Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1891)
- Date
- 1891-11-06
- Page
- Seite 539 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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-E» FEUILLETON Ner heilige Herr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. (Fortsetzung.) Sechstes Kapitel. Die Judentaufe. Ein großes Ereigniß, dem man entgegensah, versetzte am weißen Sonntag 1778 die Bevölkerung der alten polnischen Stadt Lublin in die lebhafteste Erregung. Nur bei den Krönungen der Könige in Krakau sah inan sonst eine ähnliche Bewegung. Die Häuser waren mit Fichten und Birkenreisern geschmückt; Fahnen waren an den Fenstern ausgesteckt, und da und dort sah inan ein von grünem Schmuck liingebenes Heiligenbild. Die Bevölkerung der Stadt, sonst in dem traditionellen Schniiitze starrend, erschien gleichfalls im Festgewand. Die Lubliner hatten sich zur Feier des Tages sämmtlich sauber gewaschen und gebürstet und drängten sich munter in den Straßen, den großen Dingen, die da kommen sollten, entgegenseheud. Eine zahlreiche Landbevölkerung mischte sich unter die Bewohner der Stadt lind überbot die Städter noch durch ihre Neugierde; selbst aus weiter Ferne waren Schaulustige herzugeeilt, um Zerige des großen Festes zu sein, welches man in Lublin zu feiern im Begriffe stand. Schon seit Wochen hatte die Fama in ganz Polen davon erzählt: Baron Frank, der große Gegner der Talmudjuden, beabsichtige, sich taufen zu laffen, und der weiße Sonntag war als Tag der Taufe bestimmt. Eine Schaar von Anhängern wollte seinem Beispiel folgen. Man sprach von Tausenden, von Hunderttausenden, ja einige waren gläubig genug, den Uebertritt der gesammten Judenschaft zum Christenthum zu erhoffen. In einem so gut katholischen Lande, wie Polen, machte eine derartige Nachricht naturgemäß ein ungeheures Aufsehen. Die katholische Propaganda hatte schon seit Jahren ungeheure Summen behufs Bekehrung der Juden geopfert, ohne damit auch nur ein bemerkenswerthes Resultat zu erzielen. Nur hier und da hatte ein armer Teufel, noch dazu gewöhnlich ein solcher, von welchem sich seine Glaubensgenoffen zuvor schon abgewandt hatten, das Christenthum angenommen, und Viele von diesen waren, nachdem sie den Säckel gläubiger Christen hinreichend ausgenutzt, wieder zu ihrem alten Glauben zurückgekehrt. Man war daher gewohnt, alle Versuche zur Bekehrung der Juden als hoffnungslose anzusehen und hatte schon längst von einer Propaganda Abstand genommen, bei welcher Polen sein gutes Geld verschwendete, das es zu anderen Zwecken doch viel nothwendiger brauchen konnte. Zur Ileberraschung aller Welt hatten sich nun mit einem Male eine große Zahl Juden fteiwillig zur Taufe gemeldet. Der fabelhafte Baron Frank war bereits seit einigen Tagen in Lublin eingetroffen. Wie ein orientalischer Fürst gekleidet, in einem reich mit Edelsteinen besetzten, gestickten seidenen Kaftan, mit hoher Mütze auf den» Kopfe, an welcher sich eine Diamantagraffe und Federstutz befanden, war er, in einem Sechsspänner sitzend, von einer langen Reihe von Wagen gefolgt, in die Stadt eingefahren. Auch der Großkromnarschall Graf Lubomirski mit seiner Gattin, die Pflegetochter Baron Franks, welche die Gräfin Lubomirska unter ihre Obhut genommen hatte, sowie der junge Graf Lubomirski wohnten schon seit einer Woche in Lublin. Zahlreiche polnische Würdenträger waren gleichfalls seit einigen Tagen anwesend; desgleichen eine Reihe Großwürdenträger der Kirche, darunter der Primas Wratislaw Lubienski und der Generaloffizial der Inquisition, Bischof Turski. Endlich war die Pfarrgeistlichkeit aus den Nachbarstädten zahlreich