblicken kann. Jüdische Gelehrte haben in der schlimmsten Zeit unserer Geschichte, in der Völkerwanderung und während der Kämpfe des Islams uns die Kultur des Alterthums retten helfen; sie haben uns die litterarischen Schätze des Morgenlandes übermittelt und haben in mannigfacher Weise zur Erhöhung der Kultur des Abendlandes beigetragen. Man nennt in der Geschichte eine Reihe vorzüglicher und tugendhafter Juden, wodurch also gleichfalls bewiesen wird, daß das Jndcnthuiu kein Hinderniß für die Kultur ist." Man wundere sich nicht, daß Graf Lubomirski dein Prälaten mit so viel Belesenheit antwortete. Die Aristokratie des vorigen Jahrhunderts stand in geistiger Hinsicht weit über derjenigen der Gegenwart. Die damalige Aristokratie pflegte nicht wie die heutige einseitig den Sport. Sie setzte ihren Stolz darin, Kunst und Wiffenschaft zu fördern. Sie protegirte nicht nur Sängerinnen und Schauspielerinnen, um schließlich mit einer Heroine der Bühne eine „Mesalliance" einzugehen, sie begünstigte auch Gelehrte und Schriftsteller; sie pflegte das Studium der Geschichte und des Alterthums, und massenhaft wanderte die Aristokratie aller Länder um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nach Italien, um. angeregt durch das Studium der Werke Winkelmauns, sich an der Schönheit der Antike zu freuen. Graf Lubomirski war ein Aristokrat, der an Wissen sich auf der Höhe seiner Zeit befand und welcher an allgemeiner Bildung dem Generaloffizial nicht viel nachstand. „Graf," erwiederte ihm der Prälat, „Sie gehen von zwei irrigen Voraussetzungen aus. Einmal scheinen Sie die Mission des Christenthums ein für allemal für abgeschlossen zu halten, und dann halten Sie mir einzelne Beispiele von Juden vor, die sich in irgend einer Weise auszeichneten, um mir dadurch zu beweisen, daß das Judenthum an sich der Kultur nicht feindlich gegenüber stehe. Ich für mein Theil sehe für das Christenthum noch eine große Zukunft voraus, wenn auch die Gegenwart dieser Behauptung zu widersprechen scheint. Es giebt jedoch Perioden in der Geschichte der Kirche, in welchen der Geist Christi minder kräftig wirkte als in anderen. In einer solchen Periode befinden wir uns offenbar heute. Es ist aber kein Grund vorhanden, der uns der Hoffnung beraubt, daß dieses nicht noch einmal anders sein werde. Das Christenthum, die Religion der Liebe und Humanität, hat noch Großes zu vollbringen im Dienst der Verbrüderung der Völker, zur Milderung der Sitten und zur Besserung des Looses der Armen und Gedrückten. Der ewige Völkerfriede, von dem der große Königsberger Philosoph Kant träumt, kann nur mit Hilfe des Christenthinus verwirklicht werden." lFortsetzunq folgt.) U Fitterarische Mittheilungell. Voil Hecht- Kayserlings „Handbuch der israelitischen Geschichte" , von.dem eine neue Auflage, die siebente, in Vorbereitung ist, erschiell jüngst eine polnische Uebersetzuug, welche der Schuldirektor N. Landes in Lemberg besorgte (Lemberg 1891). Die dänische Uebersetznng dieses Buches voll M. A. Levy, mit einem Vorwort von Rabbiner D. .Simonsen in Kopenhagen, erschiell im vorigen Jahre. Das „Halldbuch" ist außerdem ius Russische und Ungarische übersetzt. Truck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. VerautworlUch für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.