vertreten, denn die Anzahl der Täuflinge war in der That so groß, daß es der gewöhnlichen Pfarrgeistlichkeit unmöglich war, die ihrer wartende Aufgabe zu bewältigen. Die Volksmassen, welche sich in den Straßen und auf den Märkten umherdrüngten, boten daher einen bunten Anblick, so daß Derjenige, welcher um die Vorgänge, denen man entgegen sah, nicht gewußt hätte, schwerlich den Zweck dieser Zusammenhäufung von Menschen so verschiedener Gesellschaftsklassen errathen Hütte. Polnische Magnaten in prunkvollen Kostümen sah man unter den Bürgern und der Landbevölkerung; Geistliche in prächtigen Gewändern wandelten einher, und inmitten des Volks, angestaunt und da und dort freudig begrüßt, sah man die frankistischen Juden und Jüdinnen. Die Talmudjuden dagegen hielten sich abseits, ihre abtrünnigen Glaubensgenossen verwünschend. In früher Morgenstunde, kurz ehe der Priester die zweite Messe las, war bereits. eine Equipage vor der ehrwürdigen Kathedrale vorgefahren. Zwei- Damen und ein Herr stiegen aus der Kutsche und. betraten die Kirche. Es waren die Gräfin Lubomirska und ihr Sohn, sowie Eva hon Frank. In aller Stille legte hier Eva das katholische Glaubenshekenntniß in die Hände des Priesters ab, lies; sich das Abendmahl! reichen und nahm mit der Gräfin und dem jungen Grafen an joev Messe Theil. Die ganze Feierlichkeit war höchst anspruchslos und ging kaum beachtet vorüber. Als die Damen die Kathedrale verließen, umarmte die Gräfin Eva auf das Herzlichste und nannte sie ihre liebe gute Tochter, die sie nun wie ihr eigenes Fleisch und Blut behüten wolle. Ein prunkvolleres Schauspiel sollte sich eine halbe Stunde später entwickeln. Die große Tauffeierlichkeit begann. In einen; langen Zuge kamen die ersten Täuflinge zur Kirche, denn eswar unmöglich, die vielen, die sich in der Stadt eingefunden hatten, auf einmal zu taufen. An der Spitze des Zugs schritt, von dem Großkronmarschall, der als Stellvertreter des Königs Taufpathe war, geführt, der Baron Frank in seiner prunkenden orientalischen Tracht. Nach ihm schritt Solomon Schor, ein anderer Frankist, gleichfalls von einem polnischen Großen, welcher Pathenstelle vertrat, geführt. Und nun folgten in langer Reihe alle Frankisten und Frankistinnen, sämmtlich ihre Taufpathen zur Seite. Neben dem Zuge gingen rechts und links Priester und Ministranten, Kerzen tragend, Weihrauchfüsser schwingend und froinme Hymnen singend. In der Kathedrale predigte der Primas Wratislaw Lubienski über das Sakrament der Taufe und gab seine Freude über die Bekehrung der Inden dadurch kund, daß er die nahe Erfüllung der biblischen Verheißung: „Es soll ein Hirt und eine Heerde werden", verkündigte. Nach der Predigt fand die Taufe statt, welche mit würdiger Einfachheit vollzogen wurde. Die Neugetauften nahmen dann noch an einer großen feierlichen Messe Theil, und den Baron von Frank sah man, wie er sich nach orientalischer Weise vor den; höchsten Gut zur Erde warf. Nach Beendigung des Gottesdienstes wurden die Neugetauften von ihren Patheu reich beschenkt. Aus der Kabinets-Kasse König Stanislaus Augusts wurden jedein Täufling zwei Dukaten gespendet, nachdem schon vorher Allen, die sich zur Taufe gemeldet hatten, nach alter Sitte das Taufhemd aus feinem weißen Leinen verabreicht worden war. Neue Züge von Täuflingen folgten dann. Viele ließen sich in anderen Kirchen die Taufen spenden, und als der Abend herannahte, hatten die Priester >nehr als siebentausend Juden die Taufe verabreicht. In der Stadt fanden allerwärts Festlichkeiten zu Ehren der Täuflinge statt. In Gelagen und Tanzbelustigungen feierte die Bevölkerung das freudige Ereigniß